Aargau/Solothurn
Alarmierendes Rekord-Defizit beim Frauenhaus nach dem bisher «schwierigsten Jahr»

Trotz roten Zahlen im Jahr 2017 glauben Stiftungsrat und Geschäftsleitung an eine Zukunft des Frauenhauses. Wie sie das Problem der tiefen Belegung lösen wollen und welche Rolle Männer dabei spielen.

Noemi Lea Landolt
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Leere Betten im Frauenhaus: «Das Defizit widerspiegelt die sehr tiefe Auslastung des Frauenhauses», heisst es beim Departement Bildung, Kultur und Sport.

Leere Betten im Frauenhaus: «Das Defizit widerspiegelt die sehr tiefe Auslastung des Frauenhauses», heisst es beim Departement Bildung, Kultur und Sport.

Sandra Ardizzone

Die Zahlen im Jahresbericht 2017 sind alarmierend. So alarmierend, dass die Revisionsstelle in ihrem Bericht auf Massnahmen hinweist, die bei Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung der Stiftung zu beachten wären. Das Frauenhaus hat das letzte Jahr mit einem Defizit von 724'673 Franken abgeschlossen. Das sind verglichen mit dem Vorjahr fast eine halbe Million Franken mehr. Und bereits 2016 war die finanzielle Lage mit einem Minus von rund 260'000 Franken kritisch. Das Jahr 2017 sei wohl das «bislang schwierigste Jahr» in der Geschichte des Frauenhauses gewesen, heisst es im Jahresbericht der Stiftung Frauenhaus Aargau-Solothurn.

«Die Zahlen zeigen, dass wir nicht dort sind, wo wir sein wollen und sein müssten.» Carmen Sidler, Geschäftsführerin Stiftung Frauenhaus 

«Die Zahlen zeigen, dass wir nicht dort sind, wo wir sein wollen und sein müssten.» Carmen Sidler, Geschäftsführerin Stiftung Frauenhaus 

Chris Iseli

Das Frauenhaus ist eine Einrichtung gemäss Betreuungsgesetz. Laut diesem Gesetz muss der Kanton die Betreuung von Menschen mit besonderen Bedürfnissen sicherstellen. Zu diesen Menschen gehören auch die Frauen und allenfalls ihre Kinder, die im Frauenhaus Schutz vor ihren gewalttätigen Männern und Vätern suchen. Der Kanton Aargau, genauer die Abteilung Sonderschulung, Heime und Werkstätten des Departements Bildung, Kultur und Sport (BKS), schliesst mit den Betreuungseinrichtungen Leistungsverträge ab. Darin werden auch die Pauschalen festgelegt, die das Frauenhaus pro Frau und Tag erhält.

Der Nachteil solcher Tagespauschalen liegt auf der Hand: Ist das Frauenhaus voll, ist die Finanzierung gesichert. Sind die Betten leer, bleibt auch die Kasse leer. Trotzdem müssen Fixkosten wie Lohn und Miete bezahlt werden. Das Rekord-Defizit widerspiegle die «sehr tiefe Auslastung im Jahr 2017», sagt BKS-Sprecherin Simone Strub.

Schliessen kommt nicht infrage

«Die Zahlen zeigen, dass wir nicht dort sind, wo wir sein wollen und sein müssten», sagt auch Carmen Sidler. Sie ist seit Mitte April Geschäftsführerin der Stiftung und damit verantwortlich, dass die beiden Betriebe – das Frauenhaus und die sozialpädagogische Wohngruppe Chleematt – laufen. Keine einfache Aufgabe.

Rosarot und sichtbar: Adresse des Frauenhauses soll nicht mehr geheim sein.

Damit Frauen, die vor Gewalt flüchten, sich sicher fühlen, darf niemand wissen, wo genau sich ein Frauenhaus befindet. Alles andere wäre zu gefährlich, heisst es. Auch die Adresse des Frauenhauses Aargau-Solothurn ist geheim. Längerfristig soll sie das aber nicht mehr sein. Die Fassade des Hauses soll, für jeden sichtbar, rosarot gestrichen werden. Nach dem Vorbild der orangen Fassade des «Oranje Huis» im holländischen Alkmaar. Die Vision vom «rosaroten Haus» war bereits 2013 ein Thema. Damals feierte das Frauenhaus Aargau-Solothurn das 30-jährige Bestehen. Nach der turbulenten Zeit will sich Geschäftsführerin Carmen Sidler ab 2020 wieder vermehrt dieser Vision widmen. (nla)

Das Frauenhaus wegen des Rekord-Defizits zu schliessen, ist aber weder für Carmen Sidler noch für Stiftungsratspräsidentin Monika Küng eine Option. Seit Anfang Jahr sei das Frauenhaus voll belegt, sagt Küng, die für die Grünen im Grossen Rat sitzt. «Das zeigt, dass es das Frauenhaus Aargau-Solothurn braucht. Wir können Frauen in Notsituationen nicht im Stich lassen.» Häusliche Gewalt verursache grundsätzlich nur Kosten. Mit einem Frauenhaus grosse Gewinne einzufahren, sei deshalb unrealistisch. Trotzdem müssten die Finanzen der Stiftung «längerfristig» wieder ins Lot kommen.

