Abstimmung
Ärzte als Medi-Verkäufer: Aargauer «Pillenkrieg» geht in die heisse Phase

Sollen Ärzte zukünftig Medikamente abgeben dürfen? Das Fernduell: Arzt Jürg Lareida aus Aarau und Apothekerin Martina Sigg aus Schinznach-Dorf werben für «ihre» Initiative. Ihre Berufe sehen sie beide arg in Gefahr.

Mathias Küng
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Der Aargauer «Pillenkrieg» geht in die heisse Phase

Der Aargauer «Pillenkrieg» geht in die heisse Phase

Im Aargau gilt grundsätzlich, dass vom Arzt verschriebene Medikamente in der Apotheke zu holen sind.

In Regionen, wo der Weg zur nächsten Apotheke zu weit ist, können Ärzte eine Bewilligung für eine Privatapotheke erhalten.

Die meisten politischen Parteien finden wie die Kantonsregierung, diese Lösung habe sich im eher ländlichen Kanton Aargau bewährt.

Sie sehen keinen Handlungsbedarf. Sie lehnen deshalb sowohl die Initiative der Ärzte «Ja zur ärztlichen Medikamentenabgabe» sowie diejenige der Apotheker «Miteinander statt Gegeneinander» ab.

Ärzte und Apotheker dominieren

Ein Doppel-Nein-Komitee tritt aber nicht in Erscheinung. So dominieren Ärzte und Apotheker den für beide Berufsgruppen so wichtigen Abstimmungskampf.

Ihre zahlreichen Plakate und Inserate zeigen: der Abstimmungskampf befindet sich knapp drei Wochen vor der Entscheidung in der heissen Phase.

Gerade weil Regierung und Grosser Rat das geltende System auch in der jüngsten Revision des Gesundheitsgesetzes unterstützt haben und die Ärzte dort mit einem Wahlfreiheitsvorstoss klar abgeblitzt sind, griffen sie schliesslich zum Instrument der Initiative.

Die Apotheker taten es ihnen gleich. Sie wollen das Ärzteanliegen bodigen und das im Gesetz geregelte System gar auf Verfassungsstufe hieven.

Doch welches sind die herausragenden Argumente beider Seiten? Die az hat einen Arzt und eine Apothekerin besucht und mit ihnen über ihre Motivation und ihre Hoffnungen für «ihre» Initiative gesprochen, aber auch über ihre Befürchtungen, falls die andere Seite obsiegen sollte.

Jürg Lareida in der Arztpraxis in Aarau.

Jürg Lareida in der Arztpraxis in Aarau.

Hausarzt-Beruf in Gefahr: Jürg Lareida kämpft gegen die Initiative der Apotheker und für die Mediziner der Zukunft.

Nein, in seine Fussstapfen zu treten würde Jürg Lareida seiner Tochter nicht unbedingt raten. Im Gegenteil. «Die Bedingungen für Ärzte sind immer schwieriger geworden. Das verdirbt die Freude am Beruf, der doch so attraktiv und schön ist.» Sagt das Stimmvolk am 22. September Ja zur Apotheker-Initiative, so fürchtet er, werde es noch schlimmer.

Kommt das Medikamentenverkaufs-Verbot in die Verfassung, sei es «in Stein gemeisselt». Dabei müsse dafür geschaut werden, die Attraktivität des Ärzteberufs wieder zu erhöhen. Die Ärzte-Initiative, wonach die Mediziner selber entscheiden können, ob sie Medikamente verkaufen wollen oder nicht, soll ein Schritt in diese Richtung sein.

Nur noch untersuchen?

«Geht die Erosion des Berufs weiter, kann ein Hausarzt letztlich nur noch untersuchen und Überweisungen ausfüllen, darüber hinaus aber nichts mehr selber machen. Das ist nicht spannend. So findet man keine guten Leute.»

Der Vorwurf, den Ärzten gehe es nur ums Geld, weist Lareida zurück. Diese Unterstellung tue ein wenig weh. «Wir wollen dem Patienten, nicht dem eigenen Portemonnaie etwas Gutes tun.» Einerseits seien die Margen zu klein, um das grosse Geld machen zu können. Andererseits könne es sich kein Mediziner leisten, eine Therapie zu verschreiben, die nicht funktioniere.

Marketing-Gag der Apotheker

Das von den Apothekern angeführte Argument des Vieraugen-Prinzips bezeichnet Jürg Lareida als «Marketing-Gag». Schliesslich schaue den Apothekern beim Verkauf rezeptfreier Medikamente auch niemand auf die Finger.

«Apotheker haben ausserdem keine Ahnung, ob die Leute ihre Medikamente auch nehmen. Wir hingegen können den Erfolg einer Therapie kontrollieren.» Auch an ein Apothekensterben glaubt Jürg Lareida nicht. «Die Ärzte-Initiative macht keine Apotheken kaputt.»

Seit bald 20 Jahren betreibt Jürg Lareida an der Vorderen Vorstadt in Aarau eine Praxis, die spezialisiert ist auf Hormonkrankheiten.

