Aarau

An Don Juan kommt kein Mann vorbei

Entfernen sich von Don Juans «immer stark sein», das ihnen zu Beginn Messlatte war: Simon Labhart, Stephan Eberhard, Mirza Šavić, Matthias Koch (v.l.).

Entfernen sich von Don Juans «immer stark sein», das ihnen zu Beginn Messlatte war: Simon Labhart, Stephan Eberhard, Mirza Šavić, Matthias Koch (v.l.).

In Aarau hat ein Männerensemble «Don Juan. Erschöpfte Männer» uraufgeführt. Regisseurin Julia Haenni sorgt für Kurzweiligkeit.

Der Strand von Tarragona, das Meer, ein Schiff und auf diesem: Don Juan, der grösste Liebhaber aller Zeiten – auf der Flucht, weil er wiederum eine Frau verführt hat. «Seine Aura, sein Mut, sein starker Wille, seine Kraft, seine Tension, seine Virilität, sein Testosteron schwappt in Sekundenschnelle auf eine Frau rüber und diese erliegt ihm zack bäm direkt.» Fünf junge Männer (Dominik Blumer, Stephan Eberhard, Matthias Koch, Simon Labhart, Mirza Sakic) sprechen so über Don Juan, dessen Schattenwurf sie immerzu begleitet und beunruhigt. Denn sie können diesem ewig Sieghaften, dieser Theaterfigur, die seit Jahrhunderten in immer neuen Ausformulierungen die Männlichkeitsklischees beherrscht, nicht entrinnen.

Die Fünf, die – mit nacktem Oberkörper und in schwarzen Unterhosen – auf der Bühne stehen, weisen keinerlei Ähnlichkeit mit Don Juan auf. Genau das treibt sie um; treibt sie – weil es die Aargauer Autorin und Regisseurin Julia Haenni so will – in eine Theaterprobe, um dort Don Juan näherzukommen. Spielerisch und über sich selbst reflektierend, wollen sie diese Figur erfassen.

Damit dies leichter fällt, setzt sich einer aus der Gruppe ab, entschwindet in eine Ecke, wo er als Gitarrist und Perkussionist wirkt. Der Soundtrack ist stimmig; es kann also nichts schiefgehen. Aber es läuft nichts nach Plan. Nicht die lose skizzierten Szenen bestimmen fortan das Geschehen, sondern die explosiv ausbrechenden Ängste und Konflikte der Männer, die sich unterschiedlich Bahn brechen: als Flapsigkeit, Wut oder Gestammel. Die Männer belauern und umkreisen sich, stürzen aufeinander zu, ballen die Fäuste und stieben davon.

«Wir brauchen eine Anspielpartnerin»

Der riesige, rote Boxhandschuh (Bühne und Kostüme: Kerstin Griesshaber) mitten auf der Bühne bringt sich da als symbolstarkes, je nach Situation verschiebbares Requisit ein, an dem sich die Männer austoben können. Doch dann sind es nur noch zwei, die – nach dem Türen knallenden Abgang ihrer Kollegen – übrig bleiben. Die Szene mit der Fischerin ist gestrichen, aber für die beiden ist klar: «Wir brauchen eine Anspielpartnerin.» Also spielen sie eine – und so liegt im Schoss des einen Mannes ein zweiter Mann, der eine Frau spielt: Der Finger des einen Mannes streicht zart über die Wange des anderen Mannes. Mehr ist nicht. Oder doch?

Julia Haenni lässt Verunsicherung zu, stellt auch in dieser Szene das Ideal des allzeit starken, Ängste und Zweifel nicht zulassenden Mannes in Frage.

Wie es weitergeht, fragt man sich, nachdem auch der letzte Schauspieler die Bühne verlassen hat. Erst einmal passiert gar nichts. Ein technisches Problem? Nein. Es ist Pause. Wie wichtig doch eine solche im Theater sein kann: Julia Haenni lässt das Publikum im Zuschauerraum sitzen, gibt ihm Zeit zum Sammeln und setzt so einen Kontrapunkt zur schnelllebigen Gegenwart. Nach einer gefühlten Ewigkeit hört man zögernde Schritte auf der Treppe. Die fünf Männer kehren zurück; aber wie anders wirken sie jetzt in ihren halblangen, züchtig wirkenden, weinroten Kleidern. Die Bekleidung ist optischer Ausdruck für das neue Kapitel, das Julia Haenni nun aufschlägt. Eines, in dem die Männer weit mehr von sich erzählen als zuvor. Sie wollen «einfach sich selbst sein und sich gut finden». Mit jeder weiteren Äusserung entfernen sich die Fünf von Don Juans «immer stark sein», das ihnen zu Beginn Messlatte war.

Mit «Don Juan. Erschöpfte Männer» ist das Stück betitelt. Haenni aber nimmt das Publikum mit auf eine kurzweilige Theaterreise. Die Aargauerin überzeugt sowohl als Autorin wie als Regisseurin: Sie setzt ihr Stück zu einem oft diskutierten Thema auf der Bühne ebenso rasant wie mit überraschenden Verlangsamungen in Szene. Und mit einem tollen, ironische Pointen setzenden Männerensemble.

«Don Juan. Erschöpfte Männer» Theater Tuchlaube Aarau; 14., 15. und 19. Februar.

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