Normalerweise haben Winnetou und die Redaktorin nicht viel gemeinsam: Der eine trägt Federschmuck und Lendenschürze, die andere Jeans und T-Shirt. Der Indianerhäuptling prescht auf einem stolzen Hengst durch die amerikanische Prärie, die Journalistin düst im Geschäftsauto durch die Strassen von Baden.

Aber für einmal haben sie wenigstens einen Punkt gemein: die Übernachtung in einem Tipi. Zwar nicht im Wilden Westen, aber immerhin im Goldenbühl in Wislikofen. Dort steht nämlich das Tipi der Familie Meile, das sie auf der Plattform Airbnb vermietet.

Das Tipi hat einen Durchmesser von sechs Metern und ist folglich gross genug für eine kleine Familie. In der Mitte hat es eine Feuerstelle, die ist aber unbenutzt. «Wegen des Ostwinds», erklärt Gastgeberin Daniela Meile. «Der würde den ganzen Rauch im Tipi umherblasen.»

Am hinteren Ende befindet sich das Bett aus aufeinandergestapelten Epal-Paletten mit einer Matratze obendrauf. Und dann gibt es im Tipi noch allerlei liebevollen Schnickschnack, Traumfänger, Hasenfelle, Federn und Kristalle. Richtig indianisch eben. Draussen stehen zwei Stühle, Wolfsfiguren und Holzbänke um eine weitere Feuerstelle.

Die sanitären Anlagen sind spartanisch: Etwas abseits am Waldrand steht ein Kompost-WC, an einem Ast hängt ein Haken. Daran kann man die Solardusche aufhängen.

Die Gäste kommen ausAmerika oder Neuseeland

«Es war mir von Anfang an wichtig, das transparent auf meinen Fotos darzustellen», sagt Daniela Meile. «Damit meine Gäste auch wissen, worauf sie sich einlassen», fügt sie mit einem Augenzwinkern an. Das Kompost-WC funktioniert einfach: Geschäft erledigen, Holzspäne drüber, fertig. «Dann stinkt es überhaupt nicht.» Auch das WC ist mit viel Liebe zum Detail geschmückt. «Ich dekoriere einfach gerne», sagt die Gastgeberin. «Das Tipi ist mein Herzensprojekt.»

Airbnb Zurzach – Daniela teilt ihren Traum vom Tipi mit der ganzen Welt

Daniela Meile teilt ihren Traum vom Tipi mit der ganzen Welt.

Seit einem Jahr stellt es die Tierkinesiologin auf Airbnb zur Verfügung. Anfangs war es nur als Kursraum für die Kommunikation mit den Tieren und ihren Besitzern gedacht. Bald aber wurde Daniela Meile auf Airbnb aufmerksam: «Da habe ich einfach aus dem Bauch heraus entschieden und das Zelt angeboten.»

Die ersten Gäste kamen prompt. Und sie kamen aus aller Welt: Frankreich, England, Amerika, Neuseeland. «Ich finde es mega lässig, so viele verschiedene Leute kennen zu lernen», schwärmt die 33-Jährige. «Ich bin selbst nicht so ein Reisefüdli.» Mit dem Job, den vielen Tieren auf dem Hof und den zwei kleinen Kindern sei es schwierig, weiter wegzufahren. «Deshalb hole ich das Reisen halt zu mir.»

Abschalten und dem Alltag entfliehen

Den offenen Kontakt schätzen auch die Gäste, die Rückmeldungen sind sehr positiv. «Selbst über das WC hat sich noch niemand beklagt», sagt Daniela Meile lachend. Im Tipi schlafe man nicht, weil man eine Übernachtungsmöglichkeit braucht, sondern wegen der Ruhe und des Erlebnisses an sich. Etwa 20 Übernachtungen konnte Daniela Meile bereits anbieten. Viele feierten aber auch Geburtstagspartys oder sonstige Feste. «Die Gäste kommen, um abzuschalten und dem Alltag zu entfliehen. Sogar für mich ist es hier oben wie Ferien.»

Die ersten Testpersonen war übrigens die Familie Meile selbst. Fazit: Es schläft sich gut. «Wir haben in der Nacht plötzlich ein lautes Geräusch auf dem Dach gehört, das uns erschreckt hat. Dann war es aber nur ein Waldkauz, der sich auf einer der Stangen niedergelassen hatte.» An die Tiere müsse man sich halt gewöhnen.

Zumindest in der Nacht hat die Redaktorin keine tierischen Besucher. Im Schlafsack ist es schnell kuschelig warm. Gelegentlich hört man ein Flugzeug vorbeifliegen. Ansonsten nur das rhythmische Zirpen der Grillen, das sanfte Rascheln des Windes in den umliegenden Bäumen und das leise Knistern der letzten Flammen in der Feuerstelle nebenan. Dank dem magischen Ambiente ist der Schlaf tief und erholsam.

Zu schnell geht die Sonne am nächsten Morgen schon wieder über den Hügeln auf und erwärmt das Zelt. Mit den ersten Sonnenstrahlen steht auch ein Korb bereit: Darin ein Laib Brot, verschiedene Konfis, Joghurt und Kaffee. Das liebevoll zubereitete Frühstück schmeckt mit der Sicht auf die aufgehende Sonne gleich doppelt so gut. Dann geht es bereits wieder zurück in den Alltag. Leider mit dem Auto und nicht mit dem Pferd. Der Vergleich mit Winnetou verblasst, das Abenteuer aber bleibt.