Bezirksgericht
«Arschloch» – dann schlägt er ihm eine halbvolle Bierflasche ins Gesicht

Ein als Hooligan verurteilter Schläger zog einem turtelnden Mann eine Bierflasche über den Kopf. Jetzt wurde er zu einer einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt – bedingt, Probezeit 5 Jahre. Er muss zudem eine Busse von 1500 Franken bezahlen.

Mario Fuchs
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Ein Hooligan mit einer Bierflasche in der Hand.

Ein Hooligan mit einer Bierflasche in der Hand.

Keystone

Diese ist eine dieser Geschichten, bei der schon das erste Wort verrät, wie sie endet: «Eigentlich». Geschichten, die mit «eigentlich» beginnen, müssen nicht schlecht ausgehen, tun es aber meistens. Eigentlich wollten Liam* und André* am Freitag, 26. September 2014, gar nicht in den Ausgang. Nur ein Bier trinken, vielleicht zwei, in der «EG»-Bar in Windisch.

Am nächsten Tag fand in Zürich «freestyle.ch» statt, das grösste Schweizer Festival für Snowboarder, Skater, Biker. Das wollten sie nicht verpassen. «Aber dann haben wir doch noch etwas weitergemacht, sind noch ins Halli Galli», erzählt Liam, der am Gericht mit Sneakers, Cargo-Hose und T-Shirt erscheint und die Baseballkappe auf der Hutablage vor dem Saal lässt.

In jener Freitagnacht, etwas nach 2 Uhr, hat Liams Freund André eine lustige Idee. Doch die Idee hat das Problem, das alle lustigen Ideen nach 2 Uhr in einer Freitagnacht haben: Nicht alle finden sie lustig.

André posiert für ein paar Selfies. Vor einem Paar, das sich gerade küsst, einem Paar, das er nicht kennt. Fabio* ist der, der die Idee nicht lustig findet. Er kennt das Paar. Und fragt Liam, was André da mache. Es folgt laut Anklageschrift eine «zunächst verbale Auseinandersetzung», bei der «gegenseitig Gehässigkeiten ausgetauscht» werden. Fabio flüstert Liam etwas ins Ohr.

Liam erinnert sich: «Ich wollte gehen, bevor es noch mehr Probleme gibt. Aber Fabio kam zu mir. Immer näher. Sagte mir ins Ohr, wir müssten das jetzt klären. Runtergehen und klären. In zwei Minuten draussen, das hat er gesagt.»

Die Worte lösen bei Liam einen Kurzschluss aus. Er denkt nicht, sondern handelt: Die halbvolle Bierflasche, die er in der Hand hält, schlägt er Fabio ins Gesicht. Sie zerspringt zum Glück nicht, hinterlässt dennoch eine Schnittwunde. «Ich wusste gar nicht mehr, dass ich eine Flasche in der Hand hatte. Ich wollte ihn nur wegschubsen. Ich hatte Angst. Ich entschuldigte mich auch sofort», sagt Liam.

Ein Video zeigt alles

Die Richterinnen und Richter hören ihm aufmerksam zu. Dann sagt Gerichtspräsidentin Franziska Roth: «Wir haben alle das Video gesehen. Das sieht überhaupt nicht nach Wegschubsen aus. Dass Sie Angst hatten, kaufe ich Ihnen nicht ab.»

Er sei ja einschlägig vorbestraft, erinnert sie Liam, weil er als Fussball-Ultra Steine auf Polizisten geworfen habe. Da könne er ja kaum behaupten, Angst gehabt zu haben.

Liam beteuert: «Ich wollte wirklich nicht so reagieren! Und ich bin auch nicht in der Ultra- oder Hooliganszene. Wir sind nur ein Verein, der zusammen an Spiele geht.»

Er sei von Fabio provoziert worden, mit Fluchwörtern eingedeckt, Hurensohn, Weichei, Arschloch, da habe es «wie blockiert», da habe er «nicht mehr weiter überlegen» können.

Der Staatsanwalt spricht von einem unerwarteten, heftigen und hinterhältigen Schlag. «Das hätte wortwörtlich ins Auge gehen können», stellt er mit erhobenem Zeigefinger fest. Liam müsse angemessen bestraft werden, und angemessen sei eine einjährige Freiheitsstrafe, unbedingt. «Ich sehe absolut keine mildernden Umstände.»

Liams Verteidigerin schon. Sie sagt: «Es war Putativnotwehr.» Damit meint sie: Liam habe so heftig reagiert, weil er der irrigen Annahme gewesen sei, sich in einer Notwehrsituation zu befinden, einen unmittelbar bevorstehenden Angriff abwehren zu müssen. «Liam und André waren nur zu zweit, die anderen zu siebt, er fürchtete wirklich um sein Leben.» Sie fordert: maximal sechs Monate, bedingt.

«Keine Bagatelle»

Im Gerichtsaal sitzt auch Fabio, der Strafkläger. Er sagt: «Wir waren beide besoffen. Ich weiss nicht mehr, was ich gesagt habe, was er gesagt hat. Ich weiss noch, dass er sich danach bei mir entschuldigt hat. Das war okay. Aber als er dann rausging, lachte er. Das geht nicht.»

André sagt am Gericht, es tue ihm leid, er würde die Zeit sofort zurückdrehen, wenn er könnte. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. Und befindet nach eineinhalb Stunden: Liam ist schuldig der einfachen Körperverletzung.

Er wird, wie es der Staatsanwalt forderte, zu einer einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt – allerdings bedingt, Probezeit 5 Jahre. Dazu muss er eine Busse von 1500 Franken bezahlen. «Das ist keine Bagatelle», sagt Gerichtspräsidentin Roth.

Weil Liam aber für seinen jüngeren Bruder sorgt und sich im Beruf weiterbildet, beurteilt das Gericht seine Situation als stabil, hofft, dass er sich diesmal bewährt – und rät ihm «dringend», sich von den Fussball-Ultras zu distanzieren. Dabei wollte er doch an jenem Freitagabend gar nicht in den Ausgang – eigentlich.

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