Analyse

Andreas Glarner oder die Sehnsucht nach einem Aargauer Blocher

Die Aargauer SVP-Basis hat sich mit Andreas Glarner als neuen Parteipräsidenten für einen harten, aggressiven Kurs entschieden. Glarner will nichts weniger als das Erbe Blochers weiterführen. Was bedeutet das? Eine Analyse.

Albisgüetli-Atmosphäre breitete sich im Gasthof «Ochsen» aus, je länger dieser Mittwochabend in Lupfig dauerte. Und das lag nicht nur am währschaften Schinken mit Brot und Kartoffeln, welche die SVP-Delegierten am Buffet fassen konnten, bevor es zur Sache ging. Die Stimmung im Saal und Andreas Glarners Rede, die ihn später zum Parteipräsidenten machen sollte, hatten etwas von Christoph Blochers traditionellen Albisgüetli-Ansprachen, in denen er seine SVP-Gemeinde jeweils einschwor gegen die politischen Gegner, gegen die Medien, gegen alle ausserhalb der SVP.

Glarner bezog sich in seiner Bewerbungsansprache explizit auf SVP-Vordenker Blocher. Dieser habe die Partei übernommen, als sie am Boden gelegen habe, und sie «in einer beispiellosen Basisarbeit» auf Vordermann gebracht. Blocher und seine Mitstreiter seien mit Häme und Gülle übergossen worden von der Presse, sie hätten sich aber nicht beirren lassen und weitergekämpft.

Nichts weniger als dieses Erbe weiterführen traut sich Glarner zu. Auch er will die SVP klar abgrenzen gegen den Rest der Politwelt. Auch er nutzte die Medien in seiner Rede als Feindbild, die Medien, die eine angepasste SVP wollten. Einen Leuchtturm mit nationaler Ausstrahlung will Glarner aus der SVP Aargau machen. Glarner als ein Aargauer Blocher quasi.

Glarners Instinkt war richtig. Der Funke sprang über auf den Saal. Zumindest auf zwei Drittel der über 300 SVP-Delegierten, die Glarner schliesslich zum Präsidenten wählten. Die Sehnsucht nach einem Anführer, der unerschrocken mit ihnen in die nächsten Politschlachten zieht und wieder mehr Stärke ausstrahlt, war grösser als die Angst davor, mit Glarner einen Parteichef zu wählen, der mit seinem polarisierenden und zuweilen populistischen Stil die SVP im schlechteren Fall noch mehr isoliert und eher potenzielle Wähler abschrecken als zurückholen könnte.

Gegenkandidat Rolf Jäggi machte es Glarner aber auch einfach. Zwar ging der Grossrat aus Egliswil als Favorit ins Rennen, weil er als Mann der SVP-Mitte galt und damit für alle Flügel wählbar. Doch Jäggi hielt eine ausserordentlich spröde Rede. Er wollte sich als uneigennützig schaffiger Parteisoldat verkaufen, kam aber als uninspirierter Technokrat rüber. Jedenfalls traute ihm die Mehrheit der SVPler nicht zu, die Partei zu beleben und auf Erfolgskurs zu bringen.

Glarners Wahl ist auch ein Fingerzeig an die SVP Schweiz

Am Schluss des Abends war der vor dem Parteitag als hoffnungsvoller Kandidat gehandelte Jäggi nur noch eine Fussnote in Glarners Triumph. Dass Jäggi sich zuerst vorstellen musste, bevor Glarner zu seiner Brandrede ansetzte, mag Zufall sein. Im Nach­hinein wirkte sein Auftritt wie das Vorprogramm von Andreas Glarners Showblock, für welches das Publikum eigentlich gekommen war. Ein Bezirksparteipräsident brachte es auf den Punkt, als er vor der entscheidenden und geheimen Abstimmung seinen Parteikollegen zurief, es sei ja wohl klar, wen man nach den beiden Reden jetzt wählen müsse.

Der Entscheid der Aargauer SVP-Basis für Andreas Glarner als Präsident kann auch als Fingerzeig an die SVP Schweiz verstanden werden. Diese wählt ebenfalls bald einen neuen Präsidenten und steht nach der eher gemächlichen und vergleichsweise wenig erfolgreichen Ära mit Albert Rösti ebenfalls vor der Richtungsfrage – ähnlich übrigens wie die Partei am anderen Pol der Parteienlandschaft: Auch die Sozialdemokraten müssen sich entscheiden, ob sie ihr Glück noch klarer links oder eher Richtung Mitte suchen wollen. Bekanntlich bewirbt sich dort mit Cédric Wermuth Glarners Aargauer Gegenspieler als Vertreter des pointierten Linkskurses fürs nationale (Co-)Präsidium.

Welcher Kurs sich durchsetzt bei den nationalen Mutterparteien SVP und SP, zeigt sich bald; wenn diese im März beziehungsweise April ihren neuen Präsidenten wählen. Die SVP Aargau hat sich mit Glarner nun vorweg für den radikalen Weg entschieden. Früher schauten die SVP-Sektionen darauf, welchen Weg ihnen Blocher weist, nun will Glarner aufgrund des Machtvakuums an der Spitze der SVP Schweiz selbstbewusst vorangehen und Vorbild für alle anderen Kantonssektionen sein.

Glarner bezog sich nicht nur auf Blocher als Vorbild, ihm war auch ein Churchill-Zitat aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zu wenig: «Blut, Schweiss und Tränen» versprach der neue Parteipräsident. Harte Arbeit, wieder ganz nach Blochers protestantischer Arbeitsethik. Auch Glarner weiss, dass nach der Galavorstellung vor den eigenen Reihen jetzt das harte Brot des Politalltags folgt. Der neue SVP-Präsident spielte zwar die Bedeutung der Grossratswahlen im Herbst herunter und erachtet die Zeit zu kurz, um schon Früchte zu ernten. Doch damit eine Art Albisgüetli-Geist auch nach seinen ersten Wahlen als Parteipräsident noch spürbar ist, darf Glarner vieles, nur nicht weiter Wähler verlieren.

Meistgesehen

Artboard 1