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Aargauer SVP-Präsident Burgherr: «Vielleicht haben wir das Klima zu wenig thematisiert»

Er war lange unter Druck: Am letzten Sonntag konnte SVP-Aargau-Präsident Thomas Burgherr nach den für seine Partei erfolgreich verlaufenen Regierungsrats- und Ständeratswahlen etwas aufatmen.

Er war lange unter Druck: Am letzten Sonntag konnte SVP-Aargau-Präsident Thomas Burgherr nach den für seine Partei erfolgreich verlaufenen Regierungsrats- und Ständeratswahlen etwas aufatmen.

Thomas Burgherr (57, Wiliberg) tritt nach acht Jahren als Präsident der SVP Aargau zurück. Trotz eines Minus von 6,5 Prozent bei den Nationalratswahlen zieht er ein positives Fazit. Im Interview äussert er sich zudem zu seinen wichtigsten Helfern und seiner Gesundheit.

In seiner Zeit als SVP-Aargau-Präsident hat Thomas Burgherr viele Hochs und Tiefs erlebt: 2015 den Rekord-Wähleranteil von fast 39 Prozent, am 20. Oktober dieses Jahres den Einbruch bei den Nationalratswahlen, am letzten Sonntag die Wahl von Hansjörg Knecht in den Ständerat und Jean-Pierre Gallati in den Regierungsrat. Wer nächstes Jahr seine Nachfolge antreten soll, verrät Burgherr nicht, zu den Zielen der SVP Aargau hat er aber klare Vorstellungen.

Sie sind einen Tag vor dem zweiten Wahlgang als Präsident der SVP Aargau zurückgetreten. Wie waren die Reaktionen?

Thomas Burgherr: Es gab viele Leute, die mir schrieben und sich für die acht Jahre bedankten. Ich habe mir den Rücktritt wohl überlegt. Der Entschluss fiel schon vor einem halben Jahr. Nach dem ersten Wahlgang habe ich mich entschieden, es vor dem zweiten Wahlgang zu kommunizieren, damit der Entscheid von den Wahlen abgekoppelt ist. Denn der Rücktritt hat keinen Zusammenhang mit den Wahlen.

Den Zeitpunkt liessen Sie offen. Wissen Sie inzwischen mehr?

Ich werde im Jahr 2020 zurücktreten. Den genauen Zeitpunkt werde ich mit der Geschäftsleitung diskutieren. Im Vordergrund steht, was im Interesse der Partei das Beste ist.


Haben Sie schon mit Leuten gesprochen, die am Job interessiert sind?


Ja, ich habe schon mit Leuten gesprochen, die Interesse signalisiert haben – und es auch können. Wir haben eine solide Personaldecke und sehr gut qualifizierte Leute in der Partei.

Nennen Sie doch ein paar Namen.

Über Namen rede ich natürlich nicht.

Wie haben Sie die drei Jobs – Unternehmer, Nationalrat, SVP-Chef – unter einen Hut gebracht?

Ich habe die Engagements gut strukturiert. Ich habe bei mir im Geschäft einen Betriebsleiter, der das Unternehmen operativ führt. In der Partei habe ich mit Pascal Furer einen hervorragenden Sekretär; wir ticken ähnlich. Ohne ihn hätte ich das Amt des Parteipräsidenten nicht ausüben können. Der Politologe Urs Vögeli unterstützt mich punktuell bei meiner Arbeit als Nationalrat. Weil ich es effizient organisiert habe, ist das kein übermenschliches Pensum.

Analysieren wir das Wahlresultat. Die SVP hat im Aargau 6,5 Prozent verloren, das ist massiv über dem Landesdurchschnitt.

Wir müssen beide Wahlgänge zusammen anschauen. Wenn wir den Ausgang vom letzten Wochenende betrachten, dann darf ich sagen: Die SVP Aargau ist gestärkt aus den Wahlen hervorgegangen. Wieso? Wir sind in Bern nach wie vor mit sieben Personen vertreten, sechs Nationalrätinnen und Nationalräte plus ein Ständerat. Ein Ständeratsmandat ist gewichtiger als eines im Nationalrat. Und wir haben ein weiteres Ziel erreicht: die Verjüngung. Andreas Glarner und ich, die einzigen Bisherigen, haben erst eine Session hinter sich. Im Kanton konnten wir den zweiten Regierungsratssitz verteidigen. Wir haben mit Alex Hürzeler und Jean-Pierre Gallati zwei starke Regierungsräte.

