Fast lautlos auf fliessendem Wasser gleiten, ein Paddel in den Händen, in den Ohren Wencke Myhres unverwüstlicher Schlager vom knallroten Gummiboot: Auf geht’s den Rhein hinunter und auf der Auinsel bei Etzgen Karibik-Feeling erleben. Oder auf der Aare die Schlucht bei Brugg erkunden, die es locker mit der gleichnamigen im Berner Oberland aufnehmen kann.

Der Untersatz für Entdeckungsreisen auf unseren Flüssen darf durchaus auch knallgelb oder orangefarben sein. Hauptsache er ist nicht dünnhäutig und hat mindestens drei Luftkammern. Kapitän und Besatzung tragen vorzugsweise Schwimmwesten und lassen den Joint zu Hause, denn an Bord herrschen von Gesetzes wegen bei Cannabis Null-Toleranz und beim Alkohol die Obergrenze von 0,5 Promille. Solches ist dem reich bebilderten «Gummibootführer Schweiz» zu entnehmen, in dem 22 Touren vorgestellt werden, zusammen mit zahlreichen Informationen und Wissenswertem über Ausstattung, Vorschriften, Regeln, das Verhalten beim Umgang mit lauernden Tücken und drohenden Gefahren.

Letzteres soll nicht Spassverderber sein, sondern ungetrübtes Vergnügen garantieren auf Saane, Rhone, Ticino, Linth, Thur. Und natürlich auf Aare, Reuss und Rhein, auf denen sich von einem Gummiboot aus gar so manches unbekannte Stück Aargau aufspüren lässt. Fünf der insgesamt 22 präsentierten Touren führen durch unseren Kanton.

Rhein: Sandstrand und Bunker

Da wäre einmal die insgesamt 11,6 Kilometer lange Fahrt von Leibstadt nach Laufenburg, rechtsseitig mit immer wieder neuen Ausblicken auf die Hügelzüge des südlichen Schwarzwaldes und mit Erfrischungsrast auf den Sandstränden der Unteren Auinsel bei Schwaderloch, wo die deutsche Alb in den Rhein mündet. Auf einer Lichtung hinter dem südlichen Ende gibt es in der «Fischerhütte» Glacen und kühle Drinks. Drei Kilometer weiter flussabwärts lässt sich – sofern Petrus mitspielt – die Sehnsucht nach sünnele, baden und ferne Gestade auf einen Schlag stillen: Der feine Sandstrand auf einer kleinen Grasinsel bei Etzgen soll es durchaus mit der Karibik aufnehmen können.

Wer die 22,8 Kilometer lange Strecke vom zürcherischen Zweidlen nach Koblenz befährt, verweilt zwischen 5 und 6 Stunden auf dem Wasser, zwingend unterbrochen von einem kurzen Landgang: Nach 11,3 Kilometern muss gelandet, das Boot geschultert und linksufrig um das Kraftwerk Reckingen getragen werden. Als krönender Abschluss dieser Tour, auf der man am deutschen Ufer die Burg Rotwasserstelz und auf Schweizer Seite zwei grosse Bunker aus dem 2. Weltkrieg erblickt, bei Kaiserstuhl dem heiligen Nepomuk und bei Bad Zurzach der heiligen Verena begegnet, müssen zu guter Letzt die über 600 Meter langen Stromschnellen der Koblenzer Laufen bezwungen werden.

Reuss: Vier Kantone und Maierisli

Der Name «Reuss» stammt vom Keltischen «Riusia» ab und bedeutet die «Mächtige». Die gut 24 Kilometer lange Tour von Gisikon nach Rottenschwil führt aus dem Luzernischen hinein in den Aargau. Auf dieser Tour lädt die «Mächtige» – bisweilen lächelnd wie ein See – besonders häufig zum Baden und Schwimmen und bieten die sanft geschwungenen Uferpartien eine besonders reiche Auswahl an Grünschattierungen. Von der bunt geschmückten Zollbrücke Sins herunter werden Boote und Badende mit Blumen im Aargau willkommen geheissen. Gut 7 Kilometer flussabwärts mündet die Lorze in die Reuss. Hier treffen die Kantonsgrenzen von Aargau, Zürich und Zug aufeinander. Nach Passieren des Kleinkraftwerks Ottenbach (ZH), wenn rechter Hand am Hang Jonen zu sehen ist, kann ein Paddel gute Dienste leisten: Wegen des Rückstaus vom Wasserkraftwerk Bremgarten-Zufikon lässt die Strömung hier stark nach, und schon vor Rottenschwil steht die Reuss praktisch still.

Die anspruchsvollste unter den Aargauer Touren führt auf der Reuss von Bremgarten nach Gebenstorf. Die 25,3 Kilometer bergen etwelche Tücken. So gilt es unter anderem «im schnell fliessenden Wasser grosse Findlinge zu umkurven» und darf keinesfalls an der Auswasserungsstelle bei der ehemaligen Spinnerei Kunz weitergefahren werden, «die Strömung könnte einen über die Wehre ziehen». Doch auch an Möglichkeiten, sich entspannt treiben zu lassen, fehlt es nicht. Dabei gibt es den Anblick der malerischen Bremgarter Altstadt, das Kloster Gnadenthal, die Müli Mülligen und dort in der Nähe eine Insel mit dem hübschen Namen «Maierislischachen» zu geniessen.

Aare: Zwischen Eisenwänden

Vollends etwas Besonderes ist es, minutenlang in einem Gummiboot zwischen sieben Meter hohen Eisenwänden zu verharren – so wie auf der Aare in der Schleuse beim Flusskraftwerk Beznau. Diese fünfte unter den Aargauer Touren führt über 14,8 Kilometer von Umiken nach Döttingen und als Höhepunkt durch die Aareschlucht in Brugg. Zwar 400 Meter kürzer als ihre touristisch berühmte Schwester bei Meiringen, ist sie aber genauso von nationaler Bedeutung. In ihr verengt sich die Aare von 80 Metern Breite auf 12 Meter, bevor sie sich nach einem Kilometer wieder öffnet, sich im Wasserschloss mit Reuss und Limmat vereint und zum wasserreichsten Fluss der Schweiz wird.

In der Tasche zum Wasser

Zu allen Touren bietet der Führer übersichtliche Informationen über An- und Rückreise-Möglichkeiten zum Ausgangspunkt. Ist die Luft draussen, bringt ein Gummiboot für drei Personen nur rund 11 Kilo auf die Waage und lässt sich in einer speziellen Tasche leicht transportieren.

Bei den meisten der zwischen sieben und 26 Kilometer langen Vorschläge findet man auch kurze Varianten, Tipps für Bade-, Rast- und Verpflegungsmöglichkeiten sowie für kurze Landausflüge, etwa zu Sehenswürdigkeiten, Museen, speziellen Bademöglichkeiten oder Aussichtspunkten.