Schiffsverkehr

An diesem Frachthafen ist der Aargau dem Meer am nächsten – die Reportage aus Rheinfelden

Auf der deutschen Rheinseite in Rheinfelden werden jedes Jahr rund 200'000 Tonnen Fracht verladen. Zwei bis vier Schiffe legen pro Woche an und verbinden den Aargau mit der Welt.

Der Aargau und das Meer: ein Wortpaar, das auf den ersten Blick nicht zusammenpasst. Auf einen zweiten doch, mit den eleganten Doppelvokalen, die oft dort auftauchen, wo einer eben nicht reicht, um die ganze Weite und Vielfalt anzudeuten. Der Aargau und das Meer: Eine Kombination, die zu Gedankenspielen führt, zu Bildern im Kopf, zu grossen Ideen. «Der Aargau liegt am Meer», behaupteten Fridolin Stähli und Peter Gros 2003 im gleichnamigen Buch, in dem sie in die Texte aargauischer Schriftsteller abtauchten. Und ein wenig Meeresluft weht von den grossen Fliessgewässern her: Aare, Limmat, Reuss. Sie strömen im Wasserschloss zusammen, bevor sie in den Rhein münden – und den Aargau bei Kaiseraugst in Richtung Meer verlassen. Nur 260 Höhenmeter trennt sie dort von der Meeresoberfläche, «Meter über Meer», gemessen übrigens ab einem Stein in einem Hafen am – nun ja: Genfersee.

Herzlicher Empfang für Schiffsführer

Dem Meer am nächsten ist der Aargau aber in Rheinfelden. Genauer: am gegenüberliegenden Ufer, Rhenus Port Logistics Weil am Rhein GmbH & Co. KG, Baslerstraße 15, 79618 Rheinfelden. «Betreten des Betriebsgeländes verboten. Eltern haften für ihre Kinder» steht auf einer Tafel. Der Rheinhafen Rheinfelden ist der einzige Frachthafen auf Aargauer Höhe. An diesem Novembervormittag scheint die Sonne auf das Hafengelände, erbaut 1933, 5000 Quadratmeter Fläche, rund 200 000 Tonnen Fracht pro Jahr.

«Ich fahre auch mal mit einem mit oder bringe eine Tüte Weggli.» Marina Neidhardt, Teamleiterin Rheinhafen Rheinfelden

«Ich fahre auch mal mit einem mit oder bringe eine Tüte Weggli.» Marina Neidhardt, Teamleiterin Rheinhafen Rheinfelden

Der Rhein fliesst gemächlich an der Quaimauer vorbei, ein Arbeiter lädt mit dem Gabelstapler Paletten in einen Lastwagen, jede eine Tonne schwer: «MOZAL» steht neben dem Barcode auf den weissen Klebeetiketten an den silbrig glänzenden Rohlingen – Aluminium aus Moçambique. Fotografiert werden dürfen die Blöcke nicht; Kundengeheimnis. Daneben schimmert es rot hinter einer Mauer aus Betonelementen. Das Eisenerzkonzentrat, das hier lagert, ist Abbrand aus Duisburg, bestimmt für die Aargauer Holcim-Werke. Als Stabilisator wird es bei der Zementproduktion beigemischt.

Bruno Imhof, aufgewachsen in Magden im Fricktal, gelernter Handelskaufmann, arbeitete als Bub im Basler Hafen. Nach der Lehre ging er nach London, um Englisch zu lernen. Heute ist er froh um beides: als Chief Operating Officer und Member of the Executive Board der Rhenus Port Logistics mit Sitz in Basel ist er häufig unterwegs. Der Rheinfelder Hafen füllt in seinem Pflichtenheft nur wenige Seiten: «Ja, ich bin eher selten hier», sagt er, «aber das hat auch einen guten Grund: Marina Neidhardt.»

