Die Grossratskandidaten buhlen vor den Wahlen um Publizität in den Medien. Da kommt so ein Angebot wie das von den drei Lokalzeitungen «General-Anzeiger», «Rundschau Nord» und «Rundschau Süd» (Auflage: 82000) des Brugger Verlags Effingerhof AG gerade recht: Ende August haben alle Grossratskandidierenden im Verbreitungsgebiet in den Bezirken Brugg und Baden einen Brief erhalten von der Inserateabteilung. Für die Sonderseiten der Grossratswahlen, die im redaktionellen Teil erscheinen, können sich die Kandidaten ein Porträt kaufen: Entweder schalten sie Inserate in der Höhe von 550 Franken oder bezahlen diesen Betrag direkt für einen Artikel über sich selbst.

Peter Studer: «Total daneben»

Jungsozialisten-Präsident Florian Vock wohnt in Gebenstorf und hat als Grossratskandidat ebenfalls einen solchen Brief erhalten, welcher der az vorliegt. Er reicht nun eine Beschwerde beim Presserat ein, weil die Unabhängigkeit der Journalisten gefährdet sei. «Hier werden grundlegende journalistische Prinzipien verletzt, weil die Inserateabteilung in den redaktionellen Teil eingreift.»

In einem Interview werden nach seinen Angaben durch die Kandidaten Fragen beantwortet, welche diese im Vorfeld aus einer Auswahl selbst bestimmen konnten. Das verstösst in seinen Augen ganz klar gegen die Punkte 10 und 11 der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalisten, wo es unter anderem heisst: «Journalisten vermeiden in ihrer beruflichen Tätigkeit jede Form von kommerzieller Werbung und akzeptieren keinerlei Bedingungen vonseiten der Inserenten.» Wer zudem die 550 Franken nicht aufbringen kann, werde laut Vock benachteiligt.

Unterstützung erhält Vock von Peter Studer, dem früheren Präsidenten des Presserates. «So ein Deal für 550 Franken im redaktionellen Teil ist total daneben.» Entweder mache ein Grossratskandidat ein Inserat oder die Lokalzeitung berichte nach journalistischen Kriterien über die Kandidierenden. Vergleichbare Fälle gab es anscheinend in den Neunzigerjahren, als Lokalradios für Geld über Unternehmen berichteten. Durch die Intervention des Presserates wurde diese Praxis dann eingestellt.

Nicht das erste Mal

Stefan Biedermann, Geschäftsführer des Verlagshauses Effingerhof, wollte gestern keine Stellung zu den Vorwürfen nehmen. Eine Beschwerde des Presserates sei ihm bisher nicht bekannt. Die beiden Chefredaktoren der Lokalzeitungen, Friderike Saiger und Peter Belart, weilen in den Ferien und waren gestern für die az nicht erreichbar. Von der Redaktion wollte niemand Auskunft geben.

Wohlwollende Porträts über die Kandidaten haben die drei Lokalzeitungen bereits bei den Nationalratswahlen im letzten Jahr verkauft. Damals kostete eine Publikation noch 350 Franken. Wer Inserate für 600 Franken geschaltet hatte, wurde ebenfalls porträtiert. Friderike Saiger, Chefredaktorin der «Rundschau Nord» und «Rundschau Süd», sagte damals zur az: «Die Leser sind keine Dummköpfe. Die können sich ihre Meinung trotzdem bilden.» Saiger betonte zudem, dass auf Ausgeglichenheit geachtet würde.