Reto Nussbaumer
Altstadt-Verkehr: "Es besteht doch ein Unterschied zwischen Handkarren von damals und Lastwagen von heute"

Der Kunst- und Architekturhistoriker Reto Nussbaumer über den Schutz der Aargauer Altstädte und deren Zukunft.

Manuel Bühlmann
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Kunst- und Architekturhistoriker Reto Nussbaumer.

Kunst- und Architekturhistoriker Reto Nussbaumer.

AZ

Der 50-jährige Kunst- und Architekturhistoriker Reto Nussbaumer arbeitet seit 2006 in der kantonalen Denkmalpflege, deren Leitung er 2011 übernommen hat.

Herr Nussbaumer, die Aargauer Altstädte spannen zusammen, um ihre Position zu stärken. Braucht es das aus Sicht des Denkmalpflegers?

Reto Nussbaumer: Ja, denn die Probleme sind überall ähnlich. Die Interessengemeinschaft sorgt dafür, dass nicht alle Altstädte das Rad neu erfinden müssen.

Beschaulich oder lebhaft: Was bevorzugen Sie für die Altstädte?

Aus Sicht der Denkmalpflege gibt es kein richtig oder falsch. Solange die wertvolle historische Bausubstanz erhalten bleibt, kann ich damit leben. Vielleicht gibt es dereinst keine Läden mehr in den Altstädten, dafür Wohnungen in den Geschäftsräumen im Erdgeschoss. Für mich keine unmögliche Vorstellung.

Umstritten ist auch die Verkehrsfrage: Sind Sie diesbezüglich ähnlich gelassen?

Nein, das sehe ich weniger locker. Zwar waren die Altstädte schon immer Verkehrsachsen, aber es besteht doch ein grosser Unterschied zwischen den Ochsenwagen und Handkarren von damals und den Autos und Lastwagen von heute. Deshalb begrüsse ich eine verkehrsberuhigte Altstadt. Aarau hat sich diesbezüglich – trotz anspruchsvoller Busfrage – sehr positiv entwickelt. Ich stelle aber auch allgemein fest: Die Städte setzen sich intensiv mit diesem Thema auseinander. Womöglich wirkt die IG Aargauer Altstädte in einigen Fällen als Katalysator.

Der Denkmalpflege haftet zuweilen ein Verhinderer-Image an. Zu Recht?

Nein, wir wollen nicht verhindern, sondern unterstützen. Wir haben kein Interesse daran, die Altstädte unter Glasglocken zu stecken, dann sterben sie tatsächlich.

Für Diskussionen sorgt derzeit der Umgang mit historischen Häusern in Lenzburg. Martin Kilias etwa kritisiert im «Tages-Anzeiger» deren Auskernung. Ihr Urteil?

Ich bedauere den Entscheid der Stadt Lenzburg sehr.

Aussen alt, innen modern: Sind die Aargauer Altstädte ein Etikettenschwindel?

In den 1960er- und 1970er-Jahren war die Auskernung historischer Häuser gang und gäbe, heutzutage sollte dies die absolute Ausnahme sein. In Lenzburg wäre die Bausubstanz im Innern nach unserer Beurteilung zu retten gewesen. Die Fassade zu erhalten allein reicht nicht, dies ist inzwischen weitgehend unbestritten, das Bewahren des Gebäudeinnern sollte selbstverständlich sein. Nur so lässt sich die Geschichte Hunderter Jahre spüren.

Die IG Aargauer Altstädte schlägt unter anderem vor, dass Gemeinden Liegenschaften kaufen sollen. Eine gute Idee?

Das halte ich für begrüssenswert. Findet eine Liegenschaft keine Käufer, könnte die Gemeinde einspringen und beispielsweise bei einer Renovation von Anfang an mitreden. Das würde auch unsere Arbeit erleichtern.

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