Wo sonst die Wellen brechen, sahen die Menschen plötzlich das Riff. «Heh, komm, das Meer ist verschwunden», rief die Nachbarin der Schweizerin Heidi Widmer durch die Zimmertür zu. Die Aargauer Kunstmalerin sass an ihrem Schreibtisch im kleinen Guesthouse in Matara, Sri Lanka.

Der Kalender zeigte den 26. Dezember 2004. Stephanstag. Heidi Widmer hatte sich ein eisernes Programm auferlegt. Nach dem Aufstehen wollte sie schreiben, ehe sie um 9 Uhr an ihren Lieblingsplatz unten am Strand zu gehen pflegte, um einen Morgenschwumm zu nehmen.

Am Morgen des Stephanstags aber war alles anders. Ihr Schreibfluss war ununterbrochen. 9 Uhr war bereits verstrichen und der Drang hatte noch nicht Überhand gewonnen, an den Lieblingsplatz unten an den Strand zu gehen. Jäh rissen sie die Rufe der Nachbarin aus der Konzentration. «Ungläubig lief ich mit anderen an den Strand», erinnert sich Heidi Widmer. Und dann wurde alles anders.

Wagemutige liefen in den Tod

Die Künstlerin hat die Reporter in ihrer Wohnung in einem umgebauten Rossstall in Wohlen empfangen. Sie dient ihr als Atelier und Wohnraum zugleich. Pinsel, Staffeleien und Notenständer, auf denen sich ihre Werke stapeln. Es riecht nach Kaffee. Heidi Widmer schluckt. Sie erinnert sich gut an die Minuten, die die Existenz Abertausender Asiaten, Tausender Sri Lanker und Hunderter Touristen für immer beendeten. Und das Leben von Heidi Widmer für immer auf den Kopf stellen sollten.

Heidi Widmer und die Menschen vor Ort starrten auf das Meer hinaus. Ein paar Wagemutige liefen hinaus. Ihrem sicheren Tod entgegen. Heidi Widmer hörte die Rufe der Schweizer, die sich auf die Terrasse des auf einer Anhöhe stehenden Hauses eines Auslandschweizers begeben hatten. Wild gestikulierten sie und riefen ihr zu. Sie solle unverzüglich zu ihnen kommen. Widmer rannte. Zusammen mit anderen, die die Gefahr kommen sahen.

Oben, bei den anderen angekommen, sah sie sie kommen: «Eine schwarze Wand. Etwas Massives.» Widmer kann gar nicht in Worte fassen, was auf die Küste zurollte. Dann war sie da. «Das Wasser reichte bis zu unseren Füssen. Es hatte alles mit sich gerissen: Führerlose Fischerboote, Kisten, Möbel, entwurzelte Bäume, Menschen. Die Hütten der Ärmsten, nur 200 Meter weiter den Strand abwärts, verschwanden in den Fluten. An meinem Lieblingsplatz am Strand hätte ich keinen Fluchtweg gehabt. Wäre ich dort gewesen, es hätte den sicheren Tod bedeutet.»

Dann floss das Wasser zurück und riss alles mit aufs Meer hinaus. Bis die zweite, noch gewaltigere Welle kam. «Wir rannten um unser Leben.» Heidi Widmer und die anderen Touristen mussten sich ein paar Meter weiter oben in Sicherheit bringen.

Touristen gönnen sich Aperitif

Ihre Erinnerungen hat Heidi Widmer in einem Tagebuch aufgeschrieben. Doch sie bleiben auch ohne Tagebuch präsent. Etwa, wie sie noch am selben Vormittag das Velo nahm und sich aufmachte in die nahe Stadt Matara. «Was ich dort sah, übertraf das Grauen, das sie bereits zuvor gepackt hatte», sagt sie. Strassenzug um Strassenzug – ein Bild der Verwüstung. «Häuser, Autos und Bäume hatten sich ineinander verkeilt. Überall Leichen. Die Welle zog den Fluss hoch. Sie hatte Menschen, Tiere, Baumaterial, Autos und Bäume bis weit ins Landesinnere gespült.»

Stundenlang irrte Heidi Widmer durch die zerstörten Strassen. Sie fotografierte. In ihrem Atelier stapeln sich nicht nur ihre gemalten Bilder, sondern auch die Katastrophenbilder. Widmer bekommt sie nicht aus dem Kopf.

Stunden später kehrte sie zum Guesthouse zurück. Der Schock sass tief. Die anderen Touristen waren beim Aperitif. Sie wollten die bedrückenden Berichte der Aargauerin nicht anhören. «Sie seien doch keine Voyeure, sagten sie mir. Ich war schockiert», erinnert sich Widmer. Sie, eine Voyeurin? Dabei war sie doch nur tief erschüttert.

