«Ich war immer überzeugt, dass dieser Fall geklärt wird», sagt Urs Hofmann. Und der Aargauer Justizdirektor sollte Recht behalten: 146 Tage nach dem Vierfachmord von Rupperswil kurz vor Weihnachten hat die Polizei den Täter verhaftet. Die Dramaturgie an der Medienkonferenz hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit der letztlich erfolgreichen Fahndung, mit dem Netz, das sich offenbar immer enger um den Mörder zusammenzog, bis die Polizei am Donnerstag zugriff.

«Die Tötung aller Anwesenden war von Anfang an geplant – ebenso, das Haus in Brand zu stecken»

«Die Tötung aller Anwesenden war von Anfang an geplant – ebenso, das Haus in Brand zu stecken»

Barbara Loppacher, Leitende Staatsanwältin der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau, zum Täter im Vierfachmord von Rupperswil und seinem Motiv.

Zuerst stellte Polizeikommandant Michael Leupold «wichtige, entscheidende Neuigkeiten» in Aussicht. Dann verkündete der leitende Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht, die lange Zeit der Unsicherheit für die Bevölkerung von Rupperswil sei vorbei. «Der Täter ist gefasst», sagte Umbricht und verband die Aussage mit der Hoffnung, dies möge eine gewisse Erleichterung für die trauernden Hinterbliebenen der vier Opfer bringen. Zufall oder nicht: Georges F., der Vater der getöteten Carla Schauer, sagte am Freitag in einem Interview mit dem «Blick», sein grösster Wunsch sei es, dass die Täter durch die im Haus gefundenen DNA-Spuren irgendwann gefasst werden. «Erst dann finden wir vielleicht einen kleinen Seelenfrieden.»

Finanzielles und sexuelles Motiv

Ob es den Hinterbliebenen nun tatsächlich besser geht, da der Mörder von Carla Schauer, ihren Söhnen Davin (13), Dion (19) und dessen Freundin Simona Fäs (21) gefasst ist, ist aber mehr als fraglich. Nach und nach kam an der Medienkonferenz die schockierende Brutalität des Vierfachmörders zutage. «Es handelt sich um einen 33-jährigen, ledigen Mann aus Rupperswil», sagte die fallführende Staatsanwältin Barbara Loppacher. Er sei am Donnerstag nach 72-stündiger Vorbereitung im Zug einer gross angelegten Polizeiaktion verhaftet worden. «Er ist Student, hatte nach bisherigen Erkenntnissen keinen Bezug zur Familie der Opfer und handelte als Einzeltäter», fuhr Loppacher fort.

Der Mörder hatte ein doppeltes Motiv: «Ein finanzielles, er wollte Geld erbeuten, und ein sexuelles, es kam zu Übergriffen.» Und er hatte von Anfang an geplant, alle vier Personen umzubringen und danach Feuer zu legen, um die Spuren zu verwischen. Den unfassbaren Ablauf der Tat schilderte Markus Gisin, Chef der Kriminalpolizei. Der Täter beobachtete demnach am Morgen des 21. Dezember das Haus der Familie. Nachdem Georg M., der Lebenspartner von Carla Schauer, gegangen war, verschaffte sich der Mörder mit einer List Zutritt zum Haus. Er gab sich als eine andere Person aus, die 48-jährige Frau liess ihn ins Haus, redete mit ihm.

«Erst war keine Gewaltabsicht erkennbar, es war ein normales Gespräch», sagte Staatsanwältin Loppacher. Doch plötzlich zeigte der Mörder seine wahren Absichten: «Er bedrohte den jüngeren Sohn und zwang die Mutter, den älteren Sohn und dessen Freundin zu fesseln.» Carla Schauer habe ihm dann ihre finanziellen Möglichkeiten offengelegt, danach habe der Mann auch Davin gefesselt und dessen Mutter gezwungen, bei zwei Banken Geld abzuheben. Was folgt, ist der reinste Horror: «Als Frau Schauer zurückkam und ihm das Geld gab, fesselte er auch sie, verging sich sexuell am jüngeren Sohn, schnitt allen vier Personen die Kehle durch und zündete sie nachher an», sagte Gisin. Dann verliess er offenbar unerkannt das Haus an der Lenzhardstrasse.

