Massenentlassung
Alstom-Abbau: Wo steckt eigentlich der Präsident Joseph Deiss?

Im Jahr 2012 wurde der Wirtschaftsprofessor und CVP-Bundesrat Joseph Deiss als Verwaltungsratspräsident geholt. Über den geplanten Kahlschlag bei Alstom wusste er Bescheid. Warum nur nimmt er in der Öffentlichkeit keine Stellung?

Daniel Fuchs
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Joseph Deiss, Country Manager Alstom Schweiz, geht seinen Gedanken nach,

Joseph Deiss, Country Manager Alstom Schweiz, geht seinen Gedanken nach,

Keystone

Was ist nur mit Joseph Deiss los? Nachdem am Mittwoch bekannt geworden ist, dass der US-Konzern General Electric (GE) bei seinen Alstom-Ablegern in der Schweiz bis zu 1300 Stellen abbauen will, blieb Alt-Bundesrat Joseph Deiss stumm.

Dabei präsidierte der ehemalige Wirtschaftsprofessor und Alt-Bundesrat der CVP seit 2012 den Alstom-Verwaltungsrat. Seit der Übernahme durch GE im letzten November ist Deiss formell nicht mehr Verwaltungsratspräsident.

Die vormalige Aktiengesellschaft und den notwendigen Verwaltungsrat gibt es nicht mehr. Dafür steht GE im Handelsregister in Form einer GmbH. Und Deiss ist als Vorsitzender der Geschäftsleitung eingetragen. Anrufe auf seinem Handy, SMS und sogar der offizielle Gang über das CVP-Generalsekretariat in Bern blieben unbeantwortet.

Dabei hatte Deiss die Informationen über den geplanten Jobabbau aus erster Hand. Laut «Blick» tauchte er am Mittwoch kurz vor Mittag im Büro des Aargauer Wirtschaftsdirektors Urs Hofmann auf und überreichte diesem die Hiobsbotschaft. Teile der GE-Belegschaft in Baden waren auch am Mittwochnachmittag noch ahnungslos über den angekündigten Kahlschlag.

Neben dem Aargauer Wirtschaftsdirektor Hofmann war sich auch Bundespräsident Johann Schneider-Ammann bis zuletzt sicher, dass GE weiterhin auf die Schweizer Alstom-Standorte setzen würde. Schneider-Ammann, immerhin Ex-Industrieller und Wirtschaftsminister, gab sich bis auf wenige Voten im Schweizer Radio und Fernsehen wortkarg. Die Interviewanfragen dieser Zeitung lehnte er mit Hinweis auf den übervollen Terminkalender ab. Hat der Entscheid der GE-Führung den Bundespräsidenten ebenso auf dem falschen Fuss erwischt wie die Belegschaft?

Alstom streicht 1300 Stellen - Mitarbeiter auf dem Weg zu einem Informationsanlass des Unternehmens am Mittwochmittag
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Alstom streicht 1300 Stellen - Mitarbeiter auf dem Weg zu einem Informationsanlass des Unternehmens am Mittwochmittag
1300 Jobs werden gestrichen - im Bild: Mitarbeiter verlassen in Birr ihren Arbeitsplatz (Archivbild)
Jeder vierte Mitarbeiter der Alstom muss gehen
Alstom-Manager Philippe Cochet
Impressionen der Firma Alstom
Fünf Standorte im Aargau sind betroffen
Alstom in Birr

Alstom streicht 1300 Stellen - Mitarbeiter auf dem Weg zu einem Informationsanlass des Unternehmens am Mittwochmittag

Sandra Ardizzone

Auch Deiss schweigt. Dabei begann für ihn doch alles so schön: 2012 freute er sich noch sehr über das angebotene Mandat im Alstom-Verwaltungsrat. Als Freiburger Ex-Magistrat verwies er gerne auf seine Aargauer Verwandten, die einst für den Vorgänger-Konzern von Alstom BBC gearbeitet hatten. Er verkündete freudig: «Ich habe mir versichern lassen, dass Alstom den Standort Schweiz weiterentwickeln will. Mein Einsatz kommt also auch der Schweiz zugute.»

Damals konnte Deiss nicht ahnen, was auf die Alstom-Belegschaften zukommen würde. Schliesslich machten die Schlagzeilen der geplanten Übernahme durch GE erst ab dem Frühsommer 2014 die Runde. Und Korruptionsvorwürfe, die bis zuletzt immer wieder im Zusammenhang mit dem Alstom-Sitz in Baden genannt wurden, konnte auch Deiss nie ausräumen.

Die Kommunikation über den geplanten Stellenabbau läuft offiziell via GE-Zentrale in Deutschland. Aus Frankfurt folgte am Donnerstagabend die definitive Absage: «Herr Deiss wird sich zunächst nicht äussern können», sagte ein GE-Sprecher.

Stellenabbau bei Alstom:

- General Electric baut in Baden, Turgi, Dättwil, Birr und Oberentfelden von den 5500 ehemaligen Alstom-Arbeitsplätzen 1300 ab. Alstom-Manager Philippe Cochet sagt: Auch ohne GE-Deal wäre es zum Abbau gekommen.

- Europaweit werden bis Ende 2017 von den derzeit noch 48 000 Stellen insgesamt 6500 abgebaut.

- GE siedelt zwei globale Hauptsitze in der Schweiz an.

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