Im Moment werde «analysiert, wo der Betrieb steht, wo er hinsoll und wie der Weg dorthin aussieht», sagt Carmen Sidler. Konkret soll das Team im laufenden Jahr stabilisiert und Vertrauen geschaffen werden. 2019 wollen die Verantwortlichen wieder ein verlässlicher Vertragspartner sein und Notfallplätze für Jugendliche ausbauen. Dabei sind die Verantwortlichen auch in Kontakt mit den Kantonen Aargau und Solothurn.

Sockelbeiträge «nicht möglich»

Sockelbeiträge, die unabhängig von der Belegung der Betten fliessen, wären eine Lösung für das Finanzproblem und würden für Planungssicherheit trotz schwankender Auslastung sorgen. SP-Nationalrätin Yvonne Feri sagte bereits vor einem Jahr gegenüber der AZ, dass sie ein solches Modell, das einige Kanton kennen, auch für den Aargau begrüssen würde.

Simone Strub vom BKS sagt jedoch, eine Finanzierung über einen Sockelbeitrag sei «nicht möglich». Das gelte für das Frauenhaus und alle anderen Einrichtungen mit Leistungsvertrag nach Betreuungsgesetz. Ausserdem habe sich die bisherige Finanzierung seit 2008 bewährt. «Die Finanzierung durch Pauschalen ermöglicht dem Frauenhaus einen grossen unternehmerischen Handlungsspielraum, da die verfügbaren Mittel im Sinne eines Globalbudgets eingesetzt werden können», sagt Strub. Das Defizit der Stiftung gefährde denn auch die Leistungsvereinbarung nicht, sagt Strub. «Der Bedarf für die 15 Plätze im Frauenhaus ist ausgewiesen.» Das zeige auch die gesamtschweizerische Situation.

Zu wenig Plätze für Frauen in Not

Wegen Platz- und Geldmangels mussten Frauenhäuser letztes Jahr jedes vierte Gewaltopfer abweisen. Das berichtete kürzlich der «Sonntagsblick» und berief sich dabei auf unveröffentlichte Zahlen der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser. Demnach fanden 612 Hilfe suchende Frauen und ebenso viele Kinder bei der von ihnen angefragten Institution keinen Platz. Einige von ihnen konnten an ausserkantonale Frauenhäuser vermittelt werden, schreibt der «Sonntagsblick». Andere seien in einer Pension gelandet oder hätten eine Lösung im privaten Umfeld finden müssen. Susan Peter, die Präsidentin der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser, sprach von einem «unhaltbaren Zustand». Es brauche dringend «mehr Plätze und mehr Personal». Frauenhäuser seien chronisch unterfinanziert. Viele seien noch immer auf Spendengelder angewiesen.

Zu diesen Häusern gehört das Frauenhaus Aargau-Solothurn. Doch auch die Spendenbeiträge haben letztes Jahr im Vergleich zum Vorjahr um knapp 40'000 Franken abgenommen. Stiftungsratspräsidentin Monika Küng führt das auch auf die negativen Schlagzeilen zurück, die das Frauenhaus zuletzt machte. Vor einem Jahr kritisierten Mitarbeiterinnen in der AZ die Arbeitsbedingungen im Frauenhaus. Arbeitspläne würden zu kurzfristig verschickt, vakante Stellen nicht ausgeschrieben, sodass Angestellte überarbeitet seien, worunter am Schluss die betreuten Frauen leiden würden. Kurzfristig wurde sogar ein Aufnahmestopp verhängt. Einige Mitarbeiterinnen reichten damals die Kündigung ein, anderen wurde gekündigt. Auch die erste Geschäftsführerin hat nach eineinhalb Jahren gekündigt. Das kantonale Arbeitsinspektorat hatte damals eine Untersuchung der Arbeitsbedingungen eingeleitet. Diese ist noch nicht abgeschlossen.

Zu den zentralen Aufgaben der neuen Geschäftsführerin und des Stiftungsrats gehört deshalb auch, das Vertrauen wieder aufzubauen. Das Vertrauen zu den Mitarbeiterinnen, zu den Vertragspartnern beider Kantone, zu möglichen Spendern und allen weiteren Partnern. Geschäftsführerin Carmen Sidler ist sich bewusst, dass die Mitarbeiterinnen in den vergangenen Monaten viel mitmachen mussten. «Es ist wichtig, dass sie in absehbarer Zeit eine sichtbare Entlastung spüren.» Sidler ist zuversichtlich, dass das gelingt.

