Irgendwann brach das System in sich zusammen. Zurück blieben 170 Millionen Franken Schaden und gegen 2000 Geschädigte, die ihre Ersparnisse verloren.

Verantwortlich für den grössten Fall von Wirtschaftskriminalität im Aargau war die Fricker Investmentfirma ASE. Deren Chef wurde vom Bezirksgericht Laufenburg unter anderem wegen gewerbsmässigen Betrugs, qualifizierter ungetreuer Geschäftsbesorgung und mehrfacher Urkundenfälschung zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren verurteilt.

Die Folgen des Millionenbetrugs bekommen neben den geschädigten Anlegern nun auch die Stockwerkeigentümer eines Mehrfamilienhauses in Binningen BL zu spüren.

Der Grund: Eine der Wohnungen im Neubau gehört der Frau des verurteilten ASE-Chefs. Oder genauer: gehörte. Denn die 2,5-Zimmer-Wohnung muss verkauft werden, so sieht es das Urteil des Bezirksgerichts Laufenburg vom 31. März 2017 vor.

Doch passiert ist dies bislang nicht. Darüber ärgert sich Barbara Wenk, die zusammen mit ihrem Mann Stockwerkeigentümerin in der gleichen Liegenschaft ist. Die Eigentümerin der 2,5-Zimmer-Wohnung hat seit Monaten keine Nebenkosten und Beiträge in den gemeinsamen Erneuerungsfonds bezahlt. Wenk: «In der Zeit ist den Stockwerkeigentümern dadurch ein Schaden von 20 000 Franken entstanden.»

Barbara Wenk kritisiert, das Bezirksgericht Laufenburg habe es während rund sieben Monaten verpasst, den Auftrag zur Verwertung an die Oberstaatsanwaltschaft weiterzugeben. Als sie beim Gericht nachgefragt habe, sei sie auf taube Ohren gestossen.

Ihr E-Mail vom November 2017 sei erst im Januar und mit gerade mal fünf Sätzen beantwortet worden. Als sie sich nach den Gründen der Verzögerung erkundigte, erhielt sie keine Antwort mehr. Ihr Verdacht: Die Verwertung sei schlicht vergessen gegangen, doch niemand wolle nun für den Fehler geradestehen.

Ein Vorwurf, den Nicole Payllier zurückweist. Die Sprecherin der Gerichte Aargau begründet die lange Dauer mit den Fristen, die es abzuwarten galt und der Komplexität des Verfahrens. Das Bezirksgericht hielt seinen Entscheid auf über 450 Seiten fest, die Anhänge nicht mitgezählt.

Payllier: «Die Ausfertigung des vollständig begründeten, äusserst umfangreichen Urteils des Bezirksgerichts Laufenburg nahm entsprechend viel Zeit in Anspruch.» Dieses Urteil haben die Parteien im Mai 2017 erhalten. Von da an lief zuerst die 20-tägige Frist für die Berufungserklärungen, danach die ebenso lange Frist für die Anschlussberufungen.

Erst nach deren Eingang – Ende August 2017 – sei festgestanden, welche Punkte des bezirksgerichtlichen Entscheids rechtskräftig und somit vollstreckbar seien, sagt Payllier. Aufgrund des Umfangs und der Komplexität des Falls informierte das Obergericht das Bezirksgericht über die nicht angefochtenen Punkte.

Dies sei erst am 1. November, jedoch vor der Anfrage von Frau Wenk erfolgt, sagt Nicole Payllier. Die Sprecherin der Gerichte betont: «Darauf leitete das Bezirksgericht zeitnah am 14. November 2017 die Schritte zur Verwertung der Liegenschaft ein.»

Wer kommt für die Kosten auf?

Auf Anfrage bestätigt die Oberstaatsanwaltschaft, sie habe den Auftrag erhalten, das Stockwerkeigentum in Binningen zu verwerten. Im Urteil sei vorgesehen, dass der Verwertungserlös auf ein vom Gericht bestimmtes Konto zu überweisen sei, schreibt Daniel von Däniken, stellvertretender leitender Oberstaatsanwalt.

Auf die Frage, ob die Stockwerkeigentümer Anspruch auf Entschädigung für den entstandenen Schaden hätten, antwortet er, es handle sich dabei um eine zivilrechtliche Frage, die nicht von der Staatsanwaltschaft zu beurteilen sei.

Das Strafgesetzbuch hält fest, dass der Erlös aus dem Verkauf primär zur Deckung der entstandenen Verfahrenskosten dient. «Wir werden wohl auf den Kosten sitzen bleiben», befürchtet Barbara Wenk. Und der Betrag dürfte noch steigen. Die Wohnung konnte bislang nicht verkauft werden, wie die Oberstaatsanwaltschaft auf Anfrage bestätigt.