Lohndeckel

AKB-Chef: «Wir werden abgestraft trotz jahrelangen super Ergebnissen»

Rudolf Dellenbach, AKB-Direktionspräsident

Rudolf Dellenbach, AKB-Direktionspräsident

Die Aargauische Kantonalbank (AKB) präsentierte am Donnerstag einmal mehr Rekordzahlen. Umso weniger versteht ihr Chef Rudolf Dellenbach, warum die Politik die Bank einschränkt.

Am 30. Juni war es definitiv: Der Grosse Rat beschloss mit 71 zu 58 Stimmen, den Lohn des AKB-Chefs auf 600'000 Franken zu senken; heute verdient er inklusive Bonus in einem Top-Jahr knapp eine Million.

Der Entscheid ist ohne Beispiel und sorgte deshalb schweizweit für Aufsehen. Ihm voran ging ein jahrelanges Seilziehen. Die Regierung hatte in einem Kompromissvorschlag eine abgeschwächte Variante präsentiert – vergebens. Der Entscheid geht auf eine Motion der SVP zurück, die mithilfe der Linken eine Mehrheit fand.

Der Grossrat kürzt das Einkommen von zukünftigen CEOs der Aargauer Kantonalbank um fast einen Drittel. «Gute Leute werden uns verlassen, das hat zur Folge, dass wir langfristig weniger sicher sein werden», sagt AKB-Bankratspräsident Dieter Egloff.

Der Grossrat kürzt das Einkommen von zukünftigen CEOs der Aargauer Kantonalbank um fast einen Drittel. «Gute Leute werden uns verlassen, das hat zur Folge, dass wir langfristig weniger sicher sein werden», sagt AKB-Bankratspräsident Dieter Egloff. (8.7.2015)

Gestern gab die Bank rekordhohe Halbjahreszahlen bekannt.  In diesem Rahmen äussert sich CEO Rudolf Dellenbach zum Lohndeckel, von dem er selber nicht mehr betroffen sein wird.

Eigentlich wären Sie seit dem 1. Mai Pensionär. Täuscht der Eindruck oder bereitet Ihnen die Ehrenrunde Freude?

Rudolf Dellenbach: Das ist so! Wenn die AKB mein Unternehmen wäre, würde ich mir zwar überlegen, wen ich als Nachfolger aufbauen könnte. Ich würde aber bestimmt noch nicht aufhören.

Warum gehen Sie dann?

Ich bin Mitarbeiter wie jeder andere auch. Da gilt eine Altersobergrenze. Nächstes Jahr bekomme ich zum ersten Mal die AHV, das heisst, ich gehöre sicher zu den ältesten CEOs unserer Branche.

Sie eilen von Rekordergebnis zu Rekordergebnis. Wollen Sie es allen nochmals zeigen?

Das hat damit nichts zu tun. Wir haben ein starkes Team mit hoher Leistungsbereitschaft plus das nötige Glück. Deshalb konnten wir jedes Jahr von einem Erfolg zum nächsten reiten, auch jetzt wieder: Wir haben den Halbjahresgewinn um 50 Prozent gesteigert.

Warum klagen denn die Banken ständig, die Erträge würden wegbrechen?

Das gesamte Kreditgeschäft, insbesondere das Hypothekargeschäft, leidet trotz starkem Wachstum unter den extrem tiefen Zinsen. Das Zinsengeschäft ist der grösste Ertragspfeiler einer Retailbank, zu denen auch die AKB gehört, und dort erodieren die Erträge jedes Jahr mehr. Zusätzlich sind die Einnahmen auf der Kommissionsseite in der Tendenz rückläufig. Für Privatbanken kommen die Auswirkungen der durch die SNB verhängten Negativzinsen und der Rückgang der Erträge aus dem früher profitablen Offshore-Geschäft erschwerend dazu. Bei der AKB konnten wir diese negativen Konsequenzen nur auffangen durch ausserordentliche Zusatzeinnahmen, beispielsweise die nach der Entkoppelung des Frankens vom Euro stark ausgedehnten Devisenhandels- und Fremdwährungskassengeschäfte sowie ein rigides Kostenmanagement.

Die AKB stand national im Fokus wegen des Lohndeckels. Sie erhielten in guten Jahren knapp eine Million Franken, der neue CEO wird noch maximal 600'000 Franken verdienen. Wären Sie unter diesen Bedingungen zur AKB gekommen?

Eineinhalb Jahre, bevor der Wechsel zur AKB zur Diskussion stand, hatten meine Frau und ich im zürcherischen Hettlingen ein Haus gekauft. Ich hätte meine Zelte dort bestimmt nicht abgebrochen, wenn ich im Aargau ungefähr gleich viel verdient hätte, wie ich bereits als Regionenleiter bei der Zürcher Kantonalbank hatte.

