Im August hat der Regierungsrat ein Sparpaket vorgestellt: Das Budget soll gestaffelt bis 2017 um 120 Millionen Franken pro Jahr entlastet werden. Rund ein Drittel davon – 35 Millionen Franken – entfällt auf die Bildung. Das führte zu heftigen Protesten bei den Lehrerinnen und Lehrern. Bildungsdirektor Alex Hürzeler hat öffentlich lange geschwiegen – im Interview mit der az nimmt er erstmals öffentlich Stellung.

Herr Landammann, kaufen Sie gern bei Aldi ein?

Alex Hürzeler: Bis heute habe ich noch nicht bei Aldi eingekauft. Ohnehin gehe ich nicht oft einkaufen.

Wir fragen deshalb, weil die künftige Präsidentin der Aargauer Lehrerschaft, Elisabeth Abbassi, gesagt hat, das Sparpaket führe zu einer «Aldi-Schule».

Das ist eine deplatzierte Aussage. Sie entspricht überhaupt nicht den Tatsachen. Auch künftig werden wir eine gut ausgestattete Schule haben.

Auch der Fraktionschef Ihrer Partei, der SVP, hat den Ausdruck aufgenommen und ins Positive gedreht: Endlich werde die Schule günstiger und trotzdem gut.

Auch diese Aussage ist nicht korrekt. Denn auch in den nächsten Jahren werden die Ausgaben steigen – dank den Massnahmen bloss weniger stark. Als Regierung tragen wir die Verantwortung für die finanzielle Situation des Kantons. Und da müssen wir einsehen, dass in den kommenden Jahren auch die Bildungsausgaben nicht mehr wachsen können wie bisher. Der Aargau hat sehr gute Zeiten hinter sich. Man ist sich hier nicht mehr gewohnt, dass nicht alles immer im gleichen Mass weiterwachsen kann.

Stehen Sie als Bildungsdirektor wirklich hinter den Sparmassnahmen im Bildungsbereich? Man hört, Sie seien vom Regierungskollegium zum Sparen gezwungen worden.

Die Regierung hat einen Auftrag zu erfüllen. Ich bin Teil der Regierung und stehe zu diesem Auftrag. Der Auftrag lautet, den Staatshaushalt in Ordnung zu halten und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung zu schaffen. Es ist klar, dass auch der Bildungsbereich einen Beitrag liefern muss.

Es gibt fünf Departemente, aber Sie müssen mehr als 30 Prozent zum Sparpaket beisteuern. Sie haben schlecht verhandelt.

Ich gebe mit der Bildung eben auch mehr als 30 Prozent des gesamten Haushaltes aus. Das Bildungsdepartement ist ein typisches AusgabenDepartement. Einnahmen, etwa über Gebühren, generieren wir im Vergleich zu den anderen wenig.

Die Lehrerverbände haben sehr heftig auf die geplanten Sparmassnahmen reagiert. Täuscht der Eindruck, oder sind Sie von den Reaktionen überrollt worden?

Das mussten wir so erwarten. Massnahmen, die etwas Bestehendes infrage stellen, lösen immer Abwehrreflexe aus. Das ging sehr solidarisch durch alle Lehrerverbände hindurch. Die Lehrer haben tatsächlich heftig reagiert und früh Aktionen lanciert. Es wäre falsch, wenn wir zum jetzigen Zeitpunkt, bevor der demokratische Prozess richtig gestartet wurde, schon auf alle Empörung reagieren würden.

Die Lehrer diskutieren die Massnahmen nun halt ohne Sie.

Wir konnten und wollten nicht schon in dieser frühen Phase mit allen Betroffenen debattieren. Die Regierung hat Vorschläge für Einsparungen gemacht. Seit kurzem läuft jetzt die Vernehmlassung. Anschliessend wird die Regierung nochmals eine Gesamtanalyse vornehmen und diese dem Parlament vorlegen. Heute ist noch gar nichts beschlossen.

In der Demokratie ist es doch so: Je früher und je heftiger man sich wehrt, desto grösser sind die Chancen, etwas zu erreichen.

Eine Überreaktion kann auch kontraproduktiv sein. Ich bin ja mit der Spitze des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes im Gespräch. Ich finde es auch richtig, wenn sich Betroffene selber Gedanken machen, was sie verändern würden. Aber wenn einzelne Schulen Aktionen machen und auch Eltern und Kinder einspannen, wenn die Parlamentarier jetzt schon mit Protestbriefen überhäuft werden, kann das auch des Guten zu viel sein.

Kommen wir zu den Massnahmen: Sie wollen die Einschulungsklasse abschaffen, in welcher der Stoff der 1. Klasse auf zwei Jahre verteilt wird. Hier spart man auf dem Buckel der Schwächsten.

Als die Einschulungsklassen vor rund 40 Jahren eingeführt wurden, hatten wir noch Klassen mit 40 Kindern. Seither hat sich vieles verändert. Wir haben kleinere Klassen, wir haben einen obligatorischen zweijährigen Kindergarten, wir haben DeutschZusatzlektionen, wir haben heilpädagogische Unterstützung. Wir wenden viel Geld für die Förderung der Schwächsten auf. Sie sollten heute möglichst im Rahmen der Regelklasse gefördert werden können.

