Steuerschulden
Als der Betreibungsbeamte an der Tür klingelte, flog alles auf – Direktbetroffener erzählt

Ein betroffener Aargauer erzählt, wie er in die Schuldenspirale geriet, daraus lange ein Geheimnis machte und sich nun mühsam heraus kämpft.

Manuel Bühlmann
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Das Portemonnaie leer: So erging es auch einem Mann aus der Region Baden. (Symbolbild)

Das Portemonnaie leer: So erging es auch einem Mann aus der Region Baden. (Symbolbild)

Peter Siegrist

Eines Tages stand der Betreibungsbeamte vor der Wohnungstür, die Freundin öffnete. In diesem Moment kam raus, was er lange vor Freunden, Familie und Freundin verheimlicht hatte. Markus (Name geändert) ist hoch verschuldet. Der Berg an unbezahlten Rechnungen ist ihm längst über den Kopf gewachsen, vom Lohn bleibt nach der Pfändung nur noch das Existenzminimum. Zahnarzt, Essen im Restaurant, Ausgang, Ferien liegen seither nicht mehr drin. Verreisten die Freunde, brauchte er eine Ausrede.

Markus ist einer von Tausenden im Aargau, die ihre Steuern nicht zahlen können.

«Man wird gut darin, sich selbst und andere anzulügen», sagt Markus, der in der Region Baden lebt. Angesehen habe man ihm nichts. «In mir drinnen war ein Riesenpuff – wie bei meiner Post.» Doch die Scham war zu gross, um mit jemandem darüber zu reden. Im Nachhinein ein Fehler, räumt er ein. «Weil niemand davon wusste, musste ich niemandem Rechenschaft ablegen.» Sein Rat an Betroffene lautet deshalb: «Sprecht darüber.»

Die finanziellen Probleme begannen nach der abgeschlossenen Elektriker-Lehre und dem Auszug von zu Hause. Reisen, Wintersport, Velos, DJ-Equipment, Ausgang – Markus lebte gut, zeitweise gar in Saus und Braus, wie er heute sagt. «Ich habe das Leben genossen.» Der erste volle Lohn nach der Lehre schien unerschöpflich. Die Steuern waren weit weg. Sie machen denn auch den grössten Teil seiner Schulden aus, der Zahlungsrückstand reicht inzwischen Jahre zurück.

80'000 Franken Schulden

Gearbeitet als Elektriker hat Markus immer; Geld floss Monat für Monat auf sein Konto – nur eben weniger, als er ausgab. Die Rechnungen landeten ungeöffnet auf einem Stapel, später direkt im Papierkorb. Die Steuererklärung füllte er längst nicht mehr aus. «Das war der grösste Fehler», sagt Markus im Rückblick. Das komplizierte System habe seinen Teil dazu beigetragen. «Es wäre leichter, wenn die Steuern direkt vom Lohn abgezogen würden.» Das Steueramt schätzte ihn ein. Die Rechnungen, die er danach erhielt, fielen bis zu sechs Mal höher aus. Über 20'000 Franken hätte er demnach im Spitzenjahr zahlen müssen. Der Schuldenberg wuchs auch sonst weiter. Den Überblick über seine Finanzen hatte er völlig verloren.

Das wahre Ausmass zeigte sich erst, als er bei der Schuldenberatung alles auf den Tisch legen musste: 80'000 Franken. «Ich hätte den Betrag auf die Hälfte geschätzt», sagt er. Dass er sich schliesslich bei der Beratungsstelle Hilfe geholt hat, ist auch dem Vorfall mit dem Betreibungsbeamten zu verdanken. Damals sei ihm klar geworden, dass es so nicht weitergehen kann. Seine Freundin machte ihn auf das Beratungsangebot aufmerksam, ermutigte ihn, sich dort professionelle Unterstützung zu holen. «Alleine hätte ich es wohl nicht gemacht.» Der Flyer der Schuldenberatung lag lange zu Hause rum, bevor er sich gemeldet hat. Das Ego habe nicht zugelassen, Hilfe anzunehmen. «Zu Beginn habe ich mich geweigert. Ich habe gedacht, das schaffe ich selbst.»

Familienplanung muss warten

Irgendwann meldete er sich dann doch an, heute ist er froh darum. Markus hat gelernt, Ordnung in seine Finanzen zu bringen. Davor habe er nach dem Motto gelebt: «Solange Geld auf dem Konto liegt, ist alles in Ordnung.» Die Steuererklärung für dieses Jahr habe er sofort gemacht, die nötigen Belage lagen geordnet bereit – «15 Minuten hinsetzen und fertig».

Doch auch mit professioneller Hilfe ist der Weg aus den Schulden lang. Drei Jahre liegen vor ihm, wenn alles nach Plan läuft. Drei Jahre, in denen nur das Minimum vom Lohn bleibt, für das Nötigste. Ein Budget nach dem Existenzminimum, erweitert um die laufenden Steuern. Auch die Familienplanung, sagt der 37-Jährige, sei auf die Zeit danach verschoben.