Sie trägt eine rahmenlose Brille und eine gelbe Leuchtjacke. Ihre Arbeitszeiten sind von 7 bis 17 Uhr, «und wenn ein Schiff fertig gelöscht werden muss, auch mal länger». Seit 20 Jahren arbeitet sie als Teamleiterin im Hafen Rheinfelden, kennt alle Schiffsleute, die hier anlegen. «Ich fahre auch mal mit einem mit oder bringe eine Tüte Weggli.» Romantisch sei die Welt der Hafenarbeiter nicht mehr: «Es ist harte Arbeit. Umso mehr schätzen es die Schiffsführer, wenn sei bei uns herzlich empfangen werden.»

Sand für Elefanten in Zürich

An diesem Novembervormittag ist es ruhig. Heute legt kein Schiff in Rheinfelden an. Drei bis vier sind es normalerweise pro Woche. In den nächsten Tagen werden Lava und Kohle
erwartet. Die Umladesilos sind nicht belegt. Aussen ziemlich rostig, leisten sie nach wie vor verlässlichen Dienst: «Die könnte man schon modernisieren», sagt Imhof, «aber sie erfüllen ihren Zweck.» Es ist die Haltung eines Mannes, der das Meer kennt: was sich bewährt hat, muss man nicht unnötigerweise erneuern. Während die Umschlagsarbeiter den Boden vom Sand sauberspritzen, den Gabelstapler putzen und den Drehkran warten, schwimmt auf dem Rhein ein Schwan vorbei und pflegt en passant mit seinem Schnabel sein Gefieder.

«Aus Sicht der Schifffahrt ist er eigentlich nicht der erste, sondern der letzte aller Rheinhäfen.» Bruno Imhof, Chief Operating Officer, Rhenus Port Logistics AG

«Aus Sicht der Schifffahrt ist er eigentlich nicht der erste, sondern der letzte aller Rheinhäfen.» Bruno Imhof, Chief Operating Officer, Rhenus Port Logistics AG

Der Hafen liegt zwar nicht im Kanton Aargau und ist dennoch «ein halber Aargauer Hafen», wie Imhof sagt. Die Materialien, die angeliefert werden, sind oft für die Schweiz bestimmt. Vor allem Sand. Feinsand, Rheinsand, Quarzsand – auch Lava, Split, Kies. Für den Bau von Golf- und Fussballplätzen, oder auch für den Elefantenpark des Zoos Zürich. Für die Fabriken in Rheinfelden D werden Anthrazit aus Belgien und Alu aus Norwegen, Brasilien, Venezuela, Kanada, Russland, Moçambique abgeladen. Die Weiterfahrt ist nur mit dem Lastwagen möglich, einen Gleisanschluss gibt es nicht.

Kein Platz für einen Ausbau

Während für die Rheinhäfen in Basel am Ausbau geplant wird, wird sich in Rheinfelden nicht viel ändern. «Wir sind inzwischen komplett von Wohnhäusern umgeben, eine Erweiterung ist nicht möglich», sagt Neidhardt – und verhehlt nicht, dass man gern ausbauen würde, wenn man denn könnte. Vor allem jetzt, nach «Rastatt». Der Name einer Stadt in Baden-Württemberg wurde zum Symbol für die Anfälligkeit des internationalen Güterverkehrs.

Im August hatte sich das Gleisbett bei Rastatt abgesenkt, die Rheintal-Bahnstrecke blieb bis im Oktober gesperrt. Spediteure wechselten notgedrungen vom Gleis auf das Wasser – und sie entdeckten dabei die Vorzüge des Rheins wieder: «Seither haben wir wieder mehr Anfragen.» Könnte man den Rhein gar weiter hinauf schiffbar machen? «Wir wären dafür. Das Wasser soll man nutzen!», sagt Imhof, gibt aber zu bedenken, dass es nur auf dem Papier «theoretisch machbar wäre», praktisch kaum.

So bleibt Rheinfelden vorerst «der erste Lade- und Löschhafen am Rhein», wie Marina Neidhardt stolz sagt. Imhof ist nicht ganz einverstanden: «Aus Sicht der Schifffahrt ist er eigentlich nicht der erste, sondern der letzte aller Rheinhäfen.» Dem Aargauer ist dieses Detail nicht so wichtig. Hauptsache, hier kommt er dem Meer am nächsten. Nicht umsonst steht in Rheinfelden AG das «Haus zum Meerhafen».

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