Portrait Ständeratswahlen

Als Linker will Cédric Wermuth das Stöckli aufmischen

Cédric Wermuth auf der Bundesterrasse in Bern. Seit acht Jahren sitzt er im Nationalrat, jetzt will er im Ständerat viel verändern

Cédric Wermuth auf der Bundesterrasse in Bern. Seit acht Jahren sitzt er im Nationalrat, jetzt will er im Ständerat viel verändern

Cédric Wermuth will im Ständerat den Generationenwechsel einläuten und dabei die soziale Gerechtigkeit vorantreiben.

Seine Wahl in den Ständerat sei entscheidend, sagt Cédric Wermuth – weil sie das beste für die Menschen in der Schweiz sei: «Anders als im Nationalrat ist im Ständerat die neue gesellschaftliche Realität noch nicht angekommen. Ich denke, dass ich dabei eine wichtige Rolle einnehmen kann.»

Cédric Wermuth spricht mit dem Selbstbewusstsein eines erfahrenen Politikers. Das ist er auch, denn obwohl erst 33 Jahre alt, sitzt Wermuth bereits seit acht Jahren für die SP im Nationalrat. Er ist weit über die Partei- und Kantonsgrenzen hinaus bekannt und spätestens seit er sich als Juso-Präsident während einer Delegiertenversammlung der SP Schweiz am Rednerpult einen Joint angezündet hat, polarisiert er.

Er hätte nicht gedacht, dass naive Aktionen seiner Jugend so lange sein Image prägen werden, sagt Wermuth. «Ich provoziere nicht, um zu provozieren. Aber ich verbiege mich nicht und werde mich auch nie zurückhalten. Das würde man mir gar nicht abnehmen.»

«Es muss allen besser gehen»: drei Fragen an den SP-Ständeratskandidaten Cédric Wermuth

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Durch die Eltern zur Politik gekommen

Von 2008 bis 2010 stand Wermuth den Jungsozialisten vor. 2011 wurde er in den Nationalrat gewählt, 2015 bestätigt. Seinen Eintritt in die Politik bezeichnet er aber als «völlig unspektakulär». Er habe sich von klein auf im politischen Fahrwasser seiner Familie entwickelt. «Ich bin in einem politisch sehr engagierten Elternhaus aufgewachsen. Ich habe erst in der Schule gemerkt, dass es Menschen gibt, die sich nicht für Politik interessieren.»

Cédric Wermuth ist in Bünzen und Boswil aufgewachsen und hat an der Kantonsschule Wohlen die Matur gemacht. An der Universität Zürich hat er Politikwissenschaften studiert. Inzwischen lebt er in Zofingen und neben seinen politischen Ämtern und seinen Vaterpflichten arbeitet er Teilzeit in einer Kommunikationsagentur.  

Ein Berufspolitiker ist Wermuth nicht, er sieht sich aber mit dem Vorwurf konfrontiert, keine Ahnung von Arbeit zu haben. «Das behaupten eigentlich nur Leute, die keine inhaltlichen Argumente haben. Die Diskreditierung des Begriffs Berufspolitiker finde ich falsch. Die meisten Menschen haben nie auf einer Baustelle geschuftet, das macht ihren Beruf nicht weniger sinnvoll», stellt er klar.

Sein Vater ist italienstämmiger Secondo, der es ihm durch Integration und Einsatz ermöglicht hat, zu studieren. Dafür und dass sie aus ihm einen politischen Menschen gemacht haben, sei er seinen Eltern dankbar: «Sie haben mir beigebracht, dass es zum Erwachsenwerden dazugehört, sich für andere einzusetzen.»

