Seit 1. Januar gilt die neue Spitalfinanzierung mit Fallpauschalen. Ein Problem für die Kantonsspitäler ist ihre erst vorläufige Fallpauschale, der von der Regierung festgesetzte Arbeitstarif. Der war laut Dieter Keusch, CEO Kantonsspital Baden (KSB), notwendig, um einen Liquiditätsengpass bis zur definitiven Taxfestsetzung zu verhindern. Beide Spitäler drängen. Keusch stellvertretend: «Für die Spitäler ist es nun von zentraler Bedeutung, dass die Taxfestsetzungsverfahren schnellstmöglich umgesetzt werden, denn eine Abweichung des definitiven Tarifs vom Arbeitstarif hat einen enormen administrativen Aufwand zur Folge. Bereits gestellte oder bezahlte Rechnungen im KVG-Bereich müssen möglicherweise korrigiert werden.» Bis zu diesem Zeitpunkt basiere das Budget für stationäre Leistungen auf noch nicht erhärteten Annahmen. So tönt es auch im Kantonsspital Aarau (KSA).

Grosse Sorgen bereitet gerade den Kantonsspitälern mit ihrem enormen Investitionsbedarf der vom Bundesrat für 2012 festgelegte Investitionskostenzuschlag von 10 Prozent. Hans Leuenberger, CEO des KSA, betont, dass mit diesen Mitteln nicht nur die Gebäulichkeiten, sondern auch das medizinische und betriebliche Equipment ständig auf dem neusten Stand gehalten werden muss. Leuenberger: «Wir brauchen 17 Prozent, um den Ansprüchen gerecht zu werden. 10 Prozent sind viel zu wenig. Damit kann ich mir unseren 700-Millionen-Masterplan für das KSA so nicht vorstellen, auch wenn der Kanton uns einen namhaften Kredit (rückzahlbar in 12 Jahren) zur Verfügung stellt. Uns fehlen mit dem jetzigen Zuschlag rund 20 Millionen Franken jährlich.» Leuenberger hofft sehr auf die Einsicht der Politik für eine Erhöhung.

Auch für KSB zu wenig

Auch für das KSB sind 10 Prozent viel zu wenig. Keusch: «Das ist definitiv nicht genügend und torpediert den mit der KVG-Revision angestrebten Wechsel von der Objekt- zur Subjektfinanzierung.» Keusch verweist auf den Zürcher Stadtrat. Dieser rechne laut «NZZ» mit einer massiven Unterdeckung des Investitionsbedarfs für das Triemlispital und habe bereits in der Rechnung 2011 Rückstellungen von 9 Millionen Franken getätigt. Keusch: «Ähnliche Subventionspläne lassen sich auch aus anderen Kantonen vernehmen. Es ist deshalb absolut zwingend, dass der Investitionszuschlag auf mindestens 14 Prozent angehoben wird, damit die Spitäler ohne Subventionen für Spitalleistungen existenzfähig bleiben. Nur so ist ein Wettbewerb unter den Spitälern möglich.» Andernfalls entstehe ein Subventions-Wettbewerb unter Kantonen und Kommunen – genau das, was die KVG-Revision abschaffen wollte.

Positiv sei, dass im Aargau für alle Regionalspitäler derselbe Tarif gelte, sagt Alfred Zimmermann, CEO der Asana-Gruppe (Spitäler Leuggern und Menziken), der natürlich auch auf einen transparenten, schweizweiten Tarif pocht. Die Regionalspitäler haben inzwischen laut Zimmermann mit den Kassen eine unterschriftsreife Lösung gefunden. Zum Investitionszuschlag sagt er, Regionalspitäler hätten weniger Kosten als Zentralspitäler. Doch 10 Prozent seien auch hier zu wenig: «Wir brauchen 12 bis 14 Prozent.» Mehr will Marco Beng, CEO des Kreisspitals für das Freiamt, Muri (KSF). 14 bis 16 Prozent seien zwingend.

