Neue Serie
Als der 2. Weltkrieg zu Ende ging – eine Aargauerin (87) erinnert sich

Am 8. Mai vor 70 Jahren endete der 2. Weltkrieg. Gertrud Schmid-Rüttimann (87) aus Gipf-Oberfrick ist im Freiamt aufgewachsen. Ihr Vater war während des Krieges Regierungsrat. Sie hat prägende Erinnerungen an die Zeit von 1939 bis 1945.

Aufgezeichnet von Jörg Meier
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Gertrud Schmid-Rüttimann erinnert sich an den zweiten Weltkrieg
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Dieses Foto mit General Guisan in der Bildmitte aus dem Jahre 1940, aufgenommen in Montfaucon, hütet Gertrud Schmid wie einen wertvollen Schatz.
Abreise aus dem Freiämter Paradies
Französisches Mädchen in Muri

Gertrud Schmid-Rüttimann erinnert sich an den zweiten Weltkrieg

Sandra Ardizzone

«Im Sommer 1939 besuchten wir mit der ganzen Familie die Landi. Vater, Mutter, wir fünf Kinder und die Haushalthilfe. Am Eingang fragte uns ein Kontrolleur, ob wir eine Gesamtschule seien. Das fand ich lustig. Ich erinnere mich an den Schifflibach und an die Schwebebahn über den See. Am meisten Eindruck aber hat mir die Höhenstrasse mit allen Gemeindefahnen gemacht – und die Statue des Soldaten, der seine Uniformjacke überzieht.

«Es schmöckt nach Pulver», sagte mein Vater. Erst später habe ich begriffen, was er damit gemeint hat. Denn nur wenige Tage nach unserem Landi-besuch brach der Zweite Weltkrieg aus.

Vereidigung im Schachen

Mein Vater war Regierungsrat. Am 2. September 1939 fuhr er wie gewohnt von Muri, wo wir lebten, nach Aarau zur Arbeit. Plötzlich kam ein Telefon aus Aarau. Der Krieg sei ausgebrochen. Hitler habe Polen angegriffen, alle Schweizer Soldaten müssten sofort einrücken. Es komme nächstens ein Beamter aus Aarau. Der hole die offiziellen Kleider für meinen Vater. Denn der sei schon unterwegs in den Schachen, wo er die einrückenden Soldaten vereidige. Der Beamte, der die Kleider holte, fuhr ein Auto mit einer einstelligen AG-Nummer. Das hat mir imponiert.

Durch das Dachfenster unseres Hauses sahen wir Kinder auf die Landstrasse. Da zogen die Frauen von den Bauernhöfen ringsum mit Ross und Wagen vorbei und brachten ihre Männer zum Einrückungsort, Kinder sagten ihren Vätern adieu. Viele weinten.

Serie: 2. Weltkrieg – Zeitzeugen berichten

Vor 70 Jahren ging der 2. Weltkrieg zu Ende. In der Serie «Als der Krieg zu Ende ging» erinnern sich Zeitzeugen aus dem Aargau an die Jahre 1939 – 1945 und dabei vor allem an die letzten Kriegstage Anfang Mai 1945. Und sie erzählen ihre persönliche Kriegserlebnisse und wie die damaligen Erfahrungen ihr späteres Leben geprägt haben. (jm)

Da wusste ich: Jetzt gilt es. Ich will mithelfen. Ich kann in der Küche Gemüse rüsten und Teller waschen. Ich bin auch für etwas da! Nein, Angst hatte ich nie.

In der Bezirksschule fehlten nun oft die Lehrer. Als unser Geografielehrer in den Aktivdienst musste, gab er uns eine Aufgabe: Wir sollten alles über den Kanton Schaffhausen lernen. Und bei seiner Rückkehr gebe es dann eine Prüfung. Manchmal kam auch ein Student. Oder ein pensionierter Lehrer. Oder wir mussten einfach in eine andere Klasse sitzen und ruhig sein. Manchmal fiel die Schule auch ganz aus. Das machte uns aber nichts aus.

Wir hatten einen grossen Garten. Wir pflanzten Gemüse und Kartoffeln an. Ich war stolz, dass ich da gut mithelfen konnte. Vieles war rationiert. Aber meine Mutter hatte zwei Brüder mit Bauernhof. So kamen wir zu zusätzlichem Fleisch, das die Mutter in den Kamin hängte. Das war zwar nicht ganz legal, aber fast alle haben sich zu helfen gewusst, um die strenge Rationierung etwas erträglicher zu machen. Käse gab es auch, zudem hielten wir Hasen. Nein, ich habe nie etwas vermisst.

Wer nicht genug zu essen hatte im Dorf, konnte sich in der Militärküche Suppe holen.

Für meinen Vater war es eine schwierige Zeit. Er leitete das Justiz- und Polizeidepartement. Er hatte manche schlaflose Nacht und musste oft nach Bern reisen, und dort vom General und vom Bundesrat neue Weisungen entgegennehmen. Aber er hat sich nie beklagt und immer mit Respekt von den Männern in Bern gesprochen.

Wenn ich abends aus dem Fenster schaute, stand manchmal ein Soldat unter der Blutbuche vor unserem Haus und hielt Wache. Meine Mutter brachte ihm jeweils Kaffee. Das gab mir ein Gefühl von Geborgenheit.

«Tuez les boches!»

