«Gleich hinter dem alten, rostigen Gartenzaun und den dichten, grünen Hecken sind Will und Olli zu Hause. Ihr Garten ist der schönste weit und breit. Hier stehen grosse alte Bäume und zarte Sträucher, und es wachsen unzählige bunte Blumen, deren Düfte wie ein zartes Parfum durch die Luft schweben.» - Diese ersten Sätze aus dem Kinderbuch «Zeig mir deine grosse Welt» beschreiben keine Traumwelt. Das kleine Paradies gibt es tatsächlich: in Bad Zurzach, nur wenige Meter von der deutschen Grenze entfernt.

Die Besucherin erblickt Olli schon von Weitem. Leise vor sich hin brummelnd zieht er auf dem feinen Rasen seine Bahnen. Olli ist weder Hund, noch Katze, noch Kaninchen - Olli ist ein Rasenmäherroboter, wie sein Freund Will. Ihr Revier: Der Garten von Elisabeth Indermühle, Hobbygärtnerin und Kinderbuchautorin.

Es ist einer dieser Gärten, bei denen man nicht sagen würde: «Er gehört zum Haus.» Sondern: «Das Haus gehört zum Garten.»

Auf dem 26 Aren grossen Grundstück findet man weitläufigen englischen Rasen und blühende Rosen. Kräuter- und Salatbeete, in einem akkuraten Muster angelegt und mit niedrigen Buchshecken gesäumt.

In Indermühles Garten gibt es aber auch einen alten Armeebunker, eine englische Telefonkabine und Straussenvögel aus zimbabwischen Ölfässern, von Künstlerhand geschaffen. Und unter dem Gemüsebeet sind Reste eines Römerbades verborgen - «Die Stelle wurde ausgiebig archäologisch untersucht, bevor ich das Beet anlegen durfte», erinnert sich Indermühle.

Ein riesiges, sehr gepflegtes Grundstück mit allerlei Schätzen - man könnte sich Indermühle als eine der herausgeputzten Damen aus einem Rosamunde Pilcher-Film vorstellen.

Das würde ihr aber nicht gerecht: Die 65-jährige, feingliedrige Frau wirkt so bescheiden und natürlich, dass man sie sofort mögen muss. Dennoch seien die öffentlichen Gärten des Landhaus Ettenbühl in Bad Bellingen das grosse Vorbild für ihren eigenen Garten, verrät sie: «Das ist ein englischer Garten mit wunderschönen Rosen - meine Lieblingsblumen. Die Engländer haben überhaupt einen tollen Stil beim Gärtnern: Da passt alles zusammen, von der Arbeitskleidung bis zur Spritzkanne.»

Eine «Hobbygärtnerin nach Strich und Faden» sei sie, sagt Indermühle. «Das habe ich von meiner Mutter geerbt.» Angefangen mit einem kleinen Beet, das sie in den Ferien bei ihrer Tante pflegen durfte, über Schrebergärten bis hin zu zwei Schaugärten im Steinbruch Mellikon, die sie selber entworfen und angelegt hat - Elisabeth Indermühle hat unzählige Stunden ihres bisherigen Lebens in Gärten verbracht, tonnenweise Gemüse angepflanzt und Unkraut gejätet.

Als sie vor zehn Jahren plötzlich schwer erkrankte und operiert werden musste, ging auf einen Schlag nichts mehr. Indermühle musste viele Alltagsaktivitäten wieder neu lernen, war lange Zeit ans Haus gebunden. «Meine Familie und mein Garten haben mir dabei sehr geholfen», erzählt sie und lächelt ihrer Tochter Sandra zu, die neben ihr sitzt und ihre eigene kleine Tochter Livia auf dem Schoss hält.

Heute geht es Elisabeth Indermühle besser, aber ihre Sehkraft ist deutlich eingeschränkt. Dennoch arbeitet sie fast täglich ein bis zwei Stunden im Garten: «Zweimal im Jahr hilft mir ein Gärtner bei den groben Sachen wie dem Heckenschneiden. Alles andere erledige ich selber. Zwar einen Schritt langsamer als früher - aber immernoch schnell.»

Und dann sind da natürlich Will und Olli, die Elisabeth Indermühle seit ihrer Erkrankung unterstützen und mittlerweile aus dem Garten nicht mehr wegzudenken sind. Seit Kurzem sind die beiden die Stars in Indermühles erstem Kinderbuch.

Die meisten Tiere und Orte aus diesem Buch existieren tatsächlich, zum Beispiel Schnecke Olga oder Igel Max. Auch der «weite Rasen», aus dem die beiden im Buch «einen samtweichen, schön geschnittenen Teppich» machen. Damit er so schön bleibt, wird er gewässert - mit Regenwasser. Es wird von Dachrinnen direkt in den alten Bunker geleitet, der am Rand des Gartens steht, in Sichtweite zur Zollbrücke. Als der Bund den Bunker ausmusterte, konnten Indermühles ihn kaufen. Der Mannschaftsraum im unteren Stock dient nun als Reservoir für bis zu 50 000 Liter Wasser. Der Waffenraum im Obergeschoss steht leer, wurde aber beim Dorffest auch schon als Bar genutzt.

