Die Rothristerin Dominique Baumann arbeitet seit zweieinhalb Wochen in Guayaqui in Ecuador. Diese Stadt liegt rund 200 km vom Erdbeben-Epizentrum in der Provinz Esmeraldas entfernt. Dominique Baumann war im Bus unterwegs, als die Erde mit einer Stärke von 8,7 bebte.

Wie geht es Ihnen?

Dominique Baumann: Mir geht es gut, in unserem Quartier hat es wenig Schäden gegeben. Obwohl wir 200 Kilometer vom Epizentrum entfernt liegen, ist aber auch unsere Stadt betroffen und es hat sogar Tote gegeben. Ich habe am Sonntag fast permanent Nachrichten geschaut, es wurde live aus den am meisten betroffenen Gebieten berichtet. Es ist furchtbar zu sehen, dass ganze Landstriche zerstört sind.

Wo waren Sie, als die Erde bebte?

Ich hatte auch hier Glück, wir sassen im Bus auf der Rückreise von der Küste, als die Erde anfing zu beben. Es schüttelte den Bus mächtig durch und der Fahrer hielt unverzüglich an. Draussen hörten wir Menschen schreien und sahen sie aus den Häusern rennen. Sofort begannen alle im Bus zu telefonieren, denn noch wusste ja niemand, was genau passiert ist. Erst später erfuhren wir vom Ausmass des Erdbebens.

Was erlebten Sie, als Sie in Ihrem Wohnort Guayaquil ankamen?

Es war chaotisch. Weil das Stromnetz zusammengebrochen ist, war es fast überall dunkel. Man konnte nicht mit den Bussen nach Hause fahren, weil viele Brücken gesperrt sind. Zudem wusste man ja nicht genau, was einen zu Hause erwartet, ob das eigene Haus noch steht.

Und, wie sieht es zu Hause aus?

Ich habe Glück, bei mir ist noch alles ganz, dies sicherlich auch, weil ich in einem neueren Geschäftsquartier lebe und diese Häuser stabiler gebaut wurden. Ich habe aber auch Bekannte, deren Häuser beschädigt wurden, aber nie in diesem Ausmass wie an der Küste.

Wie laufen die Rettungsarbeiten?

Am Anfang suchten die Menschen mit blossen Händen nach Überlebenden. In der Zwischenzeit ist Hilfe eingetroffen und nun suchen die Menschen mit Werkzeug und Baggern nach den Vermissten. Oft finden die Helfer aber nur tote Menschen. Es gibt Gebiete, in die die Helfer noch nicht vorgestossen sind, weil sie von der Umwelt abgeschnitten wurden.

Gingen Sie am Montag «normal» arbeiten?

Ja, wir wurden über die Medien aufgefordert, mehr Zeit einzurechnen, um an unsere Arbeitsplätze zu kommen. Dies weil in unserer Stadt sehr viele Brücken gesperrt sind und zuerst abgeklärt werden muss, wie stark sie beschädigt sind. Noch weiss ich aber nicht, was mich am Arbeitsplatz erwartet.

Wie geht Ecuador mit diesem Erdbeben um?

Präsident Rafael Correa machte einen Besuch im Katastrophengebiet im Westen des Landes und sprach «von der schlimmsten Katastrophe in Ecuador seit 67 Jahren». Es soll in der Zwischenzeit mehr als 270 Tote geben und es wird von über 2500 Verletzten gesprochen. Hunderte Menschen gelten noch als vermisst. Der Katastrophenschutz teilte mit, dass nach bisherigen Erkenntnissen mehrere Tausend Gebäude zerstört wurden. In sechs Provinzen Ecuadors gilt der Ausnahmezustand. Am Montag waren sehr viele Geschäfte und Schulen in vielen Provinzen geschlossen. Mexiko, Kolumbien und Venezuela schickten Helfer in das Katastrophengebiet.

1979 gab es bereits ein grosses Erdbeben in Ecuador. Haben Sie gewusst, dass Sie in ein erdbebengefährdetes Gebiet ziehen?

Ja, ich habe gewusst, dass Ecuador auf diesem Feuerring liegt, der wegen Erdbeben und Vulkanen gefährdet ist. Es gab schon viele Beben hier, die aber kaum Schäden hinterlassen haben. Mit einem Beben dieses Ausmasses habe ich natürlich nicht gerechnet.

Wie geht es weiter?

In den Medien wird vor weiteren Nachbeben gewarnt und es haben seit Samstag auch schon drei bei uns stattgefunden. Regelmässig wird erklärt, wie man sich bei den Nachbeben zu verhalten hat und dass man eine Notfalltasche mit Lebensmitteln bereitstellen soll, dass man sich im Notfall selber versorgen kann.

Sind Sie sich schon bewusst darüber, was sie erlebt haben?

Nein, nicht wirklich. Anfänglich hat ja nur die Erde gebebt. Doch als ich die Bilder der Katastrophe im Fernseher gesehen habe, wurde mir klar, dass ich grosses Glück hatte.

Haben Sie sich schon überlegt, wieder nach Rothrist zurückzukommen?

Nein, passieren kann ja überall etwas. Ich bleibe weiterhin hier.