Aarau

Ändert ein bedingungsloses Grundeinkommen die Arbeitsmotivation?

An einer Diskussionsveranstaltung zum bedingungslosen Grundeinkommen gab es nur einen einzigen Gegner der Initiative. Doch auch bei den Befürwortern gab es viel zu diskutieren.

Eine absurde Szene: Ein Lastwagen kippt acht Millionen goldene 5-Räppler auf den Bundesplatz. Mit dieser Geste wurde die Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen eingereicht.

Ein Jahr später, im «Roschtige Hund» in Aarau: Eine Ärztin, eine Pfarrerin, eine lebenserfahrene, ältere Dame und eine Unternehmerin sitzen an einem runden Tisch. Sie haben sich das Grundeinkommen vorgeknöpft – es wird ausgeleuchtet und kritisch hinterfragt. Sie versuchen, sich eine Gesellschaft mit Grundeinkommen vorzustellen – jede in ihrem Lebensumfeld, jede in ihrem Arbeitsbereich. Mit dabei sind die Motoren der Volksinitiative, so Daniel Straub und Enno Schmidt sowie einige interessierte Bürgerinnen und Bürger.

Zudem sitzen die Nationalrätin, Präsidentin der SP Frauen und Wettinger Gemeinderätin Yvonne Feri sowie Judith Giovanelli-Blocher, die Schwester von Christoph Blocher, in der Runde. Ein einziger Gegner der Initiative nahm an der Veranstaltung teil. «Es war schwierig, Gegenstimmen aufzubieten», sagt Kristina Eva Schwabe, Organisatorin des Anlasses. Die Moderation führte Enno Schmidt, Mitbegründer der Initiative.

«Es muss sich etwas ändern an unserem System», sagte Ursula Devatz, Ärztin und Psychiaterin. Ein bedingungsloses Grundeinkommen könnte viel Leid, Demütigungen und juristische Arbeit ersparen, die heute nebst der medizinischen Arbeit nötig sind. Daniel Knecht, Firmeninhaber der Knecht Holding AG in Brugg, leitet ein Unternehmen mit rund 220 Mitarbeitenden. «Das Schlaraffenland gibt es nur im Märchen», sagte Knecht.

In einer direkten Demokratie müsse sich jeder anstrengen und darum bemühen, sein Leben selber zu verdienen und damit seinen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Knecht: «Es gibt nicht nur Menschenrechte – es gibt auch Menschenpflichten.» Dass jeder Mensch für die Gesellschaft Verantwortung übernehmen muss, da waren sich die Anwesenden einig. Die grosse Frage drehte sich um das «Wie».

«Das Grundeinkommen würde uns kein Schlaraffenland bescheren», konterte die 82-jährige Judith Giovanelli-Blocher. «Es sollte Lebensqualität und Lebensfreude bringen, würde aber mehr Selbstverantwortung fordern – also kein Sonntagsspaziergang.»

Was tut der Mensch mit Freiheit?

Es zeigte sich schnell, dass die Argumente der Diskussionsteilnehmer auf komplett verschiedenen Menschenbildern beruhen. Was würde der Mensch tun, wenn ihm mehr Freiheit eingeräumt würde? Die Antworten auf diese Frage klafften frappant auseinander. Kein Wunder: Denker, Politiker und Philosophen wurden sich in den letzten zweitausend Jahren nie darüber einig, ob und wie der Mensch mit Freiheiten umgehen kann.

Zudem waren sich die Gesprächspartner nicht einig darüber, welche Arbeitsmotivation wir in die Arbeitswelt einbringen – eine intrinsische oder eine, die erst durch den Reiz der monetären Belohnung entsteht.

Was ist also passiert an diesem Samstagnachmittag im Keller des «Roschtige Hund»? Akteure aus verschiedenen Bereichen wagten den Versuch, unsere Gesellschaft neu zu denken – «ohne Geländer zu denken», wie Judith Giovanelli-Blocher Hannah Arendt mehrmals zitierte.

Dieses bedingungslose Denken wäre aber erst dann möglich, wenn sich alle Seiten – Befürworter, kritische Denker aller Sparten und auch die Gegner – an der Diskussion beteiligen würden. Dazu fehlten am Samstag in Aarau vor allem Letztere.

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