Während des Krieges haben wir immer wieder Kinder aus den betroffenen Ländern Frankreich, Belgien und Österreich bei uns aufgenommen. Sie wurden vom Roten Kreuz vermittelt und blieben für drei Monate.

Das war eine wunderbare Erfahrung für mich. Ich konnte oft französisch mit ihnen reden, sie lachten mich nicht aus, wenn ich etwas Falsches sagte. Ein Mädchen wollte nicht reden, versteckte sich, wollte sich nicht fotografieren lassen. Es wollte keinen Kontakt und keine Berührung. Dann erfuhr meine Mutter, dass das neunjährige Mädchen von den deutschen Besatzern missbraucht worden war.

Wir päppelten die Kinder auf, verwöhnten sie, bis sie wieder zurück in ihre Heimat mussten. Das war manchmal ein schwieriger Abschied. Mit einigen hatte ich nachher noch jahrelang brieflichen Kontakt.

Einmal nahmen wir ein Mädchen aus Frankreich mit an die Bundesfeier. Als die Raketen losgingen, begann das Mädchen zu zittern und schrie dann ausser sich. ‹Ce sont les boches! Tuez les boches!›

Als mein Bruder in den Aktivdienst einrücken musste – er war Mediziner und hatte eine gewisse Härte – sagte er beim Abschied voller Wut: «Ich gehe – und wenn ich sterben sollte, dann sterbe ich gerne, wenn ich vorher noch zwei Deutsche erledigen kann.» Und das war sein heiliger Ernst! Das habe ich nie vergessen können.

Bei den Menzinger Schwestern

1944 kam ich in die Klosterschule zu den Schwestern vom Heiligen Kreuznach Menzingen, um Hauswirtschaftslehrerin zu werden. Meine beiden Schwestern waren auch schon in diesem Institut gewesen. Dreimal im Jahr durften wir nach Hause. Es war ein einfaches Leben. Aber ich war zufrieden. Nicht glücklich, einfach zufrieden. Ich habe immer gewusst, wie viele Stunden es noch dauert, bis das Bähnli zurück nach Muri fährt.

Vom Krieg spürten wir wenig und nur indirekt. So gab es keinen Heimattag. Dafür gingen wir in den Wald und sammelten Holz und Tannenzapfen. Der Knecht brachte dann mit Ross und Wagen alles in die Schule, die auch im Winter nur schwach geheizt war und die Schlafsäle gar nicht. Wir packten uns einfach warm ein.

Jeder Tag begann mit absolutem Stillschweigen, das bis nach dem Frühstück dauerte. Zum Zmorgen gab es Milchkaffee und Ruchbrot, wer Honig oder Konfitüre wollte, musste sie selber mitbringen.

Nach dem Zmorgen verlas dann jeweils eine Schwester Informationen, fromme Wünsche und Ratschläge für den neuen Tag.

Der 8. Mai 1945

Am 8. Mai 1945 wurde der strenge Tagesablauf völlig über den Haufen geworfen. Die Oberin rief uns zusammen und erklärte, dass die deutsche Armee an allen Fronten kapituliert habe. Der Krieg sei zu Ende. Jetzt war fertig mit Stillschweigen. Wir jubelten. Die Schule fiel aus, alle Regeln waren aufgehoben. Die Klosterfrauen backten Kuchen für uns, und wir tanzten im Garten. Was für ein Festtag!»

Schwarzhandel: Jeder 23. Aargauer hatte sich zwischen 1939 und 1946 wegen kriegswirtschaftlicher Vergehen zu verantworten

Damit die Bevölkerung während der Kriegszeit genug zu essen hatte, entwickelte der ETH-Professor und spätere Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen den Plan zur «Anbauschlacht». An den Vorarbeiten, die bereits im Jahre 1938 begannen, waren die beiden Freiämter Agronomen Roman Abt und Josef Käppeli massgeblich beteiligt. In sieben Etappen wurden die Anbauflächen zwischen 1939 und 1945 bedeutend vergrössert. Dabei verhielt sich der Aargau geradezu vorbildlich. Er übertraf sein Plansoll und lag mit einer Flächenzunahme von 113 Prozent deutlich über dem schweizerischen Durchschnitt. Sportplätze und Parkanlagen kamen so unter den Pflug, unter anderem auch der Golfplatz in Schinznach. Auch Privathaushalte trugen zum Mehranbau bei. 1941 deckte jede zweite Familie ihren Bedarf an Kartoffeln aus dem eigenen Garten.
Trotzdem wurden immer mehr Lebensmittel und Konsumgüter wie Textilien, Schuhe oder Waschmittel rationiert. Zudem gab es zwei verordnete fleischlose Tage pro Woche. Allerdings umgingen viele die strengen Vorschriften. Schwarzhandel sowie die Umgehung von Abgabepflicht und Preisvorschriften waren an der Tagesordnung, der Tauschhandel blühte.
Auch hier erwiesen sich die Aargauer als äusserst kreativ. Zwar wurde jeder 23. Aargauer zwischen 1939 und 1945 wegen Verstössen gegen die Rationierung angezeigt; man darf aber davon ausgehen, dass die Dunkelziffer noch um ein Vielfaches höher liegt. Dennoch waren Anbauschlacht und Rationierung ein grosser Erfolg.
(Quelle: Geschichte des Aargaus)

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