Klosterstreit 1841
Als 6000 Aargauer Soldaten ins Freiamt marschierten und die Mönche vertrieben

Heute vor 175 Jahren wurden die Mönche aus dem Kloster Muri vertrieben. Sie fanden in Südtirol eine neue Bleibe. Der heutige Abt Benno Malfèr wirft einen Blick zurück, ganz ohne Zorn. Aber lieber noch schaut er nach vorn.

Jörg Meier
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Abt Benno Malfèr in der ehemaligen Klosterkirche Muri, 175 Jahre nach der Vertreibung der Benediktiner-Mönche aus dem Freiamt. Eine Rückkehr der Mönche aus Südtirol nach Muri ist für ihn «weder denk- noch wünschbar.»

Abt Benno Malfèr in der ehemaligen Klosterkirche Muri, 175 Jahre nach der Vertreibung der Benediktiner-Mönche aus dem Freiamt. Eine Rückkehr der Mönche aus Südtirol nach Muri ist für ihn «weder denk- noch wünschbar.»

Alex Spichale

Im Januar 1841 stürmten 6000 bewaffnete Aargauer Soldaten ins Freiamt. Zwischen Wohlen und Villmergen kam es zu einem kurzen, aber heftigen Gefecht gegen ein paar hundert aufgebrachte Freiämter. Nach einer guten Stunde waren die Freiämter besiegt. Major Sauerländer konnte dem Truppenkommandanten Oberst Frey-Herosé melden, der Widerstand im Freiamt sei gebrochen.

Die Aargauer Truppen zogen weiter nach Muri und besetzten das Kloster. Denn man ging davon aus, dass der Freiämter Widerstand gegen die neue Kantonsverfassung auch vom Kloster Muri geschürt worden war. Am 13. Januar entschied der Grosse Rat auf Antrag von Augustin Keller, dass alle aargauischen Klöster per sofort aufzuheben seien. Die Gebäude wurden vom Kanton annektiert und ebenso das klösterliche Vermögen.

Historische Aufnahme des Klosters Muri (zwischen 1889 und 1901), das für den Kanton zunehmend zur Last wurde.

Historische Aufnahme des Klosters Muri (zwischen 1889 und 1901), das für den Kanton zunehmend zur Last wurde.

zvg

Neue Heimat in Südtirol

Auf den Tag genau 175 Jahre nach der Vertreibung und dem unfreiwilligen Auszug der Mönche aus der Benediktiner-Abtei Muri sitzen wir mit Abt Benno Malfèr im Speisezimmer des Hospizes des ehemaligen Klosters. Der 69-jährige Abt steht dem Kloster Muri-Gries seit 1991 vor, jenem Kloster in Südtirol, in welchem die Murianer Mönche nach einer längeren Odyssee 1845 eine neue Heimat fanden.

Was geht im heutigen Abt Benno Malfèr vor, wenn er sich bewusst macht, dass hier vor 175 Jahren der damalige Abt Adalbert Regli und sämtliche Mönche genau 48 Stunden Zeit hatten, um das Kloster zu verlassen, das von den Soldaten umstellt war?

«Damals war eine andere Zeit. Es ging um einen politischen Konflikt. Der junge Staat musste und wollte Aufgaben übernehmen, die vorher andere Einrichtungen wahrgenommen haben», sagte Abt Malfèr. Vor allem seien das die Klöster gewesen, die sich etwa um die Schulbildung gekümmert hätten. «In dieser Auseinandersetzung mit dem Staat Aargau haben die Klöster den Kürzeren gezogen», stellt Abt Malfèr nüchtern fest. Und er betont, es sei dem Kanton damals nicht um die Verfolgung einzelner Personen gegangen, sondern es sei ein Konflikt zwischen zwei Institutionen gewesen.

Abt hegt keinen Groll

Also kein Groll des heutigen Abtes gegen die radikalen Massnahmen von damals? Der Abt schüttelt den Kopf. «Nein. Die Schliessung und Annektierung der Gebäude in Muri hat ja keineswegs das Ende der Klostergemeinschaft bedeutet. Die Mönche haben einen Weg gesucht, um als Gemeinschaft im Sinne des heiligen Benedikt weiterleben zu können. Dafür mussten sie ins Exil. Sie haben dabei erstaunliche Anpassungsleistungen erbracht und sich rasch in einer völlig neuen Umgebung eingelebt. Sie wurden in Südtirol mit offenen Armen empfangen.»

Das Klostergebäude mit den entsprechenden Ländereien hatten die Habsburger vermittelt. Feiern mag er den heutigen Tag aber nicht. «Man feiert eine Gründung, aber sich nicht eine Vertreibung.» Auch der Kanton hat keine Aktionen zum Gedenken an den Klosterstreit geplant.

Mit dem Kanton versöhnt

Der Kanton wurde auch nicht recht glücklich mit dem annektierten Kloster und seinem vermeintlichen Reichtum. Der Klosterschatz liess sich nur schwer zu Geld machen, die Ländereien warfen wenig Gewinn ab, und der Unterhalt der vielen Gebäude verursachte vor allem Kosten. Der Brand von 1889, von vielen als Fingerzeig des Himmels gedeutet, schuf zusätzliche Probleme.

