Papiersammlung
Appell verhallt ungehört: Schulen sammeln trotz tödlichem Unfall Altpapier

Jurist Peter Hofmann warnt Lehrer vor rechtlichen Folgen bei Unfällen an Papiersammlungen mit Schülern – diese halten trotzdem an der Tradition fest. Aber es gibt auch kritische Stimmen, die sich bereits mit einem Fuss im Gefängnis wähnen.

Pascal Meier
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In Niederlenz gelten bei der Papiersammlungen klare Regeln: Einzelne Schüler tragen Leuchtwesten. Zudem ist es verboten, auf die Leiterwagen zu stehen.

In Niederlenz gelten bei der Papiersammlungen klare Regeln: Einzelne Schüler tragen Leuchtwesten. Zudem ist es verboten, auf die Leiterwagen zu stehen.

Pascal Meier

Wenn Buben und Mädchen Jagd auf Altpapier machen, dann fliegt schon mal ein Bündeli und trifft das Bein der Klassenkameradin, statt sanft im Leiterwagen zu landen. Das ist an diesem Morgen in Niederlenz nicht anders: Bei der ersten Papiersammlung des Jahres schwärmen die 5.-Klässler in die Quartiere aus. Die Auszeit von der Schulbank macht Freude, einige Schüler sind übermütig. «Ich bin der Stärkste», ruft ein Bub und stemmt ein zu gross geratenes Papierbündel in die Höhe. Zwei Mädchen, die mit beladenem Karren vorbeilaufen, interessiert das aber nicht die Bohne.

An der Niederlenzer Schule hat die Papiersammlung Tradition. Über 230 Tonnen Altpapier landen jedes Jahr in den Containern, was wiederum Geld in die Kasse der Schule spült. Davon profitieren die Schüler, sei es beim Zmorge, Kino-Besuch und einem feinen Pizza-Essen.

Mit alledem soll aber Schluss sein. Das empfiehlt Jurist Peter Hofmann im Magazin des Schweizerischen Lehrerverbandes (LCH). In einem Gastbeitrag mit dem Titel «Ein Risiko zu viel für die Schule!» hält der Leiter der unabhängigen Fachstelle Schulrecht fest: «Die Gefährdung der Teilnehmer steht in keinem vertretbaren Verhältnis zum finanziellen Anreiz.»

Immer wieder komme es zu Unfällen, was für die Lehrer juristische Folgen haben könne. Schulen, die Papier sammeln, hätten nichts aus der Vergangenheit gelernt. Denn seit dem tödlichen Unfall in Buchrain (LU) vom Mai 2007 rät der Schweizerische Gemeindeverband (SGV) von Papiersammlungen durch Schüler ab. Damals war ein Schüler vom Lastwagen gestürzt und von diesem überrollt worden. Der anwesende Lehrer wurde zwar freigesprochen, der Fahrer und dessen Chef aber wegen fahrlässiger Tötung verurteilt.

In Niederlenz und vielen anderen Gemeinden sammelt die Schule trotzdem weiter Altpapier. «Wir beurteilen den Nutzen grösser als die Risiken», sagt Schulleiter Stefan Allemann. «Die Schüler leisten einen wertvollen Dienst an der Gesellschaft und lernen viel über Recycling.» Im Lehrerzimmer gebe es aber kritische Stimmen: «Die Frage, wer bei einem Unfall verantwortlich ist, kommt regelmässig auf den Tisch.»

Die Schulleitung nehme dies ernst, hält aber an der Papiersammlung fest. «Wenn wir uns immer mehr einschränken, müssen wir irgendwann die Schulreise abschaffen», so Stefan Allemann. Im Leben gebe es immer Risiken. «Unser Ziel ist, diese auf ein Minimum zu reduzieren.»

Schwierige Situation für Lehrer

Für eine Risiko-Abwägung plädiert auch Beat W. Zemp, Präsident des Schweizerischen Lehrerverbandes. Dieser gibt keine Empfehlung zu Papiersammlungen ab. «Wir überlassen das den Schulen, da die Voraussetzungen in jeder Gemeinde anders sind», sagt Zemp. Viele Lehrer seien zudem in einer Zwickmühle: «Es ist pädagogisch sinnvoll, wenn Schüler Papier sammeln. Gleichzeitig steht der Lehrer mit einem Fuss im Gefängnis.»

Denn die Gerichte würden die Aufsichtspflicht der Lehrer strenger beurteilen als früher. «Passiert etwas, muss ein Lehrer beweisen können, dass er alles getan hat, um Unfälle zu verhindern», erklärt Zemp.

Genau hier liegt das Hauptproblem. Auch wenn alles unternommen wird, um Papiersammlungen sicher zu machen: Die Schülerinnen und Schüler können nicht bei jedem Griff zum Papierbündel beaufsichtigt werden. «Es ist unmöglich, die Aufsichtspflicht bei einer Papiersammlung zu gewährleisten», sagt Manfred Dubach, Geschäftsführer des Aargauer Lehrerverbandes (ALV).

Dieser gibt ebenfalls keine Empfehlung in dieser Sache ab. «Wir bekommen wenig Anfragen zu diesem Thema.» Anders beim Schweizerischen Lehrerverband. «Es gibt regelmässig Anrufe von Lehrern, die sich absichern möchten», sagt Beat W. Zemp. Anfragen gebe es auch von Eltern.

Direkt bei der Schule melden sich Eltern aber selten – dies, weil es vermutlich nur wenige Mütter und Väter gibt, die sich sorgen, wenn Kinder Papier sammeln. «Wir erhalten keine negativen Rückmeldungen von
Eltern», sagt Christina Schwob, Schulleiterin der Primarschule Reinach. Auch im Lehrerzimmer sei die Papiersammlung gut akzeptiert. Gleicht tönt es in Muhen: «Wir sehen keine Anzeichen, dass Eltern besorgt sind», sagt Maria Zaugg, die als Schulsekretärin seit 16 Jahren die Papiersammlung organisatorisch begleitet.

Die Unterstützung der Eltern könnte mit den Sicherheitsvorkehrungen zusammenhängen, die vielerorts verstärkt wurden: Die Schüler tragen Leuchtwesten und an heiklen Stellen stehen Lotsen. Auch dürfen die Schüler nicht auf die Leiterwagen sitzen. Diese Regeln sind auch in Niederlenz Standard. «Wir gehen damit keine unverhältnismässigen Risiken ein», so Schulleiter Stefan Allemann.