Mordfall Gränichen

Alt Bundesrichter Pfisterer: «Schwerer Vorwurf an die Aargauer Justiz»

Thomas Pfisterer, alt Bundesrichter sowie ehemaliger Regierungs- und Ständerat.

Thomas Pfisterer, alt Bundesrichter sowie ehemaliger Regierungs- und Ständerat.

Die Aufhebung des Mordurteils im Fall Gränichen halten alt Bundesrichter Thomas Pfisterer und Strafrechtsprofessor Martin Kilias für sehr aussergewöhnlich. Ihre Reaktionen.

Thomas Pfisterer, alt Bundesrichter, sagt auf Anfrage der AZ: «Dass das Bundesgericht ein Urteil in einem Tötungsdelikt aufhebt, ist aus meiner Sicht sehr aussergewöhnlich.» Pfisterer, der in Lausanne im Staats- und Verwaltungsrechts tätig war, kann sich in den letzten Jahrzehnten an keinen vergleichbaren Fall aus dem Aargau erinnern.

Inhaltlich möchte sich der frühere Regierungs- und Ständerat nicht zum Urteil aus Lausanne im Fall Gränichen äussern. Er kenne die Akten nicht, sagt Pfisterer, hält aber fest: «Die Formulierung des Bundesgerichts, das kantonale Obergericht habe willkürlich geurteilt, ist ein schwerer Vorwurf an die Aargauer Justiz.»

Kilias: Zeugen lügen zumeist nicht, aber...

Der Lenzburger Strafrechtsprofessor Martin Killias sagt: «Dass aus einer Verurteilung wegen Mordes ein glatter Freispruch wird, kommt sehr selten vor.» Zumeist gehe es bei Tötungsdelikten, mit denen sich das Bundesgericht befasst, um die Frage, wie die Tat zu qualifizieren sei.

Strafrechtler Martin Kilias.

Strafrechtler Martin Kilias.

Dabei stellt sich beispielsweise die Frage, ob es sich bei einer Tat um Mord, Totschlag, vorsätzliche oder fahrlässige Tötung handelt. «Es gibt diverse Fälle, in denen das Bundesgericht ein Tötungsdelikt anders qualifiziert als die Vorinstanzen und sich dann auch das Strafmass ändert», sagt Killias.

Er hält weiter fest, es sei ein relativ häufiges Problem, dass Zeugen bei solchen Fällen gewisse Beteiligte nicht mit Sicherheit erkennen könnten. «Studien zeigen, dass Zeugen zumeist nicht lügen oder irgendwelche Geschichten erfinden, dass es ihnen aber oft schwer fällt, Personen zuverlässig zu identifizieren.» Gelingt dies nicht, oder widerspricht die Aussage des Zeugen zu Personen offensichtlichen Fakten, wie im Fall Gränichen, lässt sich diese im Prozess nicht als Beweis verwenden.

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