Hans Peter Neuenschwander kommt zu spät zum Interview in seiner ehemaligen Wohnstube. 25 Jahre lebte er mit Kind und Kegel auf der Festung, heute wohnt Familie Neuenschwander ausserhalb. «Wir mussten im Team eine Krisensitzung einberufen», erklärt er die Verspätung. Ein Jugendlicher wollte ausbrechen, dabei kam es zu einem kleinen Übergriff auf einen Mitarbeiter. «Dieser hat richtig gehandelt und der Jugendliche konnte nicht entkommen», sagt Neuenschwander, seit 26 Jahren Mitarbeiter im Jugendheim auf der Festung Aarburg, davon neun Jahre als Direktor.

Fluchtversuche und ab und zu auch geglückte Fluchten bzw. Entweichungen kommen auf der Festung zuweilen vor, da es sich beim Jugendheim Aarburg eben um ein grundsätzlich offenes Jugendheim und nicht um ein geschlossenes Gefängnis für Jugendliche handelt. Informiert werden Öffentlichkeit und Jugendliche vorsichtig – aus Angst vor Nachahmungsgefahr. «Aber auch Übergriffe auf Mitarbeiter gehören in gewissem Masse zur Realität, damit müssen wir leben», sagt Neuenschwander. Im Jahr 2012 kam es zu drei versuchten Geiselnahmen von Mitarbeitenden durch Jugendliche, 2013 war es eine und 2014 gab es bisher zwei Versuche, mit Einsatz von Gewalt zu flüchten. Neuenschwanders Mitarbeitende werden auf Vorfälle dieser Art vorbereitet.

So kann jeweils Schlimmeres verhindert werden. Um Fluchten, Entweichungen und Gewalt möglichst zu minimieren, sind im Laufe der vergangenen rund vier Jahre verschiedenste zusätzliche Sicherheitsmassnahmen sowohl im Bereich der Infrastruktur (zusätzliche technische Sicherheitsanlagen und bauliche Sicherheitsmassnahmen) als auch im personellen Bereich (Einsatz von Securitas Mitarbeitenden, spezifische Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden) umgesetzt worden.

Selbst gebastelte Waffen

Gefährlich wird es, wenn selbst gebastelte Gegenstände als Waffen eingesetzt und Mitarbeitende genötigt werden und es zu erfolgreichen Ausbrüchen kommen könnte. In diesen Fällen werden die Jugendlichen zur Fahndung ausgeschrieben und die Öffentlichkeit wird informiert. «Wenn Jugendliche in der geschlossenen Abteilung zum ersten Mal nach langer Zeit Ausgang erhalten, kommt etwa die Hälfte nicht rechtzeitig oder vielleicht gar nicht zurück und muss gesucht werden», so Neuenschwander.

Delikte würden dabei äusserst selten passieren, weil die Jugendlichen wüssten, dass sie im Fokus der Polizei stehen. Momentan werden 3 von 45 Jugendlichen gesucht. Sie kamen vom normalen Urlaub nicht zurück. «Wir gehen davon aus, dass die Polizei sie bald findet», sagt Neuenschwander. Schwierig sei es, wenn eine Familie ihren Sohn vor der Polizei verstecke. «Und es ist auch schon vorgekommen, dass Jugendliche von ihren Angehörigen ins Ausland geschleust wurden.» Etwa in 20 Prozent aller Fälle würden die Eltern nicht kooperieren. Mit diesen suche man das Gespräch. Das läuft über Bezugspersonen oder beigezogene Fachpersonen. «Wir versuchen, die Eltern zu motivieren, die angeordneten Massnahmen zu unterstützen.

Meist haben sie dieselben Ziele wie wir: Der Jugendliche soll eine Ausbildung absolvieren und die Verantwortung für sein Leben übernehmen können.» Manchmal brauche es auch Dolmetscher oder die Unterstützung von Therapeuten. «Eltern meinten, ihr Sohn werde hier vergiftet, weil sie wegen der Sprachbarriere nicht verstanden haben, worum es geht», sagt Hans Peter Neuenschwander. Und: Die Eltern würden sehr unterschiedlich reagieren, wenn sie erfahren würden, dass ihr Kind untergetaucht sei. «Wir haben schon alles erlebt: Manche rufen die Polizei, wenn der Ausreisser zu Hause auftaucht, andere melden es dem Jugendheim, noch andere sagen gar nichts.» Die Frage, ob er nie Angst habe, dass ein Ausgebüxter vor seiner Türe stehe und ihm etwas antun wolle, verneint Neuenschwander. Aber ihm sei bewusst, dass bei einigen das Potenzial für Gewalttaten vorhanden sei.

