Schwimmen

Armband rettet Leben – doch die Aargauer Erfindung ist bei Bädern nicht gefragt

Eine Hallwiler Firma hat ein Gerät erfunden, das Leben rettet – gekauft hat es im Aargau bisher nur eine Reha-Klinik. Die Bademeister sind gegenüber dem System skeptisch. Aber auch das agressive Marketing der Firma stösst auf keine Gegenliebe.

Ein Kind ertrinkt schnell und lautlos. Die Gefahr ist gross, aber vermeidbar, sagt die Firma Deep Blue aus dem aargauischen Hallwil. Sie hat ein Gerät erfunden, das Alarm schlägt, wenn ein Kind zu ertrinken droht. Interessieren tut sich kaum ein Schwimmbad-Betreiber dafür.

Das System ist einfach: Jedes Kind bekommt eine Art Armbanduhr, die sich individuell programmieren lässt. Bleibt beispielsweise ein Erstklässler während 10 Sekunden in einer Tiefe von 50 Zentimetern, schlägt der kleine Computer Alarm.

Lebensretter sind skeptisch.

Die Hallwiler Firma weibelt nun schon seit drei Jahren, um Hallen- und Freibäder für ihr Sicherheitssystem zu begeistern. Im Aargau haben bisher alle öffentlichen Bäder abgewinkt. Einzig die Reha-Klinik in Bellikon hat das System gekauft und nimmt es nächste Woche in Betrieb.

Warum die Investition? «Ein System, das hilft Badeunfälle zu verhüten, ist eine gute Sache, für die es sich lohnt, Geld auszugeben», sagt der Direktor der Klinik.

Im Bremgarter Hallenbad sagt Betriebsleiter Jens Kemper: «Ich habe im Moment andere Sorgen.» Er meint damit die dringende Sanierung seiner 40-jährigen Badi. Das habe nun oberste Priorität. Aber prüfen würde er das System gern einmal.

Kosten tut der elektronische Badmeister zwischen 20 000 und 60 000 Franken - je nach Grösse des Bads.

Skeptisch ist Stephan Böhlen. Er ist im Zentralvorstand der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft (SLRG). Ein solches System berge auch Gefahren, sagt er. Bei häufigen Fehlalarmen könnte sich ein solcher Alarm abnützen: «Hornt eine Alarmanlage von einem Auto, schaut heute kaum einer mehr hin.»

Er gibt auch zu bedenken, dass die meisten Ertrinkungsunfälle in Flüssen oder Seen passieren. 2012 ertranken zwei Personen - eine davon in der Reuss. Und Böhlen befürchtet auch, dass ein elektronisches Sicherheitssystem Aufsichtspersonen dazu verleiten könnte, mit zu vielen Kindern schwimmen zu gehen.

«Was, wenn trotzdem etwas passiert?», fragt er. «Wer ist dann schuld? Die Firma Deep Blue, der Badmeister oder die Aufsichtsperson?» Wenn die Aufsichtsperson ihre Verantwortung wahrnehme, komme es zu keinen tödlichen Unfällen, sagt er. «Man kann nicht alle Verantwortung der Technik abgeben.»

Gäste mögen den Schutzengel

Begeistert ist hingegen der Badmeister Michel Kunz aus dem bernischen Bolligen. Eines von 20 öffentlichen Schwimmbädern, die das System der Firma Deep Blue in der Schweiz anwenden. Genannt wird der kleine Computer «Schutzengeli» und seine Badegäste möchten ihre Engeli nicht mehr hergeben, sagt er.

Fehlalarme gebe es nicht. Der Ernstfall ist in den vergangenen drei Jahren auch nie eingetreten. Einmal nur hat ein Kind sein Armband verloren, was den Alarm auslöste. Es sei eine zusätzliche Sicherheit, die keineswegs den Badmeister überflüssig mache, sagt Kunz.

Er kann nicht verstehen, dass viele Hallenbad-Betreiber vor den Kosten zurückschrecken. «Muss zuerst etwas passieren? Wenn etwas passiert, spricht niemand mehr über die Finanzen.» Mehr Erfolg als in der Schweiz hat der elektronische Badmeister im Ausland. Das vom Bundesamt für Unfallverhütung zertifizierte elektronische Sicherheitssystem wurde bereits in Schwimmbädern in Österreich, Deutschland, Hongkong und Australien installiert. Zurzeit konzentriere man sich auf den russischen und arabischen Markt, sagt Sandra Ciampini von Deep Blue.

Ein Grund für die Zurückhaltung der Schwimmbad-Betreiber könnte neben den Finanzen auch das teilweise als recht aggressiv empfundene Marketing der Hallwiler Firma sein.

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