Schulunterricht vor 60 Jahren

Als es noch keine Fotokopierer gab – und der Lehrer vervielfältigen musste

Handgefertigte Skizzen ergänzen die Arbeitsblätter zur Aargauer Heimatkunde. SB

Handgefertigte Skizzen ergänzen die Arbeitsblätter zur Aargauer Heimatkunde. SB

Vier heimatkundliche Arbeitsblätter zum Aargau aus dem Jahre 1959 zeigen, wie die Lehrer damals unterrichteten.

Ein Junglehrer aus Gippingen veröffentlichte im Jahr 1959 in der Zeitschrift «Schweizer Schule» vier «Arbeitsblätter zum Aargau». Die «Schweizer Schule» war eine Halbmonatsschrift für «Erziehung und Unterricht» und wurde vom katholischen Lehrerverein herausgegeben.

Der Anspruch des Autors ist hoch: Wenn die Schülerinnen und Schüler die Aufgaben auf den Blättern lösen und die Fragen beantworten können, dann wissen sie so ziemlich alles, was 5.-Klässler im Jahre 1959 über den Aargau überhaupt wissen können.

Die Anleitung des Autors an die Lehrpersonen ist hingegen simpel: «Wir denken uns die Sache so», schreibt der Primarlehrer aus Gippingen, «der Lehrer vervielfältigt die Zeichnungen und den dazugehörigen Text, teilt die Blätter den Schülern aus, welche einzeln oder gruppenweise den Text verarbeiten und die Aufgaben lösen.»

Die Dachrinne der Schweiz

Da fällt zweierlei auf. Im Jahr 1959 gab es noch keine Fotokopierer. Wie haben denn damals die Lehrer Texte «vervielfältigt»? Es blieb nur der mühsame Weg über den Umdrucker mit den Wachsmatrizen. Entsprechend selten wurden Texte vervielfältigt. Arbeitsblätter für alle waren die Ausnahme – schliesslich hatte man ja Schulbücher. Und Hefte zum Abschreiben und Abzeichnen von der Wandtafel.

Ungewöhnlich war der methodische Ansatz des Junglehrers: Die 5.-Klässler sollten selbstständig, eigenverantwortlich und im eigenen Tempo die Arbeitsblätter bearbeiten. Das war 61 Jahre vor der Einführung des Lehrplans 21 fast schon revolutionär.

Josef Rennhard, der im Text genannte Lehrer aus Gippingen (Archivbild von 2007)

    

Einen Hinweis gab es allerdings noch: «Die fruchtbare Auseinandersetzung mit den Arbeitsblättern ist nur dann möglich, wenn Lehrer und Klasse sich vorher eingehend mit dem Aargau beschäftigt haben.»

Das liest sich beim ersten Arbeitsblatt zum Thema Wasser dann so: «Suche auf einer guten Schweizerkarte herauszufinden, aus wie vielen Kantonen der Schweiz bei Rheinfelden Wasser vorbeifliesst.» Oder: «Suche Ortschaften, deren Namen von aargauischen Flüssen abgeleitet sind». Oder: «Wo führen aus dem Aargau Brücken nach Deutschland?» Oder: «Man hat den Aargau verächtlich ‹die Dachrinne der Schweiz› genannt. Nenne dagegen die Vorteile der vielen Flüsse! Gibt es wirklich auch Nachteile?». Und: «Was bedeutet wohl der Namen Koblenz?»(Wer es auch nicht weiss: Der Name «Koblenz» geht auf das lateinischen «confluentes» zurück, es bezeichnet also einen Ort, wo Flüsse zusammenfliessen.)

Die drei weiteren Arbeitsblätter befassen sich mit Geschichte, Geografie und Wirtschaft des Aargaus. Die Schüler (die gendergerechte Sprache war damals noch nicht erfunden) sollten «oberflächlich» etwa erklären, wie das Atomkraftwerk funktioniert, das «bei Villigen entsteht». Oder ihre Väter und Grossväter befragen, wie das damals bei der Grenzbesetzung war. Oder herausfinden, was die drei Aargauer Persönlichkeiten Pater Theodosius Florentini, Mutter Bernarda Heimgartner und Johann Heinrich Pestalozzi gemeinsam hatten. Oder sie sollten sich überlegen, warum die vielen aargauischen Städte alle relativ klein geblieben sind.

Heute wirken die Arbeitsblätter mit den handgefertigten Zeichnungen und Skizzen natürlich antiquiert. Aber die Art und Weise, wie sie Wissen über den Aargau abfragen, generieren oder reflektieren lassen, ist so aktuell, dass man die vier Arbeitsblätter nahezu unverändert in den neuen Aargauer Lehrplan transferieren möchte.

Der Junglehrer wird Chefredaktor

Der Junglehrer aus Gippingen, der die Arbeitsblätter vor 60 Jahren verfasst hatte, war ein gewisser Josef Rennhard. Er wechselte bald als Sekundarlehrer nach Leibstadt, dort wurde er mit 31 Jahren auch zum Gemeindeammann gewählt. Mit 32 Jahren machte er das Schreiben zu seinem Hauptberuf und ging als Redaktor zum «Schweizerischen Beobachter», wo er 30 Jahre blieb, 12 davon als Chefredaktor.

Nebenbei politisierte Rennhard für die CVP, war Grossrat und betreute viele Jahre lang als Redaktor das Schulblatt Aargau-Solothurn. Dazu verfasste er Sachbücher, Schulbücher und Theaterstücke. Im Alter von 70 Jahren wurde er erster Ombudsmann der AZ Medien. Josef Rennhard, der sich gern als «Überzeugungs-Aargauer» bezeichnete, starb 2010 im Alter von 79 Jahren.

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