Notfallschutz
AKW-Unfall: Hunderttausende in 12 Stunden evakuieren? Aargauer Regierung zweifelt, ob das geht

Der Bundesrat erhöht den AKW-Notfallschutz. Die Kantone sollen sich nach Fukushima auf den schlimmstmöglichen Fall mit ungefilterter Freisetzung von Radioaktivität vorbereiten. Und in 12 Stunden vorsorglich bis Hunderttausende evakuieren. Geht das überhaupt so rasch?

Mathias Küng
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Der Bund will den Notfallschutz im Falle eines AKW-Unfalls verbessern. Hier das AKW Gösgen.

Der Bund will den Notfallschutz im Falle eines AKW-Unfalls verbessern. Hier das AKW Gösgen.

Roland Schmid

Derzeit überarbeitet der Bundesrat seine Notfallschutzverordnung. Anlass sind nebst Fukushima mehrere andere Grossereignisse weltweit wie Dammbrüche oder Chemieunfälle. Schon rasch nach Fukushima wurden damals Sofortmassnahmen ergriffen. Die sollen jetzt definitiv verankert werden.

Notfallschutz: Darum geht es

Der Bund will den Notfallschutz im Falle eines AKW-Unfalls verbessern. Neu soll das Referenzszenario bei mittlerer Wetterlage gelten. Das entspricht einem Ereignis der Stufe 7, der höchsten Einstufung auf der Skala der Internationalen Atomenergie-Organisation.

Der Notfallschutz muss also künftig auf einen Störfall mit schwerem Kernschaden bei Versagen des Sicherheitsbehälters und einer ungefilterten Freisetzung von Radioaktivität ausgerichtet sein. Bisher musste man sich lediglich auf einen Unfall mit einer gefilterten Freisetzung einstellen.

Bei dieser Verordnung dreht sich alles um den Notfallschutz in der Umgebung von Kernanlagen. Deshalb ist sie für den Aargau von besonderer Bedeutung: Ein Störfall in den AKW Beznau I und II, Leibstadt oder Gösgen SO beträfe einen Grossteil der Aargauer Bevölkerung. Deshalb sollen die Menschen vor der Freisetzung von Radioaktivität vorsorglich evakuiert werden.

Die Aargauer Regierung ist mit vielen Vorgaben aus Bern einverstanden, zumal der Kanton diese «grossmehrheitlich bereits heute erfüllt oder bereits daran arbeitet», wie sie in ihrer Antwort an den Bundesrat schreibt. Nochmals zu überprüfen seien aber die zeitlich engen Vorgaben für eine vorsorgliche Evakuation der Bevölkerung. Der Bundesrat will nämlich verbindlich vorgeben, dass die Menschen in der Notfallschutzzone 1 um eine Kernanlage (das betrifft bis 30 000 Einwohner, vgl. unsere Karte unten) innerhalb von sechs Stunden evakuiert werden müssen. In der Notfallschutzzone 2, die bis zu einige hunderttausend Einwohner umfasst, soll dies innerhalb von 12 Stunden geschehen.

Das macht keinen Sinn

Das mache «keinen Sinn, zeitliche Vorgaben zu machen, wenn diese voraussichtlich nicht eingehalten werden können», hält die Regierung dazu kritisch fest. Diese knappe Zeit könnte in einer Lagebeurteilung gar dazu führen, «dass eine Evakuation nicht vorgenommen werden kann», heisst es weiter. Der Aargau arbeitet derzeit mit Nachbar Solothurn an der Planung und Vorbereitung grossräumiger Evakuationen. Vor Abschluss dieses Projekts im Jahr 2019 seien die Vorgaben schwierig zu erreichen, schreibt die Regierung weiter.

Wie lange bräuchte man denn für eine Evakuierung? Thomas Aldrian, Fachspezialist Katastrophenvorsorge im Departement Gesundheit und Soziales (DGS) betont, im Ernstfall sei entscheidend, Zeit für eine Lagebeurteilung zu haben, die die Strassen- und Wetterverhältnisse berücksichtigt, aber auch garantiert, dass die Kommunikation mit der Bevölkerung sichergestellt werden kann. «Wenn aber bei einer vorsorglichen Evakuation, bei der für die Menschen noch keine Gefahr besteht, alles läuft wie geplant und sich die Bevölkerung so verhält, wie die Behörden entschieden haben, könnten sechs bzw. 12 Stunden reichen», sagt er.

Eine Evakuation laufe aber selten idealtypisch ab. Eine Evakuierung sei nicht in sechs Stunden machbar. Schliesslich wären auch Spitäler, Pflegeheime usw. zu evakuieren, was mehr als die sechs bzw. 12 Stunden benötige. «Zum Glück,» sagt Aldrian, «haben wir keine praktische Erfahrung mit solchen Evakuationen.». Um eine realistische Evakuationszeit festzulegen, müssten erst weitere Studien durchgeführt werden. Aber wie? Aldrian: «Da ist zum Beispiel die Kapazität der Autobahnen sowie anderer Verkehrsträger genau abzuklären.»

Messstellen gegen mögliche Panik

Doch was geschieht, wenn die Zeit für die vorsorgliche Evakuation nicht reicht? «Dann», so Aldrian, «müssten wir der Bevölkerung empfehlen, in ihren Häusern zu bleiben und zu warten, bis sie wenn nötig nachträglich evakuiert werden. Im Haus sind die Menschen gut geschützt.» Aber auch hier gibt es viele offene Fragen. Was, wenn die Menschen trotzdem in Panik fliehen wollen, weil sie den Behörden nicht glauben? Radioaktivität kann man ja nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken.

Die unterschiedlichen Reaktionsweisen der Menschen in einer solchen Lage könne man nicht verhindern, sagt Andrian dazu, «aber wir können mit fortlaufender Information, beispielsweise übers Radio, und allenfalls der Einrichtung von Messstellen Radioaktivität – wo sich jeder selbst überzeugen kann, dass keine Radioaktivität freigesetzt wurde – zur Beruhigung beitragen».

Alle Kantone bereiten sich vor

Nur: Wo sollen die Menschen hin, wenn eine Evakuierungsaufforderung kommt? Jeder Kanton in der Schweiz wird gemäss Notfallschutzverordnung verpflichtet, fünf Prozent der eigenen Wohnbevölkerung kurz- und ein Prozent davon langfristig aufzunehmen, sagt Aldrian. Er hofft natürlich, dass beides nie nötig sein wird. Man gehe davon aus, dass zwei Drittel der Menschen bei Verwandten oder Bekannten unterkämen, die Kantone aber für einen Drittel der Evakuierten Unterkünfte organisieren müssten, sagt er.

Notfalltreffpunkte werden fixiert

Wie soll eine Evakuierung ablaufen, da nicht alle ein Auto vor der Tür haben? Laut Aldrian wird im Kanton ein dichtes Netz von Notfalltreffpunkten festgelegt, wo man sich besammeln kann. Ab dort sollen die Menschen mit Postautos oder anderen Bussen sowie bei Bahnhöfen mit der Bahn aus der Gefahrenzone evakuiert werden, da die Strassen verstopft sein dürften.
Doch wer kennt seinen Notfalltreffpunkt? Diese Punkte würden jetzt festgelegt, die Bevölkerung dann 2019 mittels Broschüren genau informiert, sagt Aldrian. Die Treffpunkte werden dann mit Tafeln markiert, damit man sie im Notfall auch findet. Bleibt zu hoffen, dass sie nie benötigt werden.

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