Ein Konzept und ein leeres Pult. Das hat Rudolf Geiser vorgefunden, als er 1991 seine Stelle als Geschäftsleiter des Entlastungsdienst Aargau angetreten hat. Mehr war im kleinen Büro an der Entfelderstrasse in Aarau nicht vorhanden. «Kaum war das Telefon installiert, meldete sich auch gleich die erste Kundin», sagt er lachend.

Und so füllte sich sein Pult zunehmend mit Papier. Geiser begann, das Konzept umzusetzen, Kontakte zu anderen sozialen Organisationen zu knüpfen und Vermittlerinnen für die Bezirke zu suchen. Der gemeinnützige Verein zügelte in die Altstadt, die Angebotspalette stieg, die Mitarbeiterzahlen ebenso: Was der Suhrer vor 23 Jahren übernommen hat, hat sich zu einer wichtigen Institution für Angehörige und Betreuungspersonen von Menschen mit Behinderung, chronischer Krankheit oder Demenz entwickelt (siehe Box rechts).

Heute sitzt er noch immer im Büro des Entlastungsdienstes. Sein Pult als Geschäftsleiter, das hat er jedoch geräumt: Vor zwei Monaten ist Rudolf Geiser in den Ruhestand getreten. Jetzt kümmert sich der 65-Jährige um zwei kleinere Vereinsprojekte und steht seiner Nachfolgerin, Sonja Graber, mit Rat und Tat beiseite. «Noch befinden wir uns in der Übergabephase», sagt er.

Ob er ihr Ratschläge gegeben habe, als sie seine Stelle im September übernommen hat? Geiser schaut zu Graber und sagt: «Sie braucht keine Ratschläge. Sonja ist so gut, sie weiss, was sie macht.» Er wünsche ihr einfach, dass sie so viel Freude an der Arbeit habe wie er. «Wäre ich nicht 65 geworden, hätte ich gerne noch 20 Jahre weitergemacht», sagt Geiser lachend.

Für ihn sei es mehr als «nur ein Job» gewesen. Den Entlastungsdienst zu führen sei ein stetiger Entwicklungsprozess. Er habe Menschen kennen gelernt, Situationen sowie Geschichten erlebt, die besonders unter die Haut gehen. Beeindruckend sei es, so Geiser, wie Familien mit ihrem Schicksal umgehen und wie die Betreuerinnen mit viel Engagement diese Kunden unterstützen würden.

«Das Allerwichtigste ist, dass die Chemie zwischen den Betreuerinnen und den Familien stimmt», sagt Sonja Graber, die zuvor während fünf Jahren als Vermittlerin des Entlastungsdiensts für die Bezirke Kulm und Zofingen tätig war.

Auf rund 40 Betreuerinnen konnte die Pflegefachfrau zurückgreifen, viele von ihnen entlasten seit Jahren dieselben Kunden. «Die Angehörigen müssen sich absolut auf unsere Mitarbeiterinnen verlassen können», sagt die 52-Jährige. Nur so sei es für die Familienmitglieder auch möglich, sich für einige Stunden zu erholen und den eigenen Bedürfnissen nachzugehen.

«Zudem», ergänzt Rudolf Geiser, «arbeiten wir so, wie es die Kunden brauchen.» Die Bedürfnisse der Familien stehen seit der Gründung des Entlastungsdiensts im Mittelpunkt. «Dieses Grundprinzip hat sich bis heute bewährt. Und daran wird nicht gerüttelt», sagt er lachend. Verändert hätten sich in den Jahren hingegen die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die gesellschaftlichen Strukturen. «Die gewisse Mobilität, die heute gefordert wird, hinterlässt Lücken im Familiennetz», sagt Geiser. Diese Zwischenräume müssten gefüllt werden.

«Familien tun sich aber schwer, anderweitig Unterstützung zu suchen», so Sonja Graber. Gesellschaftliche und religiöse seien nur einige der Gründe dafür. Durch regelmässige Informationsveranstaltungen mit anderen Institutionen wie Spitex, Pro Infirmis und das Schweizerische Rote Kreuz versuche man, auf die verschiedenen Angebote aufmerksam zu machen. «Wir möchten den Angehörigen zeigen, dass sie sich nicht scheuen sollen, Hilfe anzunehmen», sagt sie.

Mit Freude hat die Unterkulmerin im September die Geschäftsleitung übernommen, die vielfältigen Aufgaben sprechen sie an. Und: «Der Entlastungsdienst ist nicht fertig erfunden», sagt Rudolf Geiser und blickt mit einem Lächeln zu Sonja Graber.