Die Vorwürfe von den Strassengegnern an den Kanton sind gravierend. Der A1-Zubringer Lenzburg mit einem Tunnel am Knoten Neuhof wird als überrissen und viel zu teuer dargestellt. Mit der Spange Hornerfeld gehe wertvolles Kulturland verloren, mit einem Kreisel könne man die unfallträchtige Kreuzung Lindfeld vor der Autobahn auch entschärfen. Schlimmer noch: «Hier wird nur eine Pflästerlipolitik betrieben, wenn der Bau im Jahr 2018 realisiert ist, kommt es an anderen Orten zu neuen Staus», behaupten die Gegner. Das rufe nach neuen Umfahrungen und einer Einfahrbremse auf die Autobahn. Am Schluss sei ein vierspuriger Ausbau der Bünztalstrasse nötig. So gehe die Zersiedlung weiter, mit neuen Bauzonen und weiteren Strassen. Der Kanton habe bessere Varianten, aber diese in einer geheimen Schublade versteckt.

Vor dem Grossen Rat und in vielen Interviews hat der heftig angegriffene Baudirektor Peter C. Beyeler sein Projekt verteidigt und die Vorwürfe zurückgewiesen. Dabei hat er sein Projekt immer als einzig richtige Lösung präsentiert und zu wenig erklärt, weshalb andere Varianten die gravierenden Verkehrsprobleme nicht wirklich lösen könnten. Vor allem für die Zukunft nicht, wenn Bevölkerung, Verkehr und Mobilität weiter wachsen. Alle Prognosen sagen das voraus und werden regelmässig von der Entwicklung bestätigt oder übertroffen.

Mit 75 Millionen Franken ist der Ausbau tatsächlich sehr teuer, denn es geht hier ja nicht um eine Ortsumfahrung, sondern primär um den Ausbau der grossen Kreuzung Neufeld. Aber ohne eine klare Entflechtung der Verkehrsströme verkäme jede Lösung zum Flickwerk, argumentiert der Baudirektor. Denkbar wäre auch eine billigere Überführung, aber der Kanton will den Platz mit dem Schloss im Hintergrund nicht mit einer Betonkonstruktion verschandeln. Die Spange Hornerfeld wird ergänzt mit einem Radweg.

Parlament hat Projekt klar zugestimmt

Die Theorie der Gegner klingt auf den ersten Blick plausibel und nachvollziehbar: Neue Strassen ziehen zusätzlichen Verkehr an – und holen jenen Schleichverkehr zurück, der einen zwar längeren, aber schnelleren Umweg um den Stau-Schwerpunkt in Kauf genommen hat. Beim Wechsel von der schönen Theorie in die weniger rosige Wirklichkeit vermisst man jedoch brauchbare Alternativen: Für die fundamentalen Strassengegner der Umweltverbände genügt es, den wachsenden Staus zuzuschauen, bis die entnervten Autofahrer auf den öffentlichen Verkehr umsteigen.

Die politischen Gegner aus den Parteien SP, Grüne, BDP, EVP, GLP und SD reden von einer neuen Vorlage an den Grossen Rat – der dann aus den geheimen Varianten eine schlanke, billige Lösung auswählen könnte. Darin ist reichlich Wunschdenken enthalten. Den Politikern und Strassenplanern wird es nicht gelingen, ein Verkehrswunder aus dem Hut zu zaubern. Sonst hätten sie es längst auf dem Servierteller präsentiert.

Eine grössere Legitimation können beim A1-Zubringer Lenzburg die Befürworter aus SVP, FDP, CVP und EDU in Anspruch nehmen: Das Parlament hat Projekt und Kredit mit 85 zu 40 Stimmen überdeutlich bewilligt, zur Volksabstimmung kommt es dank des Behördenreferendums. Die ganze Region steht mehrheitlich zur Tunnellösung, 17 Gemeinden im Bünztal und im Seetal und die Planungsgruppen inbegriffen. In Lenzburg lässt auch SP-Stadtammann Daniel Mosimann keinen Hauch von Zweifel an seiner Haltung aufkommen. Er wirbt im überparteilichen Komitee der Befürworter für ein Ja am 3. März. «Das Projekt Neuhof verhilft zu mehr Lebensqualität, da Rückstaus in unsere Stadt verhindert werden. Der Stadtrat setzt sich deshalb entschlossen für diese Sanierung ein», lässt sich Daniel Mosimann zitieren.

Nase von ewigem Stau voll

Bezeichnend ist es schon, wenn der grundsätzliche Kampf der SP gegen alle neuen Strassenprojekte dort aufhört, wo die eigenen Kommunen betroffen sind. In der Theorie nein, in der Praxis ja, heisst das, auf einen kurzen Nenner gebracht.

Im Grossraum Lenzburg haben die meisten Bewohner und vor allem die Pendler die Nase von der ewigen Stauerei voll. Mit Pinselstrichen, neuen Rotlichtern, vier Kreiseln oder einem Mammutkreisel lässt sich das Problem nicht lösen. Der ideologisch geführte Kampf gegen neue Strassenprojekte hilft nicht. Das Umsteigen auf den öffentlichen Verkehr, der in Spitzenzeiten am Limit ist, lässt sich nicht erzwingen. Die meisten Pendler fahren nicht aus Freude am Autofahren durch den Aargau, sondern weil sie auf dem Weg zur Arbeit sind – und mit Bahn oder Bus doppelt so lange unterwegs wären.

Das Projekt A1-Zubringer Lenzburg ist eine sachgerechte Lösung, einen Plan B gibt es nicht. Keine Sanierung bedeutet: noch mehr Staus, Abgase, Zeitverlust, Unfälle, bis zur Blockade der Autobahn.