Bezirksrichterwahlen
Abtretender Bezirksrichter: «Es war kein Job, sondern eine Aufgabe»

Franz Mazenauer darf nach 12 Amtsjahren altershalber nicht mehr antreten. Sobald Bezirksrichter ihr 70. Lebensjahr erreichen, müssen sie abtreten. Mazenauer findet es schade, dass er aufhören muss.

Adrian Hunziker
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Franz Mazenauer in «seinen Katakomben» im Keller.

Franz Mazenauer in «seinen Katakomben» im Keller.

Chris Iseli

Franz Mazenauer sitzt in seinem Refugium, «seinen Katakomben», wie es einmal ein Besucher nannte – ein Kellerabteil in einem Wohnblock in Neuenhof. Dort lagert er unter anderem 27 Ordner mit Unterlagen von Gerichtsverhandlungen, die sich in 12 Jahren als Bezirksrichter ansammelten. «Den 27. Ordner will ich bis zum Ende meiner Amtszeit Ende März 2013 füllen», meint Mazenauer. Grosse Fälle wie denjenigen von Kindermörder Werner Ferrari hat er in separaten Ordnern abgelegt.

Vor jeder Verhandlung widmet er sich dem Aktenstudium. Notizen macht er sich auf dem Computer. Die Nachbereitung folgt am Abend oder am nächsten Tag. «Die Vorbereitung nimmt ungefähr so viel Zeit in Anspruch, wie die Verhandlungszeit beträgt. Das gilt natürlich nicht für eine dreitägige Verhandlung», lacht er.

Ungerechtigkeitsgefühl ist da

12 Jahre amtete der passionierte Pfeifenraucher als Laienrichter am Bezirksgericht Baden in der Abteilung 1. Am Ende seiner Amtszeit am 31. März 2013 muss er gehen, denn er ist zu alt. Sobald Bezirksrichter ihr 70. Lebensjahr erreichen, müssen sie abtreten. Mazenauer findet es schade, dass er aufhören muss. «Ein 78-Jähriger kann Kantonsrat werden, aber ein Bezirksrichter ist im Aargau mit 70 nicht mehr brauchbar?», fragt der SVP-Politiker ungläubig. Er spürt ein Ungerechtigkeitsgefühl in sich. «Ich hätte nochmals kandidiert, wenn die Altersguillotine nicht wäre.» Und er findet es komisch, dass sich Bezirksrichter für eine vierjährige Amtszeit aufstellen lassen, auch wenn sie wissen, dass sie in zwei Jahren zurücktreten müssen. «Das finde ich nicht sauber.»

Mazenauer, der im Jahr 2000 von der Swisscom entlassen wurde, nachdem er dort 36 Jahre gearbeitet hatte, überlegte sich mit damals 58 Jahren, wie es weitergehe. Da er als Bezirksparteipräsident der SVP immer wieder mit Bezirksrichterwahlen zu tun hatte, wurde das für ihn eine Option. «Für mich war das nie ein Job, sondern eine Aufgabe», sagt er. Das Wichtigste bei seiner Aufgabe ist für den 69-Jährigen das Gefühl und die Sicherheit zu haben, dass man Recht gesprochen hat. «Dass man richtig entscheidet, ist nicht so einfach. Das Gericht ist sich ja nicht immer einig», gibt der gebürtige Stadtzürcher zu bedenken.

Mazenauer ist überzeugt, dass für die Aufgabe eines Bezirksrichters gesunder Menschenverstand nicht reicht. Man müsse auch Interesse am Menschen haben, der einem gegenübersteht. «Ein Richter, der sich auf einem Plakat outet, er wolle Nulltoleranz, kommt daher für mich gar nicht infrage.» Aber nur der menschliche Aspekt reiche nicht, auch an der Gesetzesauslegung müsse man Interesse zeigen: «Man muss über beide Komponenten – menschlich und juristisch – verfügen und diese Komponenten müssen zusammenspielen.»

Über schwierige Fälle reden

Es gibt auch Fälle, die den erfahrenen Laienrichter längere Zeit nicht in Ruhe lassen. Diese müsse man gemeinsam nochmals verarbeiten können. Man müsse schauen, dass man das nicht in sich hinein fresse. «Eigentlich ist das nach jeder Verhandlung so. Man kann nicht sofort abschalten. Wir vom Gerichtsgremium reden dann noch bei einem Bier», sagt Mazenauer.

Am Ende seiner Arbeitszeit wird der Swisscomfan und engagierte Politiker alle angesammelten Gerichtsakten vernichten. «Ich fahre am 1. April 2013 in die KVA Turgi und entsorge alles.» Es mache keinen Sinn, die Akten zu behalten – jetzt kann er sie aber noch gebrauchen. Wenn er einen Namen sieht, der ihm bekannt vorkommt, kann er einen Fall wieder hervor nehmen. Betäubungsmittelfälle und Kleingauner sind solche «Stammkunden». Manche Namen kennt Mazenauer auswendig und wird sie wohl auch nach seinem erzwungenen Rücktritt nicht so schnell vergessen.