Einen Medikamentenschrank oder einen Lagerraum sucht man dort vergeblich. Daran würde wahrscheinlich auch ein Ja für die Ärzte-Initiative nichts ändern, sagt Lareida. «Vor allem Ärzte in ländlichen Gebieten würden dann eine eigene Apotheke einrichten», vermutet er.

Ärztenachwuchs in Familie

Dennoch engagiert sich Lareida im Abstimmungskampf und sitzt gar im Initiativkomitee. Die Flyer - Ja zur Ärzte-Initiative, Nein zur Apotheker-Initiative - liegen auf dem Pult
im Behandlungszimmer. Dass nach Minuten abgerechnet wird, erschwert das politische Gespräch in der Sprechstunde. Die Apotheker hätten es da bedeutend einfacher, sagt Lareida.

Trotzdem ist es ihm ein Anliegen, die Argumente der Ärzte zu erklären. «Denn die Bevölkerung hat schliesslich den Schaden, wenn es künftig nicht mehr genug Ärzte geben sollte.» Medizinernachwuchs gibt es zumindest in der eigenen Familie: Der väterliche Rat fruchtete nicht, seine Tochter studiert Medizin.

Martina Sigg in der Apotheke Schinznach

Martina Sigg in der Apotheke Schinznach

Die Apotheke steht auf dem Spiel: Apothekerin Martina Sigg fürchtet um ihr Geschäft, sollten die Ärzte mit ihrer Initiative gewinnen.

In der Apotheke Schinznach-Dorf ist das Abstimmungsfieber ausgebrochen. Das grüne Pflaster der Apotheker-Initiative prangt auf Tür, Boden, Flyern - und dem weissen Poloshirt, das Apothekerin Martina Sigg gegen den Apothekerkittel eingetauscht hat.

Für Sigg und ihren Mann Elmar Sutter, mit dem sie das Geschäft mitten im Dorf seit 1990 gemeinsam führt, steht am 22. September viel auf dem Spiel: Nicht weniger als die Zukunft der Apotheke, befürchtet die FDP-Grossrätin. «80 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Rezeptverkauf.»

Besonders Landapotheken wie ihre hält sie für gefährdet. «Anders als in der Stadt gibt es hier kaum Laufkundschaft.»

Die Schinznacher müssten auf kurze Sicht wohl trotzdem nicht auf ihre Apotheke verzichten. Die beiden Ärzte vor Ort haben dem Apotheker-Paar zugesichert, auch künftig in ihren Praxen keine Medikamente zu verkaufen. «Doch beide sind schon über 60 Jahre alt.» Was danach kommt, ist offen.

Die Insel Schinznach-Dorf

Schinznach-Dorf ist eine Insel auf der Karte, die Sigg hervorholt. Eine Insel, umgeben von Gemeinden ohne Apotheke. Von diesen gäbe es deutlich mehr, wenn die Ärzte Medikamente verkaufen dürften, prophezeit Sigg.

Zum Beweis zieht sie sogleich Tabelle und Karte über die Lage im Kanton Luzern hervor. Im Nachbarkanton, wo die Ärzte Medikamente verkaufen dürfen, sind es rund zwei Drittel weniger Apotheken als im Aargau. Die grosse Mehrheit der verbliebenen Geschäfte befinden sich im Grossraum Luzern.

Eine ähnliche Entwicklung möchte Sigg im Aargau verhindern. Auch deshalb, weil «vier Augen besser sind als zwei». Das erhöhe die Sicherheit für die Patienten. Denn ungenaue oder falsche Angaben auf Rezepten seien keine Seltenheit.

«Deshalb braucht es die persönliche Kontrolle durch die Apotheker.» So habe man etwa schon verhindert, dass ein Patient ein Osteoporose-Medikament statt einmal monatlich wöchentlich einnahm - «eine gefährliche Überdosierung», sagt Sigg und zählt eine Reihe weiterer Fälle auf. «Um derartige Fehler zu vermeiden, kämpfen wir aus Überzeugung für das ‹Miteinander statt Gegeneinander› der beiden wichtigen Medizinalberufe.»

Verlockende Zusatzverkäufe

Zusammenarbeit mit den Ärzten sei eine Selbstverständlichkeit, die zum Tagesgeschäft gehöre, sagt Sigg. Sie glaubt aber nicht, dass Ärzte denselben Service wie Apotheker anbieten könnten.

In den tiefen alphabetisch geordneten Schubladen der über 150-jährigen Apotheke lagern bis zu 7000 Medikamente. Drei Lieferungen treffen jeden Tag ein.

Für einen Arzt sei die aufwendige Bewirtschaftung des Medikamentenlagers kaum im gleichen Mass möglich, weshalb Sigg befürchtet: «Verkauft wird das Produkt, das an Lager ist, aber nicht unbedingt das beste.» Verlockend seien auch Verdienste aus Zusatzverkäufen - «das probiert jeder gute Verkäufer».