Am Dienstag verbuchte der Aargauer SVP-Fraktionschef Andreas Glarner einen bedeutenden Erfolg: Der Grosse Rat wählte Oberrichter Urs Schuppisser ab. Ursprünglich hätten alle 28 Oberrichter in globo gewählt werden sollen. Nur weil Glarner intervenierte und hartnäckig auf Schuppissers Mängel hinwies, wurde ein Oberrichter aus dem Amt entfernt, der den Anforderungen ganz offensichtlich nicht genügte.

Für Schuppisser ist der dümmstmögliche Fall eingetreten: eine öffentliche Diskussion über seine Leistungen, eine schmachvolle Abwahl. Schuppissers Partei, die Grünliberalen, hätten das verhindern können: indem sie Glarners Warnung nicht abgetan hätten, nur weil sie aus ungeliebter Ecke kam. Dann hätte man den Kandidaten vorher einigermassen diskret auswechseln können. Interessant waren die Reaktionen nach der Abwahl - und die Nicht-Reaktionen: FDP und CVP, die die Abwahl offenbar unterstützten, schwiegen. Die Grünliberalen sprachen von «Schlammschlacht», «aufgebauschten und instrumentalisierten Vorwürfen». Ähnlich tönte es bei SP und Grünen. Dass Glarner in diesem Fall vielleicht einfach richtig lag - zu einem solchen Votum konnte sich niemand durchringen. Woher kommt dieses verknorzte Verhältnis zum SVP-Fraktionschef?

Wer je einer Sitzung des Grossen Rates und des Nationalrats beiwohnt, der stellt fest: Im Aargauer Kantonsparlament geht es ruppiger zu als in Bundesbern. Hier wird stärker polemisiert, direkter auf den Mann gespielt, mehr Gift in die Debatten gestreut. Für diesen Stil steht Andreas Glarner. Kein anderer Politiker bewegt die Gemüter so sehr wie er - ausser vielleicht SP-Jungstar Cédric Wermuth, von dem man allerdings nicht mehr allzu viel hört, seit er in den Nationalrat gewählt wurde.

Solche wie Glarner bräuchte es mehr

Glarner war einst einer von vielen Polemikern in der SVP - «Aarau oder Ankara?» war einer seiner Slogans. Heute ist Glarner schon fast ein Exot. Denn die nationale SVP hat seit den Wahlen 2011 einen Imagewechsel vollzogen: Sie gibt sich nach wie vor hart in der Sache, aber konzilianter im Auftreten. Dies war eine Lehre aus dem Fiasko bei den Ständeratswahlen, in denen die SVP ihre Hardliner nicht ins Ziel brachte. Glarner hingegen polemisiert weiter. Auch in der Kolumne, für die er - wie andere Politiker auch - in der az eine Carte Blanche erhält. Da schreibt er von «Sozialschmarotzern», vom Bundesrat, der «ehrfürchtig vor den fremden Mächten kriecht», von einer «multikulturellen Gesellschaft, die durchseucht ist von Heerscharen von Sozialarbeitern, (...) Kulturschaffenden und soziokulturellen Animatoren». Glarner kommt zum Schluss: «Die Schweiz löst sich auf wie ein Stück Zucker im Wasser. Bald ist nichts mehr davon übrig, was uns einst ausgemacht hat.»

Wer so polemisiert, handelt unschweizerisch. Wer so Zwietracht schürt, der beschädigt unser auf Ausgleich bedachtes System, mit dem die Schweiz gut gefahren ist. Wer so austeilt, sorgt dafür, dass sich unsere Bundesräte eines Tages wohl nur noch in gepanzerten Limousinen bewegen können. Von mehreren ehemaligen Grossräten hört man, dass es Glarner war, der ihnen die Lust an der Politik verdorben hat.

Trotzdem irrt, wer meint, alles aus Glarners Küche sei des Teufels. Glarner bringt auch Eigenschaften mit, die es mehr bräuchte in der Politik. Allen voran diese: Er ist unabhängig und unerschrocken. Auch wenn es lästig ist: Es braucht unbequeme Leute, die auch mal die Party stören. Gerade in einem überschaubaren Konstrukt wie dem Aargau, wo man sich kennt und sich nicht gern wehtut. Allzu viel Harmonie bringt nicht die besten Resultate.

Die Frage ist bloss, ob es immer den Zweihänder braucht. Falls es Glarner seiner Partei gleich tut und sich mässig, dann hat er das Zeug, zu einem reihum geachteten Politiker zu werden. Und 2015 Nationalrat.