Laura D’Auria humpelt leicht, als sie das Gebäude des Kirchlich Regionalen Sozialdienstes (KRSD) der Caritas in Oftringen betritt. Sie kennt sich gut aus in dem Gebäude, ist wöchentlich hier. «Die Caritas hat mir in all den Jahren geholfen. Ohne sie und meine Familie wäre ich in eine Depression abgerutscht», erzählt D’Auria und setzt sich an den kleinen runden Tisch im Büro von Marco Giorgi.

Nach ihrer ersten Operation 2013 musste Laura D’Auria in eine Reha-Klinik. Sie konnte das Knie nicht mehr belasten. «Die Reha-Klinik half mir. Aber ich brauchte trotzdem zweieinhalb Jahre einen Gehstock», sagt die 58-Jährige. Da ihre Schmerzen nicht nachliessen, musste sie eine erneute Operation über sich ergehen lassen. Heute bekommt sie regelmässig Betäubungsspritzen, um schmerzfrei gehen zu können. Da sie als Raumpflegerin arbeitete, konnte sie ihrem Beruf nicht mehr nachgehen. So musste sie irgendwann aufs Sozialamt.

«Als ich das erste Mal beim Sozialamt war, wurde mir bewusst, dass ich arm bin», erzählt sie mit Tränen in den Augen. «Ich habe oft geweint und mich sehr geschämt. Ich wollte nicht von der Sozialhilfe leben.»

Zum KRSD der Caritas kam Laura D’Auria 2016. Die Organisation half ihr mit einem Budget und zeigte ihr, wie sie mit 986 Franken im Monat leben kann. Von diesem Betrag sind 333.99 Franken für Nahrungsmittel und Getränke vorgesehen, 128.47 Franken für Bekleidung und Schuhe. Die Miete und die Krankenkasse bezahlt die Sozialhilfe; ohne ihre Familie hätte Laura D’Auria es trotzdem nicht geschafft. «Ich hatte Panik davor, betrieben zu werden», erinnert sie sich. «Also sparte ich das Geld beim Essen. Es interessierte mich nicht, ob mein Kühlschrank leer war oder nicht. Ich wollte einfach meine Rechnungen bezahlen können.» Trotzdem landete eines Tages eine Betreibung vom Steueramt im Briefkasten. «Ich konnte meine Steuern einfach nicht mehr bezahlen.»

Ein weiteres Problem war die Wohnungssuche. «Meine alte Wohnung war zu teuer», erklärt sie, und: «Auf dem Sozialamt wurde mir wenig geholfen.» Sie habe zwar Geld gekriegt, aber wenig Verständnis für ihre Situation.

«Es war extrem schwierig, eine Wohnung zu finden. Ich konnte keine Kaution zahlen.» Diese hat die Schwester dann übernommen. «Aber sie kriegt das Geld natürlich zurück. Ich will nicht um Geld betteln. Das ist mir peinlich.» Sie schaut nachdenklich aus dem Fenster. Ihre Freunde boten ihr an, sie zum Essen einzuladen. «In dieser Zeit merkte ich, wer meine wahren Freunde sind und wer mich nur ausgenutzt hat.» Sie lernte auch, zu sparen. «986 Franken im Monat sind sehr wenig», weiss D’Auria. «Aber ich habe es geschafft, damit zu leben.»

Seit zwei Jahren hat sie die Schweiz nicht mehr verlassen. «Ich wünsche mir, wieder mal das Meer zu sehen.» Ihr Blick wandert zu Marco Giorgi, der neben ihr sitzt. «Ich bin dankbar für die Hilfe von der Caritas und das Geld vom Sozialamt», sagt sie. «Aber ich denke, den Armen könnte noch mehr geholfen werden.» Marco Giorgi pflichtet ihr bei: «Das Geld reicht knapp für das tägliche Leben.» Aber die Betroffenen hätten keine Wahl. «Sie müssen lernen mit diesen 986 Franken zu leben.» Diesen Kampf sieht Giorgi jeden Tag. Für die Caritas betreut er im Kanton Aargau verschiedene Klienten.

«Wir sind drei Personen beim KRSD der Caritas Oftringen – und betreuten seit Januar 80 Klienten-Dossiers», sagt er. «Im Vergleich zum letzten Jahr sehen wir eine steigende Tendenz.» Von den 80 Klienten haben über die Hälfte Schulden. «Wir erarbeiten mit ihnen Massnahmen, um ihre Lebenssituation zu verbessern», erklärt Giorgi. «Meistens erstellen wir zuerst ein Budget. Das ist sehr wichtig, um einen Überblick zu bekommen», erklärt er. 2016 waren laut Bundesamt für Statistik 7,5 Prozent aller Schweizer und Schweizerinnen arm, das sind 615'000 Personen. Besonders gefährdet sind Menschen ohne Ausbildung. «Deswegen raten wir unseren Klienten, wenn immer möglich eine Ausbildung zu absolvieren», so Giorgi. Bei den Reaktionen der Betroffenen gibt es ein Muster: «Die meisten fragen sich: Wie schaffe ich es, die Miete und die Krankenkasse zu bezahlen? Andere fragen sich, wie sie die Schande überwinden können, sich bei der Sozialhilfe zu melden», sagt Giorgi. Auch Laura D’Auria hatte mit solchen Fragen zu kämpfen. Giorgi: «Es ist wichtig, dass die betroffenen Personen sich nicht schämen und nicht zu lange damit warten, sich Hilfe zu holen.»

Seit Februar ist Laura D’Auria aus dem Gröbsten raus: Sie erhält nun eine 100-prozentige IV- Rente, das sind 1600 Franken im Monat; Miete und Krankenkasse werden via Ergänzungsleistungen bezahlt. «Das hätte ich ohne die Caritas nicht geschafft», sagt sie.