Ein Jugendlicher im Jugendheim Aarburg

Ein Jugendlicher im Jugendheim Aarburg

«Kürzlich stattgefundene Gespräche der nationalen Kommission zur Verhinderung von Folter mit Jugendlichen anlässlich einer Inspektion zeigten auf, dass sie sehr wohl differenzieren können. Die Jugendlichen merken, dass wir hier einen Auftrag haben und Kontrollen machen müssen und unsere Interventionen nicht gegen sie gemeint sind, sondern für ihre Entwicklung und ihre Sicherheit sowie die von Drittpersonen.»

Normal oder gefährlich?

Die jugendlichen Straftäter werden in drei Kategorien eingeteilt: normal, gefährlich und sehr gefährlich. Schwierigkeiten gibt es gemäss dem Direktor mit denen, die nicht motiviert sind, eine Massnahme einzugehen, aber aus Sicherheitsgründen nicht draussen sein können. In diesen Fällen wird nach Jugendstrafrecht oft eine Freiheitsstrafe verordnet. Es kann vorkommen, dass Jugendliche – aus verschiedenen Gründen – nicht aufgenommen werden im Jugendheim Aarburg. Wenn im Extremfall kein Heim einen Jugendlichen aufnimmt, kommt es zu Sondersettings. Das ausgebaute Massnahmenzentrum Uitikon ZH könnte ebenfalls auch Aargauer aufnehmen.

«Die Nerven habe auch ich schon verloren», gibt Neuenschwander zu. Aber das komme selten vor. «Manche Jugendliche sind regelrecht darauf spezialisiert, sich so zu verhalten, dass man an die Grenzen kommt.» Körperlich habe er aber nie agiert, das verlange er genauso von seinen Mitarbeitenden.

Suizidfall ging nahe

Sein prägendstes Erlebnis? Ein Suizidfall vor fünf Jahren. Ein junger Mann hatte sich am ersten Tag nach der Unterbringung in der Geschlossenen das Leben genommen, obwohl er vorher in einer Klinik war und einer Massnahme hätte ausweichen können. «Ich habe ihn nicht mal kennen lernen können. Dieser Vorfall hat mich tief getroffen.» Man habe sich im Team gegenseitig geholfen. Von allfälligem Fehlverhalten wurden die Mitarbeitenden bei den Ermittlungen entlastet. «In solchen Situationen ist es wichtig, dass man neue Kraft tanken kann – gerade auch im privaten Umfeld», sagt Neuenschwander.

Blick auf Aarburg mit Festung (rechts) (Archiv)

Blick auf Aarburg mit Festung (rechts) (Archiv)

Und: In seinen 26 Jahren auf der Festung sei das der einzige Suizidfall gewesen. «In den 90ern hatten wir zwei Todesfälle wegen Drogenkonsums.» Das habe auch tief berührt, aber zu Zeiten der offenen Drogenszenen habe man immer damit rechnen müssen. Ihm gebe in solchen Fällen sein Glaube Kraft, sagt Neuenschwander. «Es hilft mir bei der Arbeit, wenn ich weiss, dass es mehr gibt als das materielle Leben hier.» Auch viele Jugendliche seien recht offen für Übersinnliches oder würden mehr Sinn suchen, als möglichst viel Geld zu verdienen. «Unsere Arbeit soll aber keinesfalls missionarisch sein, wir sind ein staatliches Heim.» Er wisse auch nicht, wie viele Mitarbeiter gläubig seien. Aber: «Ich bin überzeugt von der Wirkung des Gebets. Ich bete oft für die Jugendlichen und die Probleme, die uns in unserer täglichen Arbeit herausfordern.»

Bereut, diesen Job angenommen zu haben, habe er nie. Das spürt man. Und in Anbetracht des grossen Engagements des Direktors und seiner zu meisternden Herausforderungen sind auch die 20 Minuten Verspätung längst vergessen.