Männer im Stiftungsrat

Auch der Stiftungsrat wird sich für die Zukunft neu aufstellen. Es soll von heute 7 auf bis zu 15 Personen vergrössert werden. «Unser Ziel ist eine breitere Abstützung in der Gesellschaft, um so auch mehr Spendengelder beschaffen zu können», sagt Monika Küng. Weil häusliche Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist, sollen laut Küng neu auch Männer im Stiftungsrat aufgenommen werden. «Im Sinne der Gleichberechtigung sollen sich Frauen und Männer gemeinsam dafür einsetzen, das Leid der Opfer zu lindern und sie vor Gewalt zu schützen», sagt Küng. Eine fünfköpfige Kerngruppe werde zudem effizienter mit der Geschäftsführung zusammenarbeiten. Geplant seien monatliche Arbeitstreffen. Der «grosse Stiftungsrat» werde sich künftig viermal jährlich treffen und sich vor allem der Vernetzung der Stiftung widmen und das Thema häusliche Gewalt bekannter machen.

Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt

Frauenhaus Aargau-Solothurn

24h-Hotline: 062 823 86 00

beratung@frauenhaus-ag-so.ch


Männer- und Väterhaus «Zwüschehalt»

Telefon: 056 552 08 70

info@zwueschehalt.ch

Eindrücke aus dem Frauenhaus Aargau Solothurn
59 Bilder
Heute sagt sie: «Es ist nicht in Worte zu fassen, wie sehr ich dem Frauenhaus dankbar bin.»
Dunya im Garten.
Wo das Frauenhaus Aargau Solothurn steht, ist geheim.
Kein rachsüchtiger Mann soll seine Frau oder Ex-Frau hier finden.
Wer ins Frauenhaus aufgenommen werden will, ruft die Nummer 062 823 86 00 an. Dann steht zuerst eine telefonische Beratung an.
Nur das Personal darf ins Büro.
Im Frauenhaus haben die Frauen Zeit, gesund kochen zu lernen.
Die Küche ist hell und modern.
Eine Klientin (Bewohnerin) bereitet das Mittagessen vor.
Zu Hause sind viele Frauen zu stark unter Druck, um richtig zu kochen.
Die Betreuerinnen planen die Mahlzeiten. Die Klientinnen kaufen ein und kochen.
Die Einkaufsliste.
Im Spielzimmer kümmern sich Betreuerinnen um die Kinder.
Blick in das Spielzimmer.
Züsi Born leitet das Frauenhaus.
Zeichnung mit Fensterfarbe.
Kinderwagen, Trottinett, Schneeschaufel: Das Frauenhaus ist gut ausgerüstet.
Viele Frauen sind nach dem Austritt unendlich dankbar und schicken Dankeskarten an das Frauenhaus.
Viele Kinder schenken den Betreuerinnen zum Abschied Zeichnungen.
Ihr eigenes Handy müssen die Frauen beim Eintritt abgeben. Zu gross ist die Gefahr, geortet zu werden.
Als Ersatz erhalten die Frauen ein einfaches Handy mit neuer Nummer, aber ohne Internetzugang.
Das eigene Smartphone darf nicht benutzt werden.
An diesem Computer dürfen die Frauen nach Jobs und Wohnungen suchen oder Mails abrufen.
Soziale Medien sind hingegen tabu.
Viele Kinderkunstwerke zieren das Frauenhaus.
Im Garten steht ein Töggelikasten.
Gewisse Frauen dürfen nur in den Garten, nicht aber auf die Strasse. Sie könnten auf ihren Peiniger treffen.
Die Kinder dürfen sich im Spielzimmer Spielsachen ausleihen. Mit Lego und Duplo verarbeiten sie teilweise ihre Traumata.
Bücher und Spiele helfen ebenso bei der Verarbeitung verstörender Erlebnisse. Diese Bilderbücher thematisieren häusliche Gewalt.
Blick in ein Badezimmer.
Der Eingangsbereich.
Hier geht es zum Spielzimmer.
Für ältere Kinder gibt es den Jugendraum.
Auch eine kleine Bibliothek steht zur Verfügung.
«Meine Probleme weiss ich und meine Beraterin. Sonst niemand», sagt Hana (Name geändert), eine ehemalige Bewohnerin des Frauenhauses.
Damit der Garten von aussen nicht zu sehen ist, ist das Gelände umzäunt.
Gartenstühle zum Verweilen.
Eine Klientin telefoniert im Garten.
Das Telefon ist ein wichtiger Anker für die Frauen – ihr Bezug zur Aussenwelt.
Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind, finden im Frauenhaus Unterschlupf.
Aufklärungsbmaterial zu Themen wie Sexualität liegt in mehreren Sprachen vor.
Eine Klientin richtet ihr Bett.
Auch der Aufenthaltsraum und Esssaal ist bunt eingerichtet.
Eine Klientin im Aufenthaltsraum und Esssaal.
Blick in ein Zimmer.
Jede Klientin erhält ihr eigenes Zimmer.
Weitere Impressionen aus dem Frauenhaus Aargau Solothurn.

Eindrücke aus dem Frauenhaus Aargau Solothurn

Sandra Ardizzone