Herr Koradi, die Nationalbank (SNB) gab Entwarnung für den Wohneigentumsmarkt. Zu Recht?

Pascal Koradi: Im Kanton Aargau entwickeln sich die Preise für Eigentumswohnungen derzeit mehr oder weniger seitwärts. Im Vergleich zum Vorjahr sind sie um 0,4 Prozent gesunken. Eigenheime kosten 1,5 Prozent mehr. Das sind alles in allem minime Ausschläge. Die Preisentwicklung hat sich also tatsächlich abgedämpft. Nicht zuletzt dank der Massnahmen, die die SNB beantragte und der Bundesrat umsetzte.

Diese Massnahmen werden oft als übertrieben kritisiert. Vielen Menschen werde der Traum vom Wohneigentum unnötig schwer gemacht. Sehen Sie das auch so?

Im Aargau ist die Wohneigentumsquote erstmals über 50 Prozent gestiegen. Also kann man nicht sagen, dass Wohneigentum heute weniger Menschen offen stehen würde als früher. Ich halte die Regeln für angemessen. Boden ist nun einmal teuer in der Schweiz, auch im Aargau. Also braucht es recht hohe finanzielle Mittel.

Das Hypothekenvolumen wächst jedoch seit Jahren schneller als die Wirtschaft. Ein Alarmzeichen?

Diese Entwicklung muss man über einen langen Zeitraum betrachten. In den sogenannt verlorenen Neunzigern bis hinein in die Nullerjahre hatten wir bei den Immobilienpreisen eine tiefe Delle. Danach erholten sich die Preise, und mit dieser Erholung nahm auch das Hypothekenvolumen stärker zu. Dazu sanken die Zinsen dramatisch nach der Weltwirtschaftskrise, es kam zu einem Anlagenotstand. Investitionen in den Immobilienmarkt wurden dadurch attraktiver. Daher dieses kräftige Wachstum der Hypotheken.

Also keine ungesunde Entwicklung?

Derzeit nicht, nein. Man muss es sich aber sicher genau anschauen.

Es gibt Anzeichen, dass die Inflation anzieht. Steigen die Zinsen bald?

Auf jeden Fall müssen wir das Deflationsgespenst nicht mehr fürchten, das lange durch die Schweiz und Europa spukte. Zuletzt hatten wir höhere Inflationszahlen, allerdings getrieben durch steigende Energiepreise. Rechne ich das heraus, und schaue nur die Kerninflation an, ist derzeit kein starker Anstieg erkennbar. Schaue ich an, welche Inflationsentwicklung die SNB erwartet, so ist da auch keine deutliche Zinserhöhung zu erkennen für die nächsten zwei Jahre. Dennoch werden die langfristigen Hypothekarzinsen tendenziell etwas steigen. Will man nicht ständig das Zinsniveau im Auge behalten, können sich längere Laufzeiten für Hypotheken daher lohnen.

Zum Mietwohnungsmarkt warnte die SNB zuletzt vor Übertreibungen. Zu Recht?

Man muss es natürlich ernst nehmen, wenn die Nationalbank warnt. Sie ist ja für die makroökonomischen Bedingungen mitverantwortlich. Die institutionellen Investoren drängen in den Markt, um dem Anlagenotstand zu entkommen. Das zusätzliche Geld treibt tendenziell die Preise in die Höhe. Es empfiehlt sich also, vorsichtig zu sein.

Fliesst zu viel Geld rein?

Es kommt sicherlich sehr viel Geld hinein in diesen Markt. Die Leerbestände sind stark gestiegen, man muss auf der Hut sein. Also muss man den Markt genau kennen: die Unterschiede zwischen den Regionen, zwischen den Gemeinden und selbst die Unterschiede innerhalb einer Gemeinde.

In Aargauer Regionen werden viele Mietwohnungen gebaut, auch wenn die Leerstände bereits hoch sind.

Das ist eine Tatsache. Es wird sehr viel gebaut, weil viele freie Mittel vorhanden sind. Dass die Zuwanderung gerade rückläufig ist, hilft nicht. Aber man darf auch nicht in Alarmismus verfallen. Der Aargau ist ein sehr attraktiver Wohnort. Wir haben selber Städte und Gemeinden, in denen man sehr gerne lebt, und liegen sehr nahe von anderen Zentren. Aber es ist ein Umfeld, in dem die alte Weisheit noch wichtiger ist. Entscheidend ist: Lage, Lage, Lage.

Über das Firmenkreditgeschäft haben Sie einen guten Einblick in die Aargauer Industrie. Wird diese vom schwächeren Franken profitieren?

Davon gehen wir aus. Wir rechnen damit, dass der Kanton Aargau dynamischer wachsen wird als der Rest der Schweiz. Auch weil die Industrie bei uns überdurchschnittlich gross ist. Der zweite Sektor kommt bei uns auf einen Anteil von rund 20 Prozent, schweizweit sind es 10 Prozent. Diese Industrie-Unternehmen haben eine Fitnesskur hinter sich.

Oftmals war von einer Kur die Rede, die gutgetan habe.

Das kann man so nicht sagen. Es war eine enorm schwierige Prüfung. Nun bin ich froh, dass sie gut bestanden wurde.

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