Doch die Beziehung von Muri mit der Aargauer Regierung hat sich längst normalisiert. Der Kanton hat Klosterkirche und -gebäude an Einwohner- und Kirchgemeinde Muri übergeben und sich zudem tatkräftig an den Renovationsabreiten beteiligt. So kommt es, dass das Kloster Muri heute zu den schönsten Anlagen in der Schweiz gehört und dank der kulturellen Vielfalt zu den «Leuchttürmen» der kantonalen Kultur gezählt wird. Die Aargauer Regierung hat vor Jahren das Kloster Muri-Gries besucht, umgekehrt hat Abt Benno Malfèr am Kantonsjubiläum mitgefeiert. Bildungsdirektor Alex Hürzeler ist Stiftungsrat in der Stiftung «Muri Geschichte 2027», die zum tausendjährigen Bestehen die Geschichte des Klosters aufarbeiten wird.

Der Chauffeur des Abtes

Das kleine Hospiz im Singisenflügel wird zurzeit nur noch von Pater Bonifaz dauernd bewohnt. Es beherbergt aber auch geistliche Gäste, die hier Halt machen; auch Abt Benno Malfèr wohnt hier, wenn er in Muri ist. Er pendelt oft zwischen Südtirol und dem Freiamt. Wie er das macht? «In Zeiten knapper Ressourcen bin ich auch der Chauffeur des Abtes», sagt er lachend.

Aber ob es auch in Zukunft möglich ist, das Hospiz in Muri dauernd zu besetzen, muss Abt Malfèr derzeit offenlassen. Die Gemeinschaft in Muri Gries zählt noch 21 Mönche. Tendenz sinkend.

«Wir konzentrieren uns auf das, was wir mit unseren Ressourcen noch leisten können», sagt Benno Malfèr. Und diese Tätigkeiten liegen in Muri Gries in Südtirol; dort sind die Mönche vor allem seelsorgerisch tätig, aber auch das klösterliche Weingut geniesst weitherum einen guten Namen.

Dennoch bleibe die geistige Verbundenheit mit dem Ursprungskloster. «Aber wir müssen auf dem aufbauen, was möglich ist, sagt Realist Malfèr, «wir dürfen uns nicht irgendwelchen Illusionen hingeben.»

So ist es für ihn weder denk- noch wünschbar, dass die Benediktiner Mönche aus Südtirol dereinst zurück nach Muri kommen, so wie sich das Freiämter Klosternostalgiker früher gewünscht hatten.

Dennoch bleibe Muri Teil der gelebten Geschichte der Klostergemeinschaft, die seit bald 1000 Jahren durch das Chorgebet verbunden sei. «Vieles hat sich verändert», sinniert der Abt, als er den Gast zum Ausgang begleitet und Kinderlärm durch die ehemaligen Klosterräume hallt. «Geblieben ist das Chorgebet, das Leben nach den Regeln des heiligen Benedikt. Und daran wird sich so schnell nichts ändern.»

Was im Januar 1841 im Aargau geschah: Die Regierung schlägt zurück

Am 5. Januar 1841 nahmen die Aargauer Stimmbürger mit 58 Prozent Ja-Stimmen die neue Kantonsverfassung an. Diese nahm bei der Bestellung des Grossen Rates keine Rücksicht mehr auf die Konfessionen. Im Freiamt fühlten sich viele Katholiken deswegen diskriminiert und es rumorte heftig. Das «Bünzer Komitee» schürte den Unwillen gegen «Aarau» und ein zweiter Freiämtersturm stand unmittelbar bevor.

Da liess die Aargauer Regierung mobilisieren und stellte 6000 Soldaten
bereit, die im Vergleich zu den mit Keulen, Messern und Beilen dürftig bewaffneten Freiämtern gut ausgerüstet waren. Zwischen Villmergen und Wohlen kam es zu einem kurzen Gefecht. Danach besetzten die Regierungstruppen Bremgarten und Muri kampflos. Sie erstickten auch andere Unruhen im Keim, die am Rohrdorferberg oder im unteren Aaretal aufflackerten. Am 12. Januar hatte die Regierung die Situation wieder unter Kontrolle. Mit zwei Toten auf Regierungsseite und sieben getöteten Aufständischen war diese bürgerkriegsähnliche Situation relativ glimpflich abgelaufen.

Es wurden zwar sechs Todesurteile gefällt, aber nie vollzogen. Angestachelt von einer Hetzrede Augustin Kellers, hob der Grosse Rat am 13. Januar 1841 dann willkürlich, ohne gerichtliche Untersuchung und ohne Anhörung der Beschuldigten,
alle acht aargauischen Klöster auf.

Die angebliche Staatsgefährdung durch die Klöster und deren Anstiftung zum Aufstand war eine an den Haaren herbeigezogene Behauptung. Es ging einerseits darum, einen Sündenbock für die Unruhen zu finden. Anderseits war nun endlich die Gelegenheit da, mit den ungeliebten Klöstern aufzuräumen.

Der Kanton liess die Klöster recht unzimperlich räumen und schonte auch die bedeutenden Abteien von Wettingen und Muri nicht. Die Frauen erhielten acht Tage, die Männer nur 48 Stunden zum Auszug. Heute vor 17 Jahren, am 25. Januar 1841 verliessen die Murianer Mönche Muri, wo sie über 800 Jahre lang gewirkt hatten. Damit war auf einen Schlag eine bis ins hohe Mittelalter zurückreichende Tradition ausgelöscht.

Der Aargauer Klosterstreit war damit aber nicht abgeschlossen, sondern hatte weitreichende Folgen. Wütende Proteste trafen aus den konservativen Kantonen ein, die eidgenössische Tagsatzung tadelte das Vorgehen. Der österreichische Staatskanzler Fürst von Metternich verlangte die Wiedereinsetzung der Mönche und auch Frankreich protestierte. Schliesslich mündete der Klosterstreit im Jahre 1848 in den Sonderbundskrieg.

Quelle: Christophe Seiler. Andreas Steigmeier: Geschichte des Aargaus.

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