Inzwischen ist Silvan (Name geändert) klar, dass die Jahre zwischen 2010 und 2012 nicht zu den rühmlichsten seines Lebens gehören: «Ich hatte mich in einem falschen Kollegenkreis aufgehalten. Es brauchte solche Sachen, bis mir ein Licht aufging.»

Mit «solchen Sachen» meint er die Vorwürfe gegen ihn, die gestern vor Obergericht verhandelt wurden: bandenmässiger Diebstahl, versuchter Diebstahl, mehrfache Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Vergehen gegen das Waffengesetz und unberechtigte Verwendung eines Fahrrades in nicht fahrfähigem Zustand.

In einer Sommernacht 2010, so erzählt Silvan den Richtern, sei er mit Kollegen im Auto unterwegs gewesen, als «einer diese blöde Blitzidee hatte und wir anderen nicht genug Mumm hatten, Nein zu sagen.» Sie seien «alle am Anschlag gewesen», hätten kein Geld gehabt. In Othmarsingen und Staufen brachen sie je einen Milchautomaten auf. Die Beute belief sich auf 10 respektive 15 Franken. In Schafisheim war es die Geldkassette an einem Holzschnitzelcontainer: 190 Franken Beute, 300 Franken Sachschaden.

Ohne Magazin und Verschluss

Weil Silvan damals keinen festen Wohnsitz hatte, wusste er nicht, wie er seine Armeewaffe nach der RS gut aufbewahren sollte. So deponierte er sie bei einem der Kollegen. Mit einer Ausnahmebewilligung wäre das erlaubt – doch Silvan hatte keine. Zudem wird ihm vorgeworfen, 2011 in einen Jugendtreff im Freiamt eingestiegen zu sein. Abhanden kam nichts, ein Fenster und ein CD-Player gingen kaputt. Gemäss Anklageschrift wurde auf dem Fenstersims eine angebrauchte Verpackung Zigarettenpapiere gefunden und die sichergestellte DNA eindeutig Silvan zugeordnet. Das Bezirksgericht Lenzburg entschied, dass Silvan für diese Delikte unbedingt ins Gefängnis muss. Vor allem, weil der Tatbestand «bandenmässig» eine Mindeststrafe von 6 Monaten verlangt, und weil Silvan vorbestraft war, verurteilte das Gericht ihn zu 7 Monaten Freiheitsstrafe.

Damit war der junge Mann nicht einverstanden. Er ging in Berufung. Sein Anwalt erklärte gestern, Silvan habe die Waffe dem Kollegen nicht zum Gebrauch übertragen: «Er übergab sie ohne Magazin und Verschluss, so kann man sie gar nicht gebrauchen.» Er habe das Gewehr nur ein paar Tage sicher verwahren wollen. Und um bandenmässig zu agieren, brauche es «von Anfang an einen klaren Willen, gemeinsam mehrere Straftaten zu verüben». Das Trio sei aber spontan vorgegangen. Silvan pflichtete seinem Anwalt bei: «Der Ausgang stand im Vordergrund, nicht das Stehlen. Man weiss ja, dass das nicht gut ist.» Er habe nicht gewusst, dass seine Kollegen nicht zum ersten Mal klauten (sie wurden in separaten Verfahren verurteilt, d. Red.).

Zum Einbruch in den Jugendtreff sagte der Verteidiger, die Zigarettenpapiere alleine seien kein Beweis. Am Fenster habe man andere DNA-Spuren gefunden. Der Polizist habe rapportiert, er könne nicht beurteilen, wer der Täter war. Silvan sagte, er sei oft in den Treff, etwa um zu Töggelen. Er habe die Papes wohl dabei liegengelassen. Den Einbruch habe er nicht begangen.

Nicht zuständig

Für den Oberstaatsanwalt gab es keinen Grund, warum die Taten nicht stattgefunden haben sollten. Er beantragte, die Berufung abzuweisen. Der Tatbestand «bandenmässig» sei erfüllt – es sei nur Zufall gewesen, dass man in jener Nacht keine weiteren Objekte zum Aufbrechen mehr gefunden habe.

Das Obergericht unter dem Vorsitz von Robert Fedier prüfte in 45-minütiger Beratung nochmals alle Fakten und kam zu einem Mittelweg. Weil es sich bei den Milchautomaten um eine Übertretung, nicht um ein Vergehen handelte, sind die Taten inzwischen verjährt – Verfahren eingestellt. Fedier weiter: «Sie haben zwar gestohlen, aber nicht als Mitglied einer Bande.» Vom Diebstahl im Jugendtreff werde Silvan wegen Zweifeln freigesprochen. Und zum Sturmgewehr könne das Gericht gar keinen Entscheid fällen: Weil es sich um eine Armeewaffe handle, müsse das Militärstrafgesetz angewendet werden – ein bürgerliches Gericht sei nicht zuständig. So blieben nicht mehr viele Vorwürfe. Und für Silvan, der heute ein ruhiges Leben führt, eine unbedingte Geldstrafe über 10 000 Franken.