Wie stark schadet der Lohndeckel der AKB?

Was wir bereits feststellen: Headhunter gehen wie wilde Katzen auf unsere Bank los. Sie kontaktieren Mitarbeiter der mittleren Führungsstufe, weil sie davon ausgehen, der Lohndeckel habe auch Auswirkungen auf sie, sodass sie sich einfach abwerben lassen.

Gemäss «NZZ» müssen Sie 70 Mitarbeitenden der mittleren Kaderstufe den Lohn kürzen, damit das Gefüge stimmt.

Genau das wollen wir jetzt verhindern. Die Details stehen noch nicht fest, doch das Ziel des Bankrates ist es, dass einzig den drei verbleibenden Geschäftsleitungsmitgliedern die Entschädigung, dies allerdings massiv, gekürzt wird. Auch das ist nicht korrekt, schliesslich haben sie über all die Jahre einen guten Job gemacht und sich nichts zu Schulden kommen lassen.

Wird man einen fähigen CEO finden?

Natürlich gibt es Bewerbungen. Über die Qualität kann ich nichts sagen, da die Wahl des neuen Direktionspräsidenten dem Bankrat obliegt. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Aargauerin oder ein Aargauer bereit ist, Konzessionen zu machen, das heisst: weniger zu verdienen als bisher, dafür einen kurzen Arbeitsweg zu haben. Ohne dass ich davon Kenntnis habe, dürfte aber die Auswahl eng sein, denn die AKB ist mit dem vom Grossen Rat beschlossenen Lohndeckel auf Geschäftsleitungsstufe weg vom Markt.

Wie wäre es mit einem Jungtalent?

Auch das ist möglich. Vielleicht findet sich jemand, der deutlich unter 50 ist und noch nie eine Geschäftsleitungsfunktion ausübte, aber das Potenzial dazu hat. Doch wenn er sich bewährt, dürfte er rasch für andere Banken interessant werden, die deutlich mehr zahlen können.

Wie findet die Aargauer Kantonalbank für 600 000 Franken Jahreslohn einen Chef?

Wie findet die Aargauer Kantonalbank für 600 000 Franken Jahreslohn einen Chef?

Welche Folgen der Lohndeckel für die Kantonalbank haben könnte, diskututierten Anfang Juli in der Sendung «TalkTäglich» auf Tele M1 SVP-Grossrat Jean-Pierre Gallati, FDP-Präsident Matthias Jauslin und Headhunterin Sabine Kohler (v.l.).

Für die meisten Bürger sind auch 600'000 Franken enorm viel. Wie erklären Sie, dass das zu wenig sein soll?

Das kann man nicht erklären. Und ich verstehe jeden, der 600 000 Franken für einen sehr hohen Betrag hält. Aber es gibt nun mal einen Markt, nach dem wir uns orientieren müssten. Ich vergleiche das mit dem Sport: Als ich in der Ruder-Nationalmannschaft war, musste ich 1975 dafür bezahlen, um an der WM teilzunehmen – während die Fussballer fürstlich dafür bezahlt und voll ausgerüstet wurden. Oder nehmen Sie die 23-fache OL-Weltmeisterin Simone Niggli-Luder: Sie verdient einen Klacks im Vergleich zu Xherdan Shaqiri, der ständig auf der Ersatzbank sass und jetzt für 4,5 Millionen Franken Jahreseinkommen in die englische Premier League zu Stoke City wechselt.

Ist denn ein hoher Lohn Garant für einen guten Chef? Die früheren UBS-Chefs verdienten Millionen und ritten die Bank trotzdem ins Desaster.

Ein hoher Lohn ist keine Garantie dafür, dass man den Richtigen auswählt. Aber man hat eine grössere Auswahl, und damit sinkt das Risiko eines Fehlgriffs. Aber bitte: Wir kassieren ja im Gegensatz zu Grossbankern nicht 70 Millionen Franken in einem einzigen Jahr, nur weil irgendwelche Kurse ein Bonusprogramm auslösen. Der Vorschlag des Regierungsrats lag bei maximal 715 000 Franken plus höchstens 100 000 Franken Vorsorgeentschädigung. Das ist immer noch unter dem Markt, aber damit hätten wir leben können.

Warum hat der Grosse Rat anders entschieden – und trotz Warnungen der Bankenführung 600'000 Franken als Limite gesetzt?

