Prozess
Angebliche Hellseherin hat in Bremgarten betend 29'000 Franken ertrogen

Eine junge Wienerin mit angeblich hellseherischen Fähigkeiten ergattert sich Geld von zwei Frauen. Sie wird zu einer bedingten Gefängnisstrafe von 18 Monaten verurteilt. Doch: Woher wusste sie vom Stechen im Brustbein der einen Frau?

Jörg Meier
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In der Kirche will die angebliche Hellseherin auch Engel aktiviert haben, eine Zusatzleistung für 1800 Franken. (Symbolbild)

In der Kirche will die angebliche Hellseherin auch Engel aktiviert haben, eine Zusatzleistung für 1800 Franken. (Symbolbild)

Keystone

An einem Frühlingsmorgen wird eine Freiämterin vor dem Restaurant «El Mosquito» in Bremgarten von einer zierlichen jungen Frau angesprochen. Die junge Frau – nennen wir sie Maria – fragt nach dem Weg zur Kirche. Die Freiämterin gibt bereitwillig Auskunft.

Die beiden Frauen kommen ins Gespräch. Plötzlich drückt Maria der Freiämterin den Zeigefinger auf das Brustbein und fragt, ob sie da ein Stechen verspüre. Die Freiämterin staunt. Denn tatsächlich verspürt sie ein Stechen in der Brust. Und das seit neun Jahren; bisher konnte kein Arzt ihr helfen. Maria sagt, sie habe hellseherische Fähigkeiten und sie könne helfen. Sie sehe auch, dass die Freiämterin sich Sorgen um ihren Sohn mache.

Da ist die Freiämterin noch perplexer, denn sie sorgt sich tatsächlich um ihren kleinen Buben, der partout nicht richtig sprechen will. Jetzt geht alles ganz schnell und einfach. Die Freiämterin ist einverstanden, dass die hellsehende Maria ihr hilft. Maria will in die Kirche gehen und beten. Das kostet 600 Franken, die Maria aber nicht für sich behalten will, sondern armen Kindern spenden. Und das Geld werde sie zudem auch wieder zurückzahlen, verspricht Maria. Die Freiämterin glaubt. Und hofft. Und zahlt.

Auch die Engel wollen Geld

Zwei Tage später braucht Maria wieder Geld zum erfolgreichen Beten. Diesmal sind es 1400 Franken. Etwas Böses liegt in der Luft und muss weggebetet werden. Die Freiämterin zahlt. Wieder zwei Tage später braucht Maria 1500 Franken, damit Engel einen Schutz aufbauen können. Die Freiämterin zahlt. Wieder zwei Tage später meldet sich Maria erneut. Sie müsse einen Schutz um die ganze Familie aufbauen, sagt sie, das koste 2700 Franken. Die Freiämterin zahlt.

Fünf Tage später fordert Maria 1800 Franken für den Kampf gegen die bösen Träume des Buben. Die Freiämterin zahlt. Drei Tage später braucht Maria 4500 Franken, die für die Weiterführung des Kampfes gegen das Böse notwendig sind. Die Freiämterin zahlt.

Zwei Tage später sieht Maria, dass der Mann der Freiämterin in Gefahr sei. Sie gibt der Freiämterin ein Stück Holz, das sie unter die Matratze ihres Mannes legen soll. Kostenpunkt: 2500 Franken. Die Freiämterin zahlt. Wieder zwei Tage später verlangen die Engel für die Fortsetzung des Kampfes 1800 Franken. Die Freiämterin zahlt.

So geht das munter im Zweitagesrhythmus weiter, bis Maria eines Tages, nach der 13. Forderung, erschöpft berichtet, es sei jetzt vorbei, der Kampf mit dem Bösen sei ausgestanden und gewonnen. Die Freiämterin muss jetzt auch nicht mehr mit Weihwasser für 2800 Franken pro Flasche duschen.

Die Freiämterin ist erleichtert, dass der Spuk vorbei ist und möchte jetzt das geliehene Geld zurück. Aber inzwischen ist Maria verschwunden.

Wiedersehen vor Gericht

Jetzt sitzt Maria im Gerichtssaal. Die fragil wirkende junge Frau mit langem, dunklem Haar gibt sich wortkarg. Sie wohnt in Wien, hat zwei kleine Kinder, lebt von Sozialhilfe. Sie habe doch nur helfen wollen, sagt sie zu Richter Lukas Trost, der sie hart ins Gebet nimmt. Für diese «Hilfe» hat Maria von der Freiämterin 29 000 Franken kassiert; nochmals rund 20 000 Franken ergatterte sie nach dem gleichen Muster von einer psychisch labilen Frau in Basel.

Maria ist geständig. Sie will den Geschädigten das Geld zurückzahlen. Irgendwie. Irgendwann. Denn das Geld ist weg. Gespendet, sagen Maria und ihr Verteidiger. Verspielt und verprasst, sagt der Staatsanwalt, der am Prozess nicht dabei ist, was der Verteidiger kritisiert.

Er fordert einen Freispruch. Die zwei Opfer seien einverstanden gewesen, den hohen Preis für die esoterischen Dienstleistungen zu bezahlen. Also könne man nicht von Betrug reden.

Schuldspruch und eine Frage

Das Gericht sah es anders. Es sprach Maria schuldig des gewerbsmässigen Betrugs und der gewerbsmässigen Erpressung im Basler Fall, was eine bedingte Gefängnisstrafe von 18 Monaten plus eine bedingte Geldstrafe und eine Busse von 3000 Franken nach sich zieht.

Zudem muss Maria die Anwaltskosten von rund 20 000 Franken und die Verfahrenskosten übernehmen. Dazu kommen die Zivilforderungen der beiden geschädigten Frauen. Die Verteidigung kündigte Berufung an.

Fragen bleiben. Zum Beispiel diese: Woher wusste Maria vom Stechen im Brustbein der Freiämterin?