Viele offene Fragen

Beim Fallpauschalen-System stellen sich laut KSA-CEO Leuenberger noch viele Fragen. Sein Spital behandelt viele schwerkranke und polymorbide Patientinnen und Patienten (solche mit mehreren Krankheiten). Leuenberger: «Wie soll man all die Abklärungen und Behandlungen für diese, aber auch zum Beispiel für Palliativ-Patienten via Fallpauschalen-System adäquat erfassen?» Deshalb kämpft er als Vertreter eines grossen Zentrumsspitals für eine höhere Base Rate. Dies soll so lange der Fall sein, bis das System Swiss DRG einen Reifegrad erreicht hat, das die genannten Besonderheiten berücksichtigt. Danach sollen dann schweizweit einheitliche Base Rates als verbindlich erklärt werden. Das neue System bedinge überdies einen gewaltigen administrativen Mehraufwand für alle Spitäler, gibt Leuenberger zu bedenken.

Marco Beng verweist darauf, dass Codiere und Medizincontroller einen Boom erleben, deren Löhne steigen und Personal abgeworben wird. Er ist sehr stolz, dass das KSF «als erstes Spital in der Schweiz laut Aussagen von den Versicherern in der Lage ist, mit den Versicherern elektronisch abzurechnen».

Mehr als vom neuen System verspricht sich Leuenberger von Prozessoptimierung. So rücken die Patienten in einem KSA-Pilotprojekt nicht mehr am Vortag, sondern erst am Morgen der Operation im Spital ein. Die bisherigen Erfahrungen seien sowohl aus Patientensicht als auch aus der Optik des Spitals sehr positiv.

Patienten spüren nichts

Sind die Patienten aufgrund der neuen Situation verunsichert? Fürchten manche, «blutig» entlassen zu werden, damit das Spital sparen kann? Die CEOs haben solche Ängste bisher nicht wirklich kennen gelernt. Sie sind sich einig, dass die Patienten vom neuen System nichts spüren. Hans Leuenberger: «Wir entlassen Patienten deshalb nicht früher.» Alfred Zimmermann doppelt nach: «Die Patienten werden weiterhin vom Arzt entlassen und nicht vom Spitaldirektor! Würden sie zu früh entlassen und ergäben sich Komplikationen, ginge die Zusatzbehandlung auf unsere Kosten. Dies und ein sich daraus ergebendes schlechtes Image können, wollen und werden wir uns keinesfalls leisten.» Verunsicherung stellt Leuenberger gleichwohl bei manchen ausserkantonalen Patienten fest. Etliche fragen, ob die Krankenkasse jetzt für diesen Aufenthalt im Aargau aufkomme. Den Patienten empfiehlt er, sich bei ihrer Kasse zu orientieren, weil die weiss, welche ausserkantonalen Spitäler auf der Liste des eigenen Kantons sind und selbstredend auch die Versicherungssituation des Fragestellers kennt.

Entwarnung in Muri. Verunsicherung bei Luzerner Patienten stellt Marco Beng fest. Die Mitteilung, das KSF stehe nicht mehr auf der Luzerner Spitalliste, warf Fragen auf. Sie erhielten Anfragen von Patienten und Hausärzten, ob sie nicht mehr ins KSF kommen bzw. zuweisen dürfen. Beng: «Hier konnten wir Entwarnung geben, da selbstverständlich weiterhin alle Patienten aus den umliegenden Kantonen unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen können. Im Endeffekt erwarten wir eine Zunahme der ausserkantonalen Patienten.»

Zu früh für eine Beurteilung

Spürt man den Wettbewerb zwischen den Kantonen schon? Dies zu beurteilen sei zu früh, tönt es aus Aarau, Baden und Leuggern. Dieter Keusch fügt an, die Kantonsgrenze sei bereits vorher stark durchlässig gewesen, «da ein grosser Teil der Bevölkerung für Grundversicherungsdienstleistungen ‹ganze Schweiz› versichert ist». Dieses Angebot der Kassen, fordert er, müsse mit dem neuen System relevant günstiger werden. Beng stellte im Januar im KSF eine leichte Zunahme ausserkantonaler Patienten gegenüber Januar 2011 fest. Keine grossen Änderungen erwartet Leuenberger. Er ist überzeugt, dass die Patienten das Spital nicht aufgrund des Preises, sondern aufgrund seiner Qualitätsmerkmale auswählen. Leuenberger: «Der Wettbewerb findet auf der Qualitätsebene statt. Das ist genau richtig so. Höhere Qualität führt letztlich auch zu einer verbesserten Kosteneffizienz.»