Erst in Affoltern, dann in Oftringen. Innerhalb weniger Tage sterben zwei Ehepaare durch einen erweiterten Suizid. Beide Male war die Frau schwer erkrankt, die 79-Jährige aus Oftringen litt an Krebs. Es wird vermutet, dass der Ehemann erst seine Frau und dann sich selbst mit einer Schusswaffe richtete. In der Sendung «TalkTäglich» von Tele M1 diskutierten Beat Waldmeier, Geschäftsleiter Pro Senectute Aargau, und Dan Georgescu, Chefarzt Alters- und Neuropsychiatrie der Psychiatrischen Dienste Aargau (PDAG), über das Thema Alterssuizid und wie verzweifelten Senioren geholfen werden kann.

«Man kennt die Hintergründe der Taten in Affoltern und Oftringen nicht genau», sagte Dan Georgescu am Anfang des Gesprächs. «Deswegen will ich nicht spekulieren. Klar ist aber, dass die Betroffenen einen Tunnelblick haben.» In dieser Situation sehe man keinen Ausweg mehr und fühle sich wertlos. «Meistens haben die Personen keinen Todeswunsch, sondern das Verlangen nach Ruhe. Sie sind von ihrer Gesundheit geplagt oder von der finanziellen Lage überfordert.» Dann komme es häufig zu Kurzschlussreaktionen, so Georgescu.

Beat Waldmeier, Geschäftsführer Pro Senectute Aargau: «Die Einsamkeit ist ein grosses Thema. Es hilft, über Generationen hinweg Freunde zu haben.» Ausserdem solle man probieren, mit Kindern und Nachbarn ein gutes Verhältnis zu wahren. «Die Nachbarn des Ehepaares in Oftringen wussten, dass der Mann seiner Frau in den Tod folgen wollte. Hört man so etwas, ist es zu empfehlen, das nächste Umfeld der Betroffenen darüber zu informieren.» Stirbt beispielsweise nur einer der Ehepartner, sei der andere oft überfordert. «Hier ist es wichtig, dass jemand da ist», so Waldmeier. Pro Senectute verfüge über Unterstützungsprogramme, die den Senioren in schwierigen Lebenssituationen unter die Arme greifen und durch die eventuelle suizidale Anzeichen rechtzeitig erkannt und gemeldet werden können. Bei Waldmeiers täglicher Arbeit komme es aber nicht häufig vor, dass eine Person akut gefährdet ist.

Alterssuizid

TalkTäglich – die ganze Sendung

Immer mehr Senioren nehmen sich das Leben. Auch Sterbehilfeorganisationen sind bei älteren Menschen immer beliebter. Was sind die Gründe?

Hausärzte sensibilisieren

In eine Krise könne jeder stürzen, auch alte Menschen, fasste Dan Georgescu zusammen. «Das verlangt die Intervention von Spezialisten.» Um Altersuizid präventiv entgegenzuwirken, müsse man vor allem Hausärzte sensibilisieren. «Senioren haben viel Kontakt zu den Hausärzten und vertrauen ihnen.» Die Generation, die momentan im Alter über 70 sei, habe nicht gelernt, über Gefühle zu sprechen. «Sie gehen eher zum Arzt und klagen über Schmerzen oder Schlaflosigkeit», so Georgescu.

2015 begingen 33 Personen pro 100'000 Einwohner im Alter über 85 Jahre Suizid – beunruhigend viel, wie Moderatorin Anna Steiner betonte. Alterspsychiater Dan Georgescu sieht in den Zahlen keine dramatische Kehrtwende. Bei Senioren habe vor allem die Anzahl assistierter Suizide stark zugenommen. «Jeder Suizid ist natürlich einer zu viel. Doch man muss beachten, dass die Rate schweizweit seit Jahren rückläufig ist.»