Spendenaufruf per SMS

Auch tags darauf streifte sie wieder durchs Katastrophengebiet. Sie sah die Lethargie: Menschen, wie sie auf den Trümmern herumsassen und nicht wussten, wo anzufangen. Sie sah die Verzweiflung: Menschen, die Leichen bargen und nach brauchbarem Eigentum suchen. Sie sah die Trauer: Eltern, die um ihre ertrunkenen Kinder weinten.

Dann fasste sie einen Entscheid. Die Lethargie musste weichen. Sie musste etwas tun und helfen. «Die Menschen brauchten Hilfe. Und diese lief nur harzig an. Die Fischer aber hatten alles verloren: ihre Boote, ihre Netze, ihre Hütten. Manche ihre Kinder. Manche ihre Familien.» Widmer sicherte sich per SMS finanzielle Unterstützung zu aus der Schweiz. Zuerst bei Wohlener Freunden, dann auch über die Region hinaus. Sie hatte noch einige Traveller Checks, die sie einlösen konnte. Es mangelte an allem: Essen, Wasser, Medikamenten, Kleidung.

Die Bilder gingen um die Welt. Südostasien und Teile der afrikanischen Küste waren katastrophal betroffen. Das Phänomen Tsunami war bereits vorher bekannt. Doch niemand ahnte die Gefahr, als vor Indonesien in der Nacht auf den Stephanstag ein heftiges Seebeben die Welle auslöste, die Stunden später auf die Küsten am Indischen Ozean traf. Mehr als 200'000 Menschen sollten ihr Leben verlieren. Allein in Indonesien über 110'000. 1,7 Millionen Menschen wurden obdachlos rund um den Indischen Ozean.

Die Resonanz auf Heidi Widmers SMS war riesig. Sie erinnert sich: «Im ersten, das ich erhielt, versprachen mir Freunde einen Betrag von 2000 Franken. Ich dachte zuerst, es handle sich um einen Irrtum und eine Null zu viel.» Doch laufend kamen Spendenzusagen herein. Ganze Schulklassen sammelten Geld. Und sogar die Sträflinge der Haftanstalt Lenzburg, wo Heidi Widmer vorher wöchentliche Malkurse gegeben hatte.

Mithilfe eines langjährigen Freunds vor Ort organisierte Widmer die Soforthilfe. Während viele der offiziellen Hilfswerke nicht recht wussten, wo anfangen und viele der Projekte über den sri-lankischen Staat liefen, handelte Widmer sofort. Mit lokalen Mitarbeitern kaufte sie bei Reisbauern Reis. Viel Reis. Und Milchpulver. Später auch Baumaterialien, Matratzen und Kleidung. Material, das sie in den abgelegensten Dörfern verteilten.

Hilfe zur Selbsthilfe

Mitte Januar waren bereits mehr als 70 000 Schweizer Franken Spendengelder zusammengekommen. Die Not war riesig. «So gross, dass wir vom Mob sogar bedroht und einmal ausgeraubt wurden», erinnert sich die Helferin. Widmer liess sich nicht beirren. Um die vier Tonnen Nahrungsmittel verteilte sie tagtäglich. Bis Ende Januar, als sie wieder zurück in die Schweiz reisen musste, waren an die 100 Tonnen verteilt. Ihre Hilfe führte Heidi Widmer bis 2008 fort. Sie erlangte Berühmtheit. In der Schweiz war sie das «Ein-Frau-Hilfswerk». Sogar die Direktion für Entwicklungszusammenarbeit Deza sprach vom «effizientesten aller Hilfswerke» im Tsunamigebiet.

Doch was bleibt? Etwas Ruhm und ein Frust über die internationale Hilfsindustrie. Hilfsgelder, die falsch investiert worden sind. Fischer, die von der Küste ins Landesinnere umsiedeln mussten. Neue Häuser, die bereits dem Zerfall geweiht sind – Heidi Widmer lässt dieses Jahr aus Protest eine Reise nach Sri Lanka aus.
Wellenbewegungen ziehen sich durch Heidi Widmers Tusche-Zeichnungen, die sie in den langen Nächten schafft. «Die Stunde Zero in Sri Lanka», steht auf der Titelseite ihres Tagebuchs. Die Apokalypse bedeutete nicht nur das Ende und den Neuanfang für die Abertausenden Betroffenen, sondern auch einen Riss in der Biografie der Schweizer Künstlerin.