Eigentlich steht jetzt für SVP-Präsident und Nationalrat Thomas Burgherr aus Wiliberg die letzte Woche der Herbstsession in Bern im Zentrum. Doch gestern Montag musste er Fragen zu Sitzverlusten seiner Partei in den Regierungen gerade in Aarau und Wettingen beantworten. Die SVP sei erfolgsverwöhnt gewesen, sagt er. Es gebe andere Zeiten, in denen man auch mal verliere. Das müsse man akzeptieren, so Burgherr: «Man müsse sich aber auch die Frage stellen, warum es so weit gekommen ist.»

Herr Burgherr, die SVP wollte in den Städten stärker werden. Das Gegenteil ist geschen, wenn wir auf die Exekutivwahlen vom Sonntag blicken.

Thomas Burgherr: Es gibt nichts schön zu reden. Wir haben Sitze verloren. In Aarau gelang es uns trotz unserem sehr guten Kandidaten Simon Burger und einem guten Wahlkampf nicht, unseren Sitz zu verteidigen. Auch in Wettingen haben wir sehr gute Leute, trotzdem ging unser Regierungssitz verloren.

Sie betonen, die Verluste seien trotz guten Leuten erfolgt. Sie glauben also nicht, dass es an den Kandidaten lag?

Nein, früher mag es auch daran gelegen haben, diesmal aber definitiv nicht. Nehmen wir Suhr: Hier hatten wir mit Vize-Feuerwehrkommandant Beat Woodtli eine ausgewiesene Persönlichkeit im Rennen. Aber er konnte unseren vor elf Jahren verlorenen Sitz nicht zurückerobern. Wir haben für spannende Wahlen gesorgt. Das reicht uns aber natürlich nicht. Wir wollen gewinnen!

Aber wie?

Diese Frage treibt unsere kantonale Geschäftsleitung schon seit einem halben Jahr um. Wie gelingt es uns, in den Städten Wähleranteile zu gewinnen?

Zu welchem Schluss sind Sie in der SVP-Parteileitung gekommen?

Wir müssen neue Bevölkerungsschichten erreichen, indem wir wieder vermehrt zu den Leuten auf die Strasse gehen, wir müssen ihnen unsere Politik erklären, etwa im Finanz- und Sozialbereich.

Dass Sie das vermehrt wollen, kündigten Sie schon im Frühling an. Wurde es zu wenig gemacht?

Doch, zum Beispiel in Aarau und Zofingen wurde das gemacht. Dabei haben wir den Finger auf die wunden Punkte gelegt. Und gesagt, dass wir den Staat an die Wand fahren, wenn wir immer mehr ausgeben, dafür die Steuern erhöhen, und die Menschen weniger im eigenen Hosensack haben. Das kommt aber in den Städten nicht bei allen gut an, das haben wir gemerkt. Neue Wählerschichten anzusprechen und vor allem eine gute Personalpolitik brauchen Zeit.

Dann ändern Sie Ihr Vorgehen?

Inhaltlich gewiss nicht. Ich weiss, dass wir recht haben. Die Zeit wird uns – leider – recht geben, wenn wir nicht endlich die finanziellen Zügel anziehen.

Was wollen Sie sonst tun? Mehr auf Allianzen setzen, wie in Lenzburg, wo Stadtammann Daniel Mosimann (SP) mit vier Bürgerlichen regieren muss?

Auf jeden Fall. Das hat schon bei den letzten eidgenössischen Wahlen mit FDP und CVP funktioniert, ebenso bei den jüngsten Regierungsratswahlen. Bei allen Differenzen haben wir in finanz- und wirtschaftspolitischen Belangen gemeinsame Interessen. Dank dem haben wir heute – mindestens auf dem Papier – eine klare bürgerliche Mehrheit in der Regierung. In Aarau funktionierte diese Allianz am Sonntag aber nur halbherzig. Das Resultat: Eine gestärkte rot-grüne Mehrheit in der Regierung.

Es klappte auch im Einwohnerrat Baden nicht. Da verlor die SVP zwei Sitze.

Das wundert mich auch nicht. Wir hatten dort 40 Linien für 40 Namen zur Verfügung, konnten aber nur zehn davon füllen. Da sind wir selber schuld. Es irritiert mich, dass bei den Exekutivwahlen von allen Seiten betont wird, wie wichtig es ist, alle relevanten Kräfte und somit auch die SVP einzubinden. Doch wenn es konkret darum geht, die Konkordanz zu wahren, wird halt allzu oft einfach ein Machtspiel gespielt.

Aber wieso wollten so wenige Kandidaten auf der SVP-Liste antreten?

Es wird immer schwieriger, Leute für eine Kandidatur zu motivieren. Es ist dieselbe Entwicklung wie bei den Vereinen. Leider nehmen sich immer weniger Leute die Zeit dafür. Dabei sind Vereine für ein lebendiges Dorf und genug gute Kandidaturen das Lebenselixier für das Milizprinzip, das wir unbedingt behalten wollen.

Warum finden Sie die Leute nicht?

Leider hören wir von immer mehr Unternehmern, die wir in der Politik brauchen, es liege zeitlich nicht drin. Jetzt müssen wir halt noch härter arbeiten, um in den Städten so stark zu werden wie wir auf dem Land schon sind.

Was ist Ihre Lehre vom Sonntag?

Wir sagen ja immer: «SVP bei de Lüüt». Das müssen wir noch mehr umsetzen. Hinaus zu den Menschen, ihnen die Probleme und Lösungsansätze aufzeigen. Konkret: Wir müssen unsere Ortsparteien stärken. Wir sind die Kantonalpartei, die 150 Ortsparteien hat – mit Abstand am meisten von allen Parteien. Dieses Fundament müssen wir sichern. Es ist das Fundament, das zu den Erfolgen auf nationaler Ebene geführt hat. Jetzt müssen wir dafür sorgen, dass dieses Fundament nicht zu erodieren beginnt.

Wie arbeiten Sie die Ergebnisse auf?

Wie bei allen Wahlen: Wir analysieren die Ergebnisse kritisch und ziehen entsprechenden Folgerungen. Wir waren die letzten Jahre erfolgsverwöhnt. Es gibt andere Zeiten, in denen man auch mal verliert. Das muss man akzeptieren – aber sich auch die Frage stellen, warum es so weit kam.