Ab und an lohnt sich ein Besuch im Aargauer Staatsarchiv. Unter den vielen verstaubten Dokumenten befinden sich manchmal echte Perlen. So auch diese hübsche Geschichte:

Es ist Frühling im Jahr 1930, als ein Film die Gemüter der Aargauer erzürnt. Eigentlich wollten der sowjetische Regisseur Sergej Eisenstein und der Schweizer Produzent Lazar Wechsler mit ihrem Film «Frauennot – Frauenglück» über einen Missstand in der Gesellschaft aufklären. Denn Ende der 20er-Jahre starben in Europa viele Frauen an den Folgen von heimlichen Abtreibungen.
Im ersten Teil des Films wird eine Frau gezeigt, die in armen Verhältnissen lebt und bereits ein paar hungrige Kindermäuler zu stopfen hat. Als sie bemerkt, dass sie wieder schwanger ist, beschliesst sie in ihrer Verzweiflung, das Kind abzutreiben. In einem dreckigen Hinterzimmer wird sie operiert und verliert dabei ihr Leben.


Der zweite Teil des Films dokumentiert einen Kaiserschnitt. Gefilmt wird in der Frauenklinik in Zürich. Eine wohlhabende Frau wird von qualifizierten Ärzten unter hygienischen Vorsichtsmassnahmen operiert. Ein gesundes Baby erblickt das Licht der Welt.
Was als Gedankenanstoss gedacht war, endet im Skandal. Nach der Uraufführung des Films in Zürich erreicht ein Brief der Aargauischen Frauenzentrale den Regierungsrat: Der Film sei für das Gebiet des Kantons zu sperren. Kurz darauf wird der Film im Kanton verboten, weil er das sittliche Empfinden weiter Volkskreise schwer verletze. Auch in anderen Kantonen wird gegen den Film protestiert. Die Gegner sehen in der Darstellung des Gebärens eine «Vergewaltigung des weiblichen Geheimnisses». In den Städten Zürich und Basel darf der Film nur in einer gekürzten Fassung gezeigt werden, in den Kantonen Bern, Thurgau, Schaffhausen und Waadt wird er ebenfalls verboten.


Der Wirbel um den Film klingt im Aargau nicht ab. Einmal wendet sich die Schweizer Predigervereinigung an den Regierungsrat. Sie wollen sich ein Urteil über die moralische Bedeutung des Films bilden und bitten um Vorführerlaubnis. Das Gesuch wird abgelehnt. Im Sommer 1931 wird der Film in anderen Städten bereits in gekürzten Versionen gezeigt. Um auch die Herren des Aargauer Regierungsrates davon zu überzeugen, dass es sich bei dem Film um wichtiges und aufklärerisches Informationsmaterial handelt, wendet sich die Filmstelle Praesens, die «Frauennot – Frauenglück» vertreibt, an den Kanton. «Wir bitten den Regierungsrat den Film zu besichtigen und einer Prüfung zu unterziehen», schreibt sie. Auch hier heisst es: Gesuch abgelehnt.


So geht die Schreiberei zwischen Regierungsrat und Befürwortern des Films weiter. Der Regierungsrat bleibt bei seiner Meinung: Intime Geburtsvorgänge, Kaiserschnitte und Schwangerschaftsunterbrechungen gehören nicht in die Öffentlichkeit. Sechs Jahre später, im Winter 1937, gelangt die Praesens Filmstelle erneut an den Regierungsrat. Man habe den Film in Aarau zeigen wollen und sei von der Polizei darauf aufmerksam gemacht worden, dass der Film im Kanton immer noch verboten sei. «Darüber ist man erstaunt», heisst es im Brief.


Es dauert nochmals ein knappes halbes Jahr, bis April 1938, als sich Mitglieder des Regierungsrates durchringen, den Film im Kanton Solothurn zu besichtigen. Wo sonst? Im eigenen Kanton durfte er ja immer noch nicht gezeigt werden. So heisst es in einem alten Protokoll: «Am 29. April 1938 nahmen die Herren Studler, Zaugg, der Herr Staatsschreiber mit der Justizdirektion an einer Vorführung des Films in Solothurn teil.» Und siehe da: Die Herren kommen zum Schluss, dass der Film gar nicht so schlimm sei, wie angenommen. Im Protokoll steht: «Die Befürchtung, dass die intimsten Vorgänge des Familienlebens profaniert würden, erwies sich als nicht zutreffend. Der ganze Film ist vielmehr geeignet, die Moral im günstigen Sinne zu beeinflussen.»


Es dauert nicht lange, bis die Herren des Regierungsrates eine Aufhebung des Filmvorführverbots beschliessen. Vorstellungen sind ab Juni 1938 erlaubt, jedoch nur geschlechtergetrennt. Für Männer ist der Film ab 18 Jahren, für Frauen ab 17 Jahren freigegeben.