Alwin Waldvogel zieht eine zerknitterte Agenda aus seiner Hosentasche und blättert bis zum 24. Dezember. Um 14.36 Uhr muss er an diesem Tag zur Arbeit antreten, steht da. Wie immer wird er dann in seiner Uniform – dunkelblaue Faltenhose, hellblaues Hemd, Gilet und dunkelblaues Jackett, rot-blau-gestreifte Krawatte – in den Zug steigen.

Über der Schulter wird er das rote Zugpersonalgerät gehängt haben, in einer der Jacketttaschen wird eine Trillerpfeife stecken. Seine blauen Augen werden die Bahnhofsuhr fixieren, bis der Sekundenzeiger für kurze Zeit zuoberst stehen bleibt und der Minutenzeiger mit einem leisen Schlag auf die 36 vorrückt. Dann wird der Zug gemäss Plan seine Türen schliessen und mit Waldvogel davonfahren.

Waldvogel ist 54 Jahre alt und hat nie woanders als im Zug gearbeitet. Vor 37 Jahren begann er die Lehre bei den SBB. Seit 25 Jahren ist er Zugchef. Das heisst, er ist dafür zuständig, dass der Zug fährt und keine Störungen hat, dass er pünktlich ankommt und dass sich seine Passagiere wohlfühlen.

Er ist derjenige, der an den Bahnhöfen in die Trillerpfeife pfeift, bevor der Zug weiterfährt. Wenn er einen Zugwagen betritt, dann sagt er: «Grüezi miteinander.» Die Passagiere wissen dann, dass sie ihre Billetts zeigen müssen.

Kerzen und Mandarinen

Im Turnus wechselt sich bei den SBB das Personal ab, das über die Feiertage arbeiten muss. Dieses Jahr ist Waldvogel dran. Für ihn ist das nichts Neues. In seiner langen Dienstzeit verbrachte er Weihnacht und Neujahr öfters im Zug. Schon so oft sogar, dass er irgendwann aufgehört habe, mitzuzählen, sagt er.

Und doch sei es jedes Mal wieder speziell, über die Festtage zu arbeiten. «An diesen Tagen fahren andere Menschen Zug.» Bis 19 Uhr sei die Stimmung am Heiligabend und an Weihnachten eher hektisch.

Die Leute reisen zu ihren Familien und transportieren Geschenke, farbig verpackt, in grossen Tragtaschen.

Später am Abend, wenn alle anderen in den warmen Stuben beim Festmahl sitzen, sind nur noch die Einsamen unterwegs, die von Ort zu Ort pendeln. «Sie steigen irgendwo ein und irgendwo wieder aus, haben weder Ziel noch Plan», sagt Waldvogel. Der Zug spendet ihnen Wärme und ein wenig Gesellschaft.

Manchen, die in diesen stillen Nächten ohne Billett in den Zug steigen, habe er schon angeboten, mit ihm bis zur Endstation und wieder zurückzufahren.

Einmal habe eine Kollegin am Weihnachtabend Mandarinen verteilt und in einem Wagen Kerzen angezündet. Mit ausgeschaltetem Licht seien sie so zwei Stunden herumgefahren. Das sei schön gewesen. Oder dann gab es da diesen Mann, der oft dieselbe Strecke fuhr und den Waldvogel darum vom Sehen her kannte.

«Als ich an Heiligabend sein Billett kontrollieren wollte und er keines dabei hatte, hörte ich mir seine Geschichte an und drückte dann beide Augen zu.» Ein halbes Jahr später habe der Mann ihn wieder erkannt und angesprochen. «Er hat sich bedankt und voller Stolz sein neues Abonnement hingestreckt. Das hat mich gefreut.» Eine Frau habe ihm einmal Schokolade geschenkt und sich bedankt, dass er arbeite, wenn alle anderen feiern.

Feuerwerk durch das Zugfenster

Dass er über die Festtage arbeiten muss, stört Waldvogel nicht. Vor allem jetzt, wo die zwei Kinder aus dem Haus sind. «Das grosse Familienfest wird zwischen Weihnacht und Neujahr nachgeholt», sagt er. Manchmal geniesse er es auch, so alleine im Zug zu sein, durch die Dunkelheit zu fahren und seinen Gedanken nachzuhängen.

Und am 31. dann, wenn es Mitternacht schlägt und sich die schwarze Nacht mit schillerndem Feuerwerk erhellt, sei das Zuginnere ein schöner Ort, um in das neue Jahr zu fahren.