Sie haben 6,5 Prozent verloren.

Das ist ein Wermutstropfen. Wir lagen 2015 bei fast 39 Prozent Wähleranteil, das war schwer zu halten. Dafür gibt es drei Gründe. Erstens hat die SVP gesamtschweizerisch verloren, weil die Themen für uns nicht stimmten – vielleicht haben wir den Fehler gemacht, dass wir das Klima zu wenig thematisiert haben. Zweitens die Situation um Regierungsrätin Franziska Roth ...

... die sich mit der Partei verkrachte und im Sommer zurückgetreten ist.

Ja. Das haben die Leute noch nicht vergessen. Ich habe auch entsprechende E-Mails bekommen. Ich selbst habe deswegen sicher ein paar tausend Stimmen verloren, denn ich habe die Verantwortung in der Partei getragen. Drittens die Causa Maximilian Reimann, der auf unserer Liste Platz gehabt hätte ...

... aber an der Altersguillotine der SVP scheiterte.

Falsch. Das hört man immer wieder. Das ist nicht so. Wir haben keine Altersguillotine. Wenn jemand 16 Jahre lang in Bern war oder 65 Jahre alt wird, muss die Person für eine erneute Nomination im SVP-Vorstand und bei der Delegiertenversammlung eine Zweidrittelmehrheit erreichen. Reimann hätte das locker geschafft. Er hat sich dem nicht gestellt. Er hätte Platz gehabt auf unserer Liste und wäre auch wiedergewählt worden. Es war seine Entscheidung, mit einer Seniorenliste anzutreten.

Was sind die Lehren, die Sie aus den Wahlen ziehen?

Wir haben in den grossen Gemeinden und Städten sehr viele Wählerinnen und Wähler nicht erreicht – auch im zweiten Wahlgang. Das bedrückt mich. Wir müssen schauen, dass wir die Leute besser ansprechen und einbinden.

Sie haben schon nach den letzten Wahlen gesagt, Sie müssten die Leute besser abholen.

Früher konnte man im Bären im Säli eine Veranstaltung abhalten und die Leute sind gekommen. Heute kommt niemand mehr – ausser ein paar wenige SVPler. Heute muss man hinausgehen, hinaus zu den Menschen, und ihnen sagen, was wir bieten und ihnen auch zuhören. Wir müssen jetzt überlegen, wie wir das machen: Telefonieren wir? Gehen wir von Tür zu Tür? Machen wir Standaktionen in den Quartieren?

Nochmals: Diese Analyse ist alt.

Das umzusetzen ist uns nicht in dem Ausmass gelungen, wie wir es uns vorgenommen haben. Das braucht aber auch Zeit und es war ein gesamtschweizerisches Problem. Zudem betraf es nicht nur unsere Partei. Alle traditionellen Volksparteien, also SP, CVP und FDP, sind bei den Wahlen in diesem Herbst abgestraft worden.

Was sind die Ziele der SVP für die Grossratswahlen nächstes Jahr?

Wir müssen schauen, dass wir dieselben Fehler nicht zweimal machen. Darum: Die Erkenntnisse aus diesen Wahlen müssen wir in die Grossratswahlen einfliessen lassen. Ziel ist es, dass wir gegenüber dem jetzt erzielten Wähleranteil zulegen können.

Was wollen Sie in der zweiten Legislatur in Bern erreichen?

Ich freue mich auf die zweite Legislatur. Die erste war zu Beginn überschattet von meinen gesundheitlichen Problemen, von denen ich mich erholt habe. Ich werde jetzt mehr Zeit investieren und höchstwahrscheinlich in zwei Kommissionen arbeiten können. Zunächst bleibe ich in der Staatspolitischen Kommission; dort geht es mir vor allem um die weitere Deregulierung. Wenn heute jemand ein Haus renovieren will, kann es Jahre gehen, bis die Bewilligungen vorliegen. Wir müssen schneller, effizienter sein. Ich werde mich auch dafür einsetzen, bäuerliche Liegenschaften besser zu nutzen – ein entsprechender Vorstoss von mir ist hängig.

Und die zweite Kommission?

Ich interessiere mich für die Kommission für Umwelt, Raumplanung und Energie, die Sicherheitspolitische Kommission oder die Gesundheitskommission – ich bin da ziemlich flexibel. Dort, wo ich schliesslich bin, engagiere ich mich aber mit voller Kraft für mehr Freiheit und Eigenverantwortung.

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