«Die Zollbrücke war früher ein Sprengobjekt», erzählt Indermühle. «Im Bunker war der Schalter, mit dem man die Sprengung hätte auslösen können. Alle paar Wochen kamen Armeeangehörige vorbei und führten in unserem Garten Manöver durch. Einmal hat man eine Truppe bei uns vergessen: Die Männer mussten tagelang ausharren, ohne Nachricht vom Vorgesetzten, und natürlich ohne Essen. Da habe ich ihnen Suppe gekocht, Brot gebacken und Kafi mit Schnaps serviert. Als die Männer dann nach drei Tagen abgezogen wurden, haben sie mir extra ein Blüemli gekauft. Und viel, viel später kam mitten in der Stadt Baden ein Mann auf mich zu und fragte, ob ich diejenige sei, mit der roten Telefonkabine im Garten - er erinnere sich noch daran, wie froh die Truppe gewesen sei, dass sie etwas zu Essen erhalten hat.»

Die besagte Telefonkabine, ein Original aus London und über 800 Kilogramm schwer, habe ihr Mann unbedingt haben wollen, sagt Indermühle lachend.

«Anfangs hat sie mir nicht gefallen mit ihrer knalligen Farbe. Mittlerweile finde ich sie lustig. Sie gehört einfach zum Garten.» Das gilt auch für Indermühles kleinen Pavillon aus Holz, an dem ihr Herz ganz besonders hängt.

«Als Kind war ich oft bei meiner Tante in Lengnau. In der Gartenwirtschaft hinter der Post stand dieses Häuschen, wir haben oft darin gespielt. Viele Jahre später, als wir durchs Dorf fuhren, habe ich es zufällig wieder gesehen: Ganz verlottert stand es auf dem Abbruch. Wir konnten es für ein Butterbrot kaufen und haben es restauriert. Seither steht es bei uns im Garten und bekommt alle paar Jahre einen neuen Anstrich - im Moment ist es rot-grau.»

Wie der Pavillon ändert auch Indermühles Garten ständig seine Gestalt. Wo früher stets ein Dutzend Nachbarskinder herumtobte, ist es ruhiger geworden. «Ein Garten ist nicht für 20 Jahre angelegt, er ist immer wieder anders. Jedes Jahr muss man neu entscheiden, welche Pflanze wo am besten gedeiht, was zueinander passt, und was nicht. Das alles ist ein ewiger Lernprozess und eine Herausforderung, aber das macht das Gärtnern erst richtig interessant.»

Jetzt gerade sei der Garten genau so, wie sie ihn haben wolle - «Aber wer weiss, was dann im Herbst ist…», sinniert die Hobbygärtnerin. Bis dahin geniesst sie die Zeit in ihrem «erweiterten Wohnzimmer», wie sie den Garten nennt, denn «schliesslich soll man sich auch am Garten freuen dürfen und nicht immer nur darin arbeiten». Das gilt allerdings nicht für Will und Olli, die - solarbetrieben - ständig dafür sorgen, dass der Rasen ordentlich aussieht. Und nebenbei Indermühles Enkelinnen unterhalten: «Lueg», sagt die sechsjährige Livia und zeigt auf die Räder des Mähers, an denen nasses Laub klebt, «de Olli het ganz dräckigi Füess!»

Das Buch zum Garten

Elisabeth Indermühles Garten bietet Stoff für tausend Geschichten - eine davon hat die Hobbygärtnerin kürzlich im Kinderbuch «Zeig mit deine grosse Welt: Will und Olli - eine zauberhafte Gartengeschichte».

«Mir ist aufgefallen, dass vor allem Kinder die Rasenmäher behandeln, als wären sie lebendig», erzählt sie. Aber nicht nur die Schüler, die Olli am Morgen auf dem Schulweg begrüssen, oder Indermühles Enkeltöchter sehen in Will und Olli eine Art Haustiere - auch die Erwachsenen ertappen sich mitunter dabei, wie sie mit den Maschinen sprechen.

«Eines Morgens ritt eine dicke Weinbergschnecke auf dem Rücken des Mähers durch den Garten. Weil das so lustig aussah, bat mich meine Familie, daraus doch ein Büechli zu machen», erzählt Indermühle.

Geschrieben habe sie zwar schon immer gerne, aber gezeigt habe sie ihre Geschichten lange niemandem. Dieses Mal war es anders: Unterstützt und ermutigt von ihrer Familie und dem Rasenmäher-Hersteller machte sie sich ans Werk. Entstanden ist die Geschichte von Will, der die Weinbergschnecke Olga auf seinem Rücken durch den ganzen Garten trägt, und dabei seine tierischen Freunde trifft. Es ist eine Geschichte über die Wunder des Alltags in der kleinen, grossen Gartenwelt.

Auch Olli kommt im Buch vor - aber offenbar nicht oft genug: «Mich haben schon ein paar grosse und kleine Leser darauf hingewiesen, dass sie gerne mehr von ihm erfahren hätten. Es könnte also durchaus sein, dass es ein weiteres Buch gibt.»

Die erste Ausgabe ist jedenfalls aussergewöhnlich geworden - nicht nur wegen der Rasenmäher als Protagonisten, sondern auch, weil die Illustrationen aussehen wie Collagen: Illustratorin Corinne Bromundt arbeitete nicht nur mit flächigen Farben, sondern auch mit Karo-Stoffmustern und fotografischen Elementen. Das scheint anzukommen: Seit der ersten Buchpräsentation an der Ausstellung «Giardina» im April wurde die Hälfte der 1500 gedruckten Exemplare verkauft.

Weitere Informationen: www.willundolli.ch