Es gab noch offene Rechnungen. 2004 haben Bankrat und Geschäftsleitung in letzter Sekunde eine Privatisierung der AKB verhindert – das haben uns gewisse Kreise nie verziehen. Dazu kommen weitere Geschichten. Und: Hohe Löhne sind ein populistisches Thema, damit kann man einfach auf Stimmenfang gehen. Was besonders absurd ist: Das Aargauer Volk hat die 1:12-Initiative mit 71 Prozent abgelehnt. Unser tiefstes Salär inklusive Bonus liegt bei 59'000 Franken. Das Verhältnis liegt also bei 1:10! Der Grosse Rat hat die Jungsozialisten links überholt, initiiert von der SVP. Leider hat alles nichts genützt, trotz Höchsteinsatz unseres Bankpräsidenten.

Die SVP sagt: Private Banken sollen zahlen, was sie wollen. Aber eine Staatsbank soll auch Saläre zahlen, die beim Staat üblich sind.

Ob Staatsbank oder nicht: Wir stehen im Wettbewerb mit allen andern Banken. Und in keinem anderen Kanton ist der Wettbewerb so hart wie im Aargau mit einer gleich grossen Regionalbank, der NAB, mit der Raiffeisen-Gruppe, der Hypi Lenzburg, Migrosbank, Valiant, UBS, CS.

Will die politische Rechte die AKB zermürben, bis sie eines Tages doch privatisiert wird?

Das Gesetz sagt klar, dass an der Unternehmensform und der Staatsgarantie im Moment nicht gerüttelt wird. Was in ein paar Jahren ist, wenn ich Pensionär bin – da habe ich keine Ahnung.

Das Verhältnis zwischen Aargauer Politik und Bankenführung scheint zerrüttet.

Was ich nicht verstehe: Wir sind die mit Abstand rentabelste Beteiligung des Kantons. 1980 lieferte die AKB dem Aargau 8 Millionen Franken ab. Dieser Betrag stieg kontinuierlich auf aktuell rund 80 Millionen Franken. Die Bilanzsumme stieg von 3 auf 23 Milliarden Franken, der Bruttogewinn von 14 auf 203 Millionen Franken. Eine Erfolgsgeschichte! Es wäre auch absurd zu behaupten, wir geben zu viel aus. Eine Erhebung von Finews in diesem Jahr ergab: Beim Salär pro Kopf sind wir auf Rang 13 aller Banken, beim Bruttogewinn pro Angestelltem hingegen auf Rang 3! Wenn ich das alles anschaue, komme ich zum Schluss: Wir werden abgestraft trotz jahrelangen super Ergebnissen, mit einem populistischen Thema, ohne dass wir etwas falsch gemacht hätten.

Sie gelten als wenig diplomatisch. Haben Sie im Umgang mit den Politikern Fehler gemacht?

Wir arbeiten in einem professionellen Umfeld. Da muss ich doch nicht hofieren gehen und den Politikern den Rücken streicheln, nur weil es eine staatliche Bank ist. Entscheidend müsste die Frage sein: Was leistet diese Bank für den Kanton und seine Bürgerinnen und Bürger? Und zwar unabhängig davon, ob einem gewisse Leute in der Bank sympathisch sind oder nicht.

Sehen Sie Ihr berufliches Lebenswerk gefährdet?

Die AKB ist grundsolide, sie hat ein enorm starkes Eigenkapital und erzielt jedes Jahr hohe Gewinne. Wir sind gut aufgestellt, das kann man nicht so rasch zerstören.

Die AKB beschäftigt mehr als 700 Mitarbeitende. Wie entscheidend ist da der CEO für Erfolg oder Misserfolg?

Man darf sich nicht zu wichtig nehmen. Jedoch muss der oberste Chef Wirkung entfalten. Er muss leistungs- und zielorientiert sein, Erfolg suchen. Vor allem aber muss er eine Autorität haben, damit seine Leute an ihn glauben. Dann richten sie sich nach seinen Zielen aus. Sonst zerfleddert alles.

Wann wird nun Ihr Nachfolger gefunden sein?

Zuständig ist der Bankrat. Die Selektion beginnt jetzt, zusammen mit einem Headhunter. Im November, spätestens im Dezember sollte mein Nachfolger bekannt gegeben werden. Bis zur Ablösung wird es wohl April bis Juli, je nach seiner Kündigungsfrist.

Was werden Sie danach machen? Private Börsengeschäfte wie Oswald Grübel?

Bestimmt nicht. Grübel war Händler, ich bin Kantonalbanker seit 1967. Ich habe als CEO der AKB übrigens nicht ein einziges Mal ein Aktiengeschäft getätigt, damit ich nie in die Nähe eines Insiderverdachts gerate. Mein gesamtes Geld liegt auf dem Konto. Nach der Pensionierung werde ich mehr Cello spielen, Sport treiben und die Sprache meiner Frau, Finnisch, lernen.

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