Das hat sich Cédric Wermuth auf die Fahne geschrieben, sein Wahlkampf-Motto lautet «Einer für Alle». Der Generationenwechsel im Ständerat solle eben nicht nur über das Alter stattfinden, sondern auch über die Befreiung aus Verbandelungen. «Ich bin unabhängig und habe keine Verpflichtungen gegenüber finanzstarken Lobbyisten. Diese sind es, welche in den letzten Jahren den Fortschritt im Ständerat behindert haben.» Auch über die Themen müsse ein Wechsel angestrebt werden: Klimakrise, Familienpolitik und der soziale Ausgleich seien die drei drängendsten.

Reiche sollen belastet werden, nicht Arme

Eines ist Wermuth dabei wichtig: «Die ökologische Wende darf nicht auf dem Buckel der Bevölkerungsmehrheit stattfinden.» Wozu das führe, sehe man bei den Demonstrationen der Gilets Jaunes in Frankreich. «Wer kämpfen muss, soll nicht mit weiteren Abgaben und Steuern zusätzlich belastet werden. Die finanziell Schwächeren tragen am Klimawandel schliesslich auch am wenigsten Schuld.» Zwar brauche es eine Veränderung der Lebensgewohnheiten aller, man müsse dies aber als wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg erlebbar machen – etwa, indem eine CO2-Abgabe an die Bevölkerung zurückverteilt wird.

Gleichzeitig sei der weitere Ausbau des Sozialstaats notwendig. Speziell in der Familienpolitik sei die Schweiz noch ein Entwicklungsland, sagt der Vater zweier Kleinkinder. Eher neu ist hingegen die Verarmung der Generation Praktikum und der älteren Arbeitnehmenden. «Auch in Krisen früherer Jahrzehnte gab es viele ältere arbeitslose Menschen. Damals waren Sozialpläne aber selbstverständlich», so Wermuth.

Jetzt, da sich die Unternehmerseite aus dieser Verantwortung weitgehend zurückgezogen habe, seien faire Anstellungsbedingungen und sichere Renten gesamtgesellschaftliche Verantwortungen. «Wir sind so reich wie noch nie in der Geschichte und können uns ein würdiges Leben für Rentnerinnen und Rentner absolut leisten.»

SP darf auch einen Mann nominieren

Davon muss Wermuth die Aargauerinnen und Aargauer überzeugen. Für die Wahl muss er in der Mitte Stimmen holen, was für ihn als Angehörigen des linken SP-Flügels schwerer werden dürfte als für die jetzige Aargauer SP-Vertreterin im Ständerat, Pascale Bruderer. Im Gegensatz zu ihr ist Wermuth zudem als Mann bei den Linken nicht unumstritten. Er winkt bei diesem Thema ab. «Es ist kein Widerspruch, dass die SP nach acht Jahren mit Pascale Bruderer mich nominiert hat. Im Gegensatz zu den Bürgerlichen betreiben wir seit Jahrzehnten konsequent eine Politik der Gleichberechtigung», findet er.

Ganz uneigennützig wäre der Sprung in den Ständerat für Wermuth aber dann doch nicht. «Die politische Debatte findet im Nationalrat immer weniger statt, im Ständerat ist sie lebendig. Das entspricht mir», gibt er zu. Er sei fähig, parteiübergreifend zu arbeiten und den Kanton Aargau in Bundesbern zu vertreten.


Wer aus dem Kandidatenfeld soll dabei seine Kollegin oder sein Kollege sein? «Politisch ist mir sicher Ruth Müri von den Grünen am nächsten», sagt er. Aber er verweist darauf, dass er mit einigen der Kandidierenden gut zusammenarbeiten könnte, beispielsweise mit FDP-Kandidat Thierry Burkart.

Mit ihm habe er eine gute Arbeitsbeziehung und zwischen ihnen bestehe ein gewisses Vertrauen. «Mit einem Sitz für die SP und jemandem von bürgerlicher Seite wäre der ganze Aargau gut vertreten.» Die Erfahrungen mit dem FDP-SP-Gespann Egerszegi-Bruderer und nachher Müller-Bruderer seien schliesslich gut gewesen.

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