Individualförderung mit Heilpädagoginnen ist doch das teurere Modell als die Einschulungsklasse.

Einschulungsklassen sind teuer. Und Studien zeigen halt: Bei vielen Absolventen der Einschulungsklassen bleibt der positive Effekt aus. Eine unserer wichtigsten Maximen lautet heute: Möglichst viele Jugendliche sollen die Schule regulär in elf Jahren durchlaufen. Durch individuelle Förderung, ohne strukturelle Zusatzangebote. Übrigens haben Gemeinden im Aargau und auch Nachbarkantone die Einschulungsklasse abgeschafft – und es geht trotzdem.

In der Oberstufe sollen Werkjahr und Berufswahljahr verschwinden, Angebote, welche schwächeren Jugendlichen den Weg in die Lehre und die Berufswelt erleichtern sollen.

Hier gilt dasselbe: Nur noch sehr wenige Jugendlichen nehmen diese Angebote in Anspruch, bei rund 6000 Abschlussklässlern noch 95 beziehungsweise 38. Unser Ziel ist es, Hilfen für die Berufswahl vermehrt in die Regelklasse einzubauen.

Die Mindestzahl zum Führen einer Gesamtschule soll von 12 auf 15 Schüler ansteigen. Damit sind Kleinstschulen gefährdet.

Ein interessanter Ausweg wäre allenfalls die Bildung von Schulkreisen, um gute, überlebensfähige Schulen zu erreichen. Zudem dauert die Primarschule neu sechs statt fünf Jahren – was die Primarschulen wachsen lässt.

Bezirkslehrer sollen neu 28 statt 27 Lektionen unterrichten. Weil die meisten Teilzeit arbeiten, ist das faktisch eine Lohnsenkung.

Nein. Denn die Jahresarbeitszeit verändert sich nicht. Mit dieser Massnahme wird die Unterrichtsverpflichtung an allen drei Leistungszügen der Oberstufe gleich geregelt.

In der Bezirksschule sollen naturwissenschaftlich-technische Freifächer verschwinden. Dabei hat es heute schon zu wenig Interessenten für diese Berufsfelder.

Ziel muss es sein, diese Angebote vermehrt in den obligatorischen Fächerkanon einzubauen. Mit dem Lehrplan 21 geht es in diese Richtung. Auch im Bildungsraum Nordwestschweiz haben wir neue Angebote, zum Beispiel mit dem mobilen Experimentierlabor MobiLab oder mit dem Schülerlabor am PSI.

Alle diese Abbaumassnahmen machen den Lehrerberuf nicht attraktiver – dabei haben wir schon heute Lehrermangel.

Das sehe ich nicht so. Wir haben heute zahllose Sonderangebote für alles und jedes, Lehrer sind je länger, je weniger Generalisten. Wenn es uns gelingt, das Angebot wieder kompakter zu machen, den Regelunterricht aufzuwerten, dann haben wir etwas Positives erreicht. Überdies schaffen wir im Aargau auch in den nächsten Jahren mehr Lehrerstellen, nicht weniger – durch die Zusatzlektionen in belasteten Schulen.

Die Lehrer haben diese Woche gleich noch eins auf den Deckel bekommen, zusammen mit dem übrigens Staatspersonal: Es gibt eine Nullrunde bei den Löhnen.

Die Regierung war gegen diese Nullrunde. Tatsächlich unterläuft dieser Entscheid unsere Bestrebungen nach einer ausgewogenen Lösung für die folgenden Jahre. Ich persönlich bedaure diesen Entscheid.

Hat er Auswirkungen auf das Sparpaket?

Wie üblich wird der Regierungsrat nach der Anhörung den Massnahmenkatalog einer Gesamtanalyse unterziehen. Dabei wird auch die Lohnentwicklung mitberücksichtigt.

Ihre Partei, die SVP, sagt, eigentlich müsste man noch viel mehr sparen. Teilen Sie diese Ansicht?

Nein. Wir haben in guten Zeiten ein Polster angelegt in Form der Bilanzausgleichsreserve. Davon zehren wir in den kommenden Jahren. Für mich steht die Wettbewerbsfähigkeit des Kantons im Vordergrund.

Kritiker sagen: Der Aargau hat mehrmals die Steuern gesenkt – und jetzt vermag er nicht mehr alle Aufgaben zu bewältigen.

Wir haben nicht auf der Einnahmenseite, bei Steuern und Gebühren, ein Problem – die Einnahmen steigen nach wie vor –, sondern auf der Ausgabenseite. Seit 2011 wachsen die Ausgaben bedeutend rascher als die Wirtschaft. Entwicklungen in der Gesellschaft und Aufträge der Politik haben zu den Mehrausgaben geführt. Die Leistungsanalyse schafft Raum für künftige Herausforderungen.