Vater wollte Geschenke bringen

Nur kurze Zeit später traf Georges F., der Vater von Carla Schauer, beim Haus ein. Er fuhr zusammen mit seiner Frau zu seiner Tochter nach Rupperswil, um Weihnachtsgeschenke vorbeizubringen, wie er gestern im «Blick» sagte. Die Haustüre sei wie meistens unverschlossen gewesen. Als er hineinging, war bereits Rauch im oberen Stockwerk. Dieser sei so stark gewesen, dass er nicht mehr nach oben konnte. Georges F. ging aus dem Haus und schlug Alarm.

Kurz darauf traf die Feuerwehr ein, löschte den Brand und stiess im Haus auf die vier Leichen. Damit begann die grösste Ermittlungsaktion in der bisherigen Aargauer Kriminalgeschichte: 100 Polizisten und eine 40-köpfige Sonderkommission waren in den letzten knapp fünf Monaten im Einsatz. Nach mehreren Aufrufen und einer ausgesetzten Belohnung von 100 000 Franken gingen insgesamt 650 Hinweise aus der Bevölkerung ein – zum Täter führte laut Markus Gisin aber keiner. «Zum Ziel führte aufwendige, langwierige Ermittlungsarbeit, mehr kann ich im Moment nicht dazu sagen», antwortete er auf die Frage, wie die Polizei dem Vierfachmörder auf die Spur gekommen sei.

Weshalb sich der Mörder die Familie Schauer aussuchte, bleibt vorerst unklar. «Offenbar hat er den jüngeren Sohn in Rupperswil gesehen, dieser scheint ihm quasi ins Auge gestochen zu sein, das war wohl der Auslöser», sagte Barbara Loppacher. Verhaftet wurde der Mann, der sich nicht gegen die Festnahme wehrte, laut Gisin «im öffentlichen Raum», den genauen Ort gab der Kripo-Chef nicht bekannt. Der 33-jährige Student – ein Schweizer ohne Migrationshintergrund – war bisher völlig unbescholten: «Der Täter war der Polizei nicht bekannt.» Zweifel, dass er die Bluttat begangen hat, gibt es aber keine. Schon kurz nach der Festnahme habe sich gezeigt, dass Fingerabdrücke und DNA am Tatort mit dem Täter übereinstimmten, danach habe der Mann ein umfassendes Geständnis abgelegt, sagte die fallführende Staatsanwältin.

Mörder plante weitere Taten

Offenbar plante der Mörder weitere, gleich gelagerte Delikte, wie Gisin ausführte. «Bei einer Hausdurchsuchung haben wir einen gepackten Rucksack mit einer alten Armeepistole und Utensilien zur Fesselung gefunden.» Hat die Polizei einen möglichen Serienmörder verhaftet, der schon Kabelbinder, Klebeband und Seile für die nächste Bluttat vorbereitet hatte? Gisin will nicht darüber spekulieren, sagt aber, man habe wohl ein weiteres, kurz bevorstehendes Delikt des Mannes verhindert.

Für die Staatsanwaltschaft sei die Arbeit mit der Verhaftung nicht beendet, sagte Philipp Umbricht. «Es gilt nun, die Anklage vorzubereiten und die Akten gerichtsfest zu machen.» Regierungsrat Urs Hofmann, früher selber als Rechtsanwalt tätig, sagte: «Es gilt, den gefassten Täter korrekt und konsequent weiterzubehandeln.» Hofmann wurde am Donnerstag über die Verhaftung informiert. «Ich war erleichtert und habe den involvierten Personen bei Polizei und Staatsanwaltschaft gratuliert.» Doch der Justizdirektor relativierte die Freude über den Ermittlungserfolg: «Das ist ein Fall, der sehr betroffen macht.»

«Indem er den jüngeren Sohn bedrohte, zwang er Frau Schauer, den älteren Sohn und dessen Freundin zu fesseln und zu knebeln»

«Indem er den jüngeren Sohn bedrohte, zwang er Frau Schauer, den älteren Sohn und dessen Freundin zu fesseln und zu knebeln»

Markus Gisin, Chef der Kriminalpolizei Aargau, schildert an der Medienkonferenz am 13. Mai 2016, wie der Täter im Vierfachmord von Rupperswil vorgegangen ist.

Hier können Sie den Live-Ticker von der Medienkonferenz nachlesen:

Liveticker MK Fall von Rupperswil