Aargauer Obergericht

Angeklagter Arzt bricht während Prozess zusammen und muss reanimiert werden

Der Angeklagte wird von der Ambulanz ins Kantonsspital Aarau gebracht.

Zusammenbruch vor Obergericht

Der Angeklagte wird von der Ambulanz ins Kantonsspital Aarau gebracht.

Am Mittwochnachmittag wurde am Aargauer Obergericht der Fall eines Gynäkologen verhandelt, der 2009 mit einem Operationsfehler das Leben einer Patientin gefährdet haben soll. Mitten in der Befragung brach der Beschuldigte zusammen und musste ins Spital gebracht werden.

Grosser Schreckmoment im Gerichtssaal in Aarau: Oberrichter Robert Fedier ist am Mittwoch nach halb drei Uhr gerade dabei, den Beschuldigten zum Vorwurf der fahrlässigen schweren Körperverletzung zu befragen.

Da bricht der 60-Jährige mitten in einer Antwort ab, kippt langsam zur Seite und geht zu Boden. Die Oberrichter rufen sofort den Notarzt. Der Mann schnaubt zuerst laut, verstummt plötzlich, verliert den Puls. 

Ein anderer ehemaliger Chefarzt, der als Zuschauer im Gerichtssaal sitzt, eine Medizinstudentin und der Verteidiger leisten blitzschnell Erste Hilfe. Mit einem Defibrillator, der im Obergericht vorhanden ist, und einer Herzdruckmassage können sie den Angeklagten reanimieren.

Nach wenigen Minuten treffen die Ambulanz des Kantonsspitals Aarau sowie Kantonspolizisten ein. Die Lage des Beschuldigten stabilisiert sich allmählich, er kann mit dem Krankenwagen ins KSA gebracht werden.

Wie der Anwalt des Beschuldigten später am Telefon gegenüber der az bestätigt, handelte es sich um einen Herzinfarkt. Sein Mandant befinde sich inzwischen im KSA und sei wieder ansprechbar. Es folgten nun weitere Untersuchungen und allenfalls eine Operation.

Klägerin hatte auch einen Herzstillstand

Dem ehemaligen Chefarzt des Gesundheitszentrums Fricktal wird vorgeworfen, bei einer Operation im Jahr 2009 eine Patientin verletzt zu haben. Beim Eingriff wurde der Frau die Gebärmutter entfernt, zudem wurden Verwachsungen im Bauchraum gelöst. Im Anschluss kam es zu schweren Komplikationen.

Der Chefarzt versuchte, die Komplikationen zu behandeln. Das gelang nicht. Kollegen, die er zur Beratung beizog, vermuteten, dass die Frau während der OP am Darm verletzt wurde. Der Angeklagte teilte diese Diagnose nicht. 

Nach zwei Tagen kam die Patientin in Lebensgefahr, wurde ins KSA verlegt, wurde notfallmässig operiert und erlitt einen Herzstillstand. Danach lag sie sieben Monate mit geöffneter Bauchdecke im Spital und musste mehrere Operationen über sich ergehen lassen. Sie ist seither nicht mehr arbeitsfähig, auch am Mittwoch nahm sie «aus gesundheitlichen Gründen» nicht an der Verhandlung teil.

Verhandlung vertagt

Das Bezirksgericht Rheinfelden hatte den Gynäkologen 2015 wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung zu einer bedingten Geldstrafe von 74'000 Franken sowie einer Busse von 15'000 Franken verurteilt. Der Patientin wurden 100'000 Franken Genugtuung zugesprochen.

Oberrichter Fedier brach am Mittwochnachmittag die Verhandlung «gestützt auf die unerwarteten Ereignisse» ab.

Sowohl für die Oberrichter als auch für die anwesenden Juristen, die seit 20 und 30 Jahren an Gerichten tätig sind, ist ein solcher Zwischenfall keineswegs alltäglich: So etwas habe man noch nie erlebt, sagten sie unisono. 

Die Verhandlung wurde auf unbestimmt vertagt.

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Autor

Mario Fuchs

Mario Fuchs

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