Notrufnummer
Ärztliche Notrufnummer: Die fiebrige Suche nach einer Lösung, die weniger wehtut

Der Regierungsrat beschloss, eine kostenfpflichtige 900er-Notrufnummer einzuführen. Doch der Aargauer Ärzteverband will die Gebührenpflicht trotz Sparbefehl der Regierung vorläufig nicht umsetzen.

Urs Moser
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Grippeuntersuchungen für säumige Prämienzahler sollen nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden.

Grippeuntersuchungen für säumige Prämienzahler sollen nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden.

Keystone

800 401 501: Es ist noch keine zwei Jahre her, da wurde die Einführung dieser einheitlichen ärztlichen Notfallnummer als grosse Errungenschaft gefeiert.

Früher hatte jeder der 17 Notfallrayons seine eigene Lösung, seit November 2012 erreicht man im ganzen Kanton über die gleiche Gratis-Nummer automatisch den Hausarzt, der in seinem Gebiet Notfalldienst hat.

Das ist nicht nur ein Dienst am Patienten, es entlastet auch die Spitäler, wenn ihre Notfallstationen nicht von Leuten überrannt werden, deren Probleme medizinisch gesehen ein Bagatellfall sind.

Genau dieser Effekt drohe nun zu verpuffen, sagt Roli Schumacher, Präsident des Freiämter Ärzteverbands.

Den Beitrag an die Notrufnummer zu streichen bzw. eine kostenpflichtige 900er-Notrufnummer einzuführen, wie es der Regierungsrat beschlossen hat, sei «ein kurzsichtiger und kontraproduktiver Entscheid».

Die vermeintliche Einsparung werde zum kostentreibenden Faktor im Gesundheitswesen, wenn die Patienten direkt ins Spital gehen oder eine Ambulanz anfordern, statt die teure Notrufnummer zu wählen.

Schumacher hat sich mit den anderen Bezirkspräsidenten kurzgeschlossen und stellt fest: «Die überwiegende Mehrheit der Ärzteschaft verurteilt diesen Rückschritt in der medizinischen Grundversorgung und will ihn intensiv bekämpfen.»

Der erbitterte Widerstand regt sich etwas spät. Die Sparmassnahme (die in seinem Kompetenzbereich liegt und keinen Parlamentsbeschluss braucht) hat der Regierungsrat schon vergangenen August erstmals kommuniziert, und sie soll bereits auf den 1. Juli umgesetzt sein.

Das Aufbäumen erst in letzter Minute ist wohl mit internen Spannungen zu erklären. Der az liegt ein von Roli Schumacher verfasstes Papier vor (er selbst wollte dem Frieden zuliebe damit vorerst nicht an die Öffentlichkeit), das dem kantonalen Ärzteverband widerstandslosen Gehorsam gegenüber dem regierungsrätlichen Sparauftrag und Kompetenzüberschreitung beim Abschluss eines neuen Vertrags für den Betrieb der gebührenpflichtigen Notrufnummer vorwirft.

Das medizinische Callcenter Medphone wird künftig bereits beim Eingang der Anrufe eine erste medizinische Beratung und Triage der Fälle vornehmen. Das verteuert die Sache: Der Betrieb der Notrufnummer wird so gegen eine Million im Jahr kosten. Werden die Kosten voll auf die Anrufer überwälzt, müssten sie Fr. 6.50 pro Gesprächsminute zahlen.

Ärzteverband sucht Alternativen

Eine so hohe Gebühr wolle man aber auf keinen Fall verrechnen, sagt Ärztepräsident Hans-Ulrich Iselin, der auch die Vorwürfe einer tatenlosen Akzeptanz des Sparbefehls zurückweist.

Im Hintergrund liefen die Drähte heiss, so Iselin. Zentral sei ihm das Anliegen, die Errungenschaft der zentralen Nummer beibehalten zu können.

Aufgrund der Ausgangslage mit dem Wegfall der Kantonsbeiträge sei der Beschluss zur Einführung einer gebührenpflichtigen Nummer als Flucht nach vorn zu betrachten. Der massive Widerstand aus der Basis hätte die Verbandsführung aber veranlasst, die Umschaltung auf die gebührenpflichtige Nummer bereits auf den 1. Juli vorerst zu stornieren und das Thema an der Hauptversammlung des Ärzteverbands am 19. Juni breit diskutieren zu lassen.

Um die Gebühr in einem akzeptablen Rahmen zu halten, ist man mit den Spitälern über eine Kostenbeteiligung im Gespräch.

Laut dem Spitalverband Vaka soll demnächst ein Entscheid in dieser Sache fallen. Auch die Ärzteschaft selber könnte sich beteiligen: «Eine Basis dafür könnte die Ersatzabgabe der vom Notfalldienst dispensierten Ärzte sein», so Iselin.

Die Diskussion darüber sei aber verbandsintern noch nicht geführt und die entsprechenden Mittel seien bis zum Inkrafttreten des revidierten Gesundheitsgesetzes (das überhaupt die Rechtsgrundlage zum Einzug der Ersatzabgabe liefert) noch blockiert.