Das Gesundheitswesen kostet Jahr für Jahr mehr. Gewichtige Gründe sind immer mehr ältere Menschen, der medizinische Fortschritt sowie das Bevölkerungswachstum. Doch die Kostensteigerung liegt weit über der Entwicklung von Lohn- und sonstigen Lebenshaltungskosten, sie tut also immer mehr weh. Deshalb sucht die Politik seit Jahren nach Einsparmöglichkeiten. Eine davon funktioniert nach dem Prinzip «ambulant vor stationär». Wer zu Hause statt im Spital gepflegt werden kann, fühlt sich meist wohler und verursacht tiefere Kosten. Doch auch die laufend besser ausgebaute Spitex kostet immer mehr: «Die Gemeinden stehen unter Druck, ihre Kosten steigen. Was können wir tun, wo können wir steuern?» Diese und weitere Fragen stellte die FDP-Grossrätin und Apothekerin Martina Sigg als Moderatorin einer von der FDP Aargau organisierten Tagung in Aarau. Sigg stolperte etwa über den Umstand, dass der Kanton die Pflegetarife festlegt, die Gemeinden aber zahlen. Und sie stellte die Frage in den Raum, ob die Gemeinden Spitex-Leistungen ausschreiben sollen.

In diese Richtung gehen soll es für den Gesundheitsökonomen Stefan Felder von der Universität Basel. Er hat letztes Jahr in einer Studie bei der Aargauer Spitex ein Sparpotenzial von bis 10 Millionen Franken (und im Gesundheitswesen im Aargau von bis 55 Millionen Franken) errechnet. Er ist sehr für mehr Spitex, rechnet hier noch mit weiterem massiven Wachstum, verweist aber auch darauf, dass der Anteil privater Anbieter in Deutschland deutlich höher sei als in der Schweiz. Um den Spitex-Auftrag auszuschreiben, bedürfe es einer exakten Definition des Leistungsauftrags. Den Auftrag ausgeschrieben hat Aarburg. Dieses Städtchen vergab ihn danach privat und erntete dafür kontroverse Schlagzeilen.

«Der Buhmann des Kantons»

Er sei der Buhmann des Kantons, hängte Ralph Bürge, Geschäftsführer des Pflegeheims Lindenhof in Oftringen, sarkastisch ein. Er hat diesen Auftrag erhalten, weil Aarburg mit seiner Spitex nicht zufrieden gewesen sei. Aarburg muss ihm deutlich weniger zahlen. Er habe nachweisen müssen, alle geforderten Leistungen erbringen zu können, mit Notrufdienst rund um die Uhr. Er habe extrem viele Fachkräfte, so Bürge. Er könne Kräfte bündeln, derweil andere dieses Know-how erst aufbauen müssen.

Mit oder ohne Vereinbarung?

Laut Rebekka Hansmann, Präsidentin des Spitex-Verbandes Aargau, müssten die Gemeinden auch hauswirtschaftliche Leistungen unterstützen. Das tue Aarburg nicht, kritisierte sie. Sie räumte aber ein, dass es mit der öffentlichen Spitex in Aarburg unglücklich gelaufen sei. Insgesamt würden die Spitex-Dienstleistungen immer komplexer und aufwendiger, so Hansmann. Sie unterscheidet zwischen Spitex mit und ohne Leistungsvereinbarung. Derweil eine Spitex ohne Vereinbarung wählen kann und lieber Patienten mit hohem Zeitbedarf betreut, hat die Spitex mit Aufnahmepflicht auch Patienten, die womöglich nur Augentropfen brauchen. Da man die Wegzeit nicht verrechnen kann, rechne sich das oft nicht. Überhaupt rede man bei der Spitex von einem Anteil von 2,8 Prozent der Gesundheitskosten, so Hansmann weiter. Ob man da wirklich Millionen sparen könne, zumal man ja gut qualifiziertes Personal wolle?

Regula Kiechle, Geschäftsführerin des Roten Kreuzes Aargau, verwies darauf, wie enorm viel Gratisarbeit pflegende Angehörige leisten. Sie ruft dazu auf, sich zu melden, wenn es zu viel wird: «Die Betreuenden merken es oft selbst nicht, wie sie immer mehr machen.» Das Rote Kreuz bietet Hilfe etwa mit einem Entlastungsdienst. Kiechle plädierte dafür, die Hilfe vom Hausarzt über heimische bis zur stationären Pflege eng zu koordinieren, um Kranken und ihren Angehörigen besser zu helfen. Da herrschte Einigkeit.

Bald geht eine Revision des aargauischen Pflegegesetzes in die Vernehmlassung. Spätestens dann kommt die Debatte über die Spitex in die nächste Runde.