Live, echt, hautnah, ungeschnitten und ohne Netz und doppelten Boden – so war Zirkus schon immer und so hat er auch im 21. Jahrhundert noch seinen Platz. Allemal einer vom Schlage, wie ihn die Nocks seit Generationen verkörpern. Die Fricktaler haben seit je das Privileg, die ersten zu sein, das brandneue Programm bestaunen zu dürfen, bevor sich der Zirkus-Tross auf Schweiz-Tournee begibt, bevor es die Menschen in Genf, Bern oder St. Moritz tun können. Ritmo y Pasión (Rhythmus und Leidenschaft) heisst das 2016er-Programm.

Was könnte besser für das Zirkus-Motto stehen als diese beiden Begriffe. Denn nur wer beides in die Manege mitbringt, kann die Zuschauer für ein paar Stunden in seine ganz eigene Welt entführen.
Es ist eine Welt, in der Menschen und Tiere die Protagonisten sind, letztere beim Zirkus Nock ganz bewusst. Tiernummern sind die Domäne von Franziska Nock, die an der Premiere mit Pferden begeistert. Kräftige Friesen und rassig-elegante Andalusier bilden ein reizvolles schwarz-weisses Farbenspiel. Und auf Anhieb schliesst wohl jeder Besucher und jede Besucherin die Shetland-Ponys ins Herz, die mit viel Temperament zwischen den Grossen herumwuseln und sich genüsslich im Sägemehl der Manege wälzen.

Mensch und Tier verschmelzen

Reizvoll ist auch die Kombination an Tieren in der zweiten Dressurnummer: Kamele, Lamas und Esel, dargeboten von Paolo Finardi. Und das nicht nur auf die Grösse bezogen, sondern auch auf Temperament und Ausstrahlung. Eines der beiden Kamele entwickelt regelrecht komödiantische Züge, scheint mit dem Publikum zu spielen und zeigt dabei seinen ganz eigenen Kopf. Finardi und Franziska Nock sind hinterher noch gemeinsam zu sehen – hoch zu Ross mit der Flamenco-Truppe Flabaret. Mensch und Tier verschmelzen darin zu einer Einheit, vereint in der Expressivität des Tanzes.

Vereint in der Kraft der Liebe ist das Duo Romance aus Rumänien. Romantisch beflügelt gleitet es durchs Chapiteau. Und gar nichts verrät die enorme Anspannung und Konzentration, die es zu dieser Akrobatik-Nummer sicher braucht. So schnell wie die beiden mit Leichtigkeit und Eleganz in die Höhe des Zirkuszelts entschwinden, nähern sie sich auch wieder kunstvoll und innig dem Boden an. Ganz auf dem Boden bleibt indes das Duo Sergio. Die beiden Athleten, muskulös und doch auch grazil, bekamen an der Premiere viel Beifall.

Oben bleiben aber ist die Devise bei The Robles. Bei einer Hochseiltruppe sollte das auch immer die oberste Maxime sein. Und doch spielen solche Artisten stets auch mit dem Gedanken des Publikums an das, was sie durch jahrelanges Training, höchste Konzentration und perfektes Teamwork zu verhindern wissen. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes Seiltanz, was die Kolumbianer auf fünf Millimeter Stahldraht unter den dünnen Sohlen aufführen.

Wagen sie doch auch Salti und Sprünge, reizen sie so den Nervenkitzel bis zum Äussersten aus. Bei der Nummer bleibt kein Blick am Boden haften. Die Genickstarre stellt sich zwangsläufig ein, vor allem bei der siebenköpfigen Pyramide, welche die Truppe als Höhepunkt der Show zeigt.

Schwerkraft überwunden?

Ganz entspannt auf den Boden blicken und mit viel Lachen entspannen lässt es sich bei den Darbietungen von Costin Bellu und den Mustache Brothers. Bei Bellu, dem rumänischen Trampolin-Künstler, dem Floh unter der Zirkuskuppel, scheinen die Gesetze der Schwerkraft ausser Kraft gesetzt. Bei seiner Darbietung ist auf den Gesichtern der Zuschauer ein Gedanke zu lesen: Hoffentlich tut sich der Mann nicht weh. Bellu ist Meister in vielen Genres.

Schon beim Entrée mit den Mustache Brothers beweist er als fegender Zirkus-Direktor sein komödiantisches Talent. Das zeigt er auch nach der Pause, als er sich Zuschauer in die Manege holt und mit diesen einen Boxkampf der sanften Art inszeniert. Auch diese eher ruhige und lange Nummer kommt beim Publikum sehr gut an. Und wenn es zwei bei Laune halten, dann sind es die Mustache Brothers, und das nicht nur als Füller in den Umbaupausen. Als Clowns geben sie sich vermeintlich tollpatschig, als Akrobaten beweisen sie Körpergefühl und als Komödianten nehmen sie auch die eine oder andere Programmnummer ironisch auf die Schippe.