Lenzburg

Angeklagter Rechtsanwalt Padrutt lässt seinen eigenen Prozess platzen

Hier hatte Roland Padrutt seine Kanzlei: in der Villa Malaga.Freudiger

Hier hatte Roland Padrutt seine Kanzlei: in der Villa Malaga.Freudiger

30 Zivilkläger warten ungeduldig auf die Strafverhandlung gegen den Lenzburger Anwalt Roland Padrutt, der ihre Konten geplündert haben soll. Am Donnerstag sollte es endlich soweit sein, doch der Angeklagte liess sich in letzter Minute entschuldigen.

Eigentlich hätte am Bezirksgericht Lenzburg am Donnerstag der zweitägige Strafprozess gegen Roland Padrutt beginnen sollen. Doch dazu kommt es nicht: Am Mittwochnachmittag liess der wegen Vermögensdelikten angeklagte Rechtsanwalt, Treuhänder und Liegenschaftenverwalter durch seinen Verteidiger ausrichten, er sei verhandlungsunfähig – ohne weitere Angaben.

Als Entschuldigung bis spätestens Donnerstagmorgen würde das Gericht zum Beispiel ein Arztzeugnis akzeptieren. Fehlt ein triftiger Grund, gilt der Angeklagte als unentschuldigt. In diesem Fall würde zwar ebenfalls ein neuer Verhandlungstermin anberaumt, dies aber als «last call»: Bleibt ein Angeklagter seinem Prozess zweimal unentschuldigt fern, kommt es zu einem sogenannten Abwesenheitsverfahren.

Wäre Padrutt heute in Lenzburg aufgetaucht, wäre er Gefahr gelaufen, bei einer Verurteilung umgehend in Handschellen gelegt zu werden. Zumal er mit Wien ein ausländisches Domizil angibt, droht Fluchtgefahr. Das Gericht hätte deshalb bei einem Schuldspruch Sicherheitshaft verfügen können.

Schaden von 1,7 Millionen

Bis dahin gilt Roland Padrutt als unschuldig, auch wenn seit Jahren massive Vorwürfe gegen ihn im Raum stehen. Im Januar 2012 machte die Aargauer Zeitung mehrere Fälle publik, worauf sich der Jurist aus dem kantonalen Anwaltsregister löschen liess, um einem Berufsverbot zuvorzukommen.

Das Gericht hat Anfang Woche die umfangreiche Anklageschrift der Staatsanwaltschaft vom Februar 2013 freigegeben. Unweit des Gerichtsgebäudes soll Padrutt während mehr als zehn Jahren vier- bis sechsstellige Beträge zweckentfremdet haben. In 13 Straftatendossiers listet die Untersuchungsbehörde minutiös illegale Geldtransaktionen von Stockwerkeigentümer- und Erbengemeinschaften sowie einer Wohnbaugenossenschaft auf.

Der Gesamtdeliktsbetrag beläuft sich auf Fr. 1’658’720.18. Geld, das von 30 Parteien zurückgefordert wird, die als Zivil- und Strafkläger ungeduldig auf den bereits einmal verschobenen Prozess warten. Wegen Tatbeständen wie Betrug, Veruntreuung, ungetreue Geschäftsbesorgung, Urkundenfälschung und Geldwäscherei soll der Angeklagte für vier Jahre ins Gefängnis.

Besonders krasser Fall

Padrutts Masche war immer die gleiche: Als Liegenschaftenverwalter oder Willensvollstrecker mit Zugriffsrechten auf diverse Konten seiner Klienten ausgestattet, tätigte er Barbezüge und Überweisungen, die nichts mit dem jeweiligen Mandat zu tun hatten.

In einem besonders krassen Fall soll er als Nachlassliquidator sämtliche Konten des Verstorbenen geleert, alle Wertschriften verkauft und so insgesamt weit über eine Million Franken auf einem Treuhandkonto in seinem eigenen Namen angehäuft haben. Anschliessend verteilte er rund die Hälfte des Geldes wieder – hauptsächlich auf sein Geschäftskonto, und von dort weiter, etwa zur Begleichung einer Autoreparatur oder von Mietzinsforderungen. «Padrutt deckte damit laufende Ausgaben für den Lebensunterhalt oder Verbindlichkeiten im Zusammenhang mit seiner Geschäftstätigkeit», schreibt die Staatsanwaltschaft.

Einige der Fälle hängen zusammen: Am 26. Februar 2010 soll Padrutt 90’000 Franken aus dem Erneuerungsfonds einer Stockwerkeigentümergemeinschaft genommen haben, angeblich für eine beschlossene Fassadensanierung.

Stattdessen beglich er am 1. März eine offene Rechnung mit Erben, die er um etwas mehr als diesen Betrag erleichtert hatte und die ihn deshalb mahnten. Am 31. Dezember schliesslich zahlte er den Stockwerkeigentümern die 90’000 Franken zurück – unberechtigterweise mit Geld aus einem anderen Nachlassmandat. Dies, um die Rechnung für die Fassadensanierung bezahlen und die Entnahme vom Februar verheimlichen zu können.

Villa Malaga soll versilbert werden

Einige der zweckentfremdeten Gelder flossen in die Villa Malaga in Lenzburg, wo Padrutt zuletzt seine Kanzlei führte: 275’000 Franken als Eigenkapitalanteil beim Kauf von der Stadt Lenzburg und 150’000 Franken für Renovations-, Unterhalts- und Reinigungskosten sowie «Akontozahlungen».

Die Staatsanwaltschaft verlangt die Verwertung der Liegenschaft zwecks «Deckung der Zivilforderungen». Eigentümerin war die Villa Malaga GmbH, deren einziger Gesellschafter Padrutt. Die Gesellschaft ist nach einem im November 2013 mangels Aktiven eingestellten Konkursverfahren vor Monatsfrist aus dem Handelsregister gelöscht worden.

Roland Padrutt wird vom selben Anwalt verteidigt, der ihn schon 2005 vor Gericht vertrat. Vor neun Jahren waren der ehemalige Schulpflegepräsident von Buchs und seine Ex-Frau, die frühere SP-Politikerin Ursula Padrutt, in einen wüsten Streit mit dem Gemeindeammann ihres damaligen Wohnorts verwickelt. Die Anklage lautete auf falsche Anschuldigung und Amtsgeheimnisverletzung. Das Verfahren endete mit einem Freispruch mangels schlüssiger Beweise.

Ob die Staatsanwaltschaft diesmal besser vorbereitet ist, muss das Bezirksgericht Lenzburg unter der Leitung von Präsidentin Eva Lüscher beurteilen. Die Frage ist nur, wann.

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