Elektroautos im Aargau

Aargauer Studenten bringen 100-jähriges Elektroauto wieder zum Laufen

Zwei Ingenieur-Studenten haben in Windisch ein 100-jähriges Elektroauto wieder zum Laufen gebracht. Warum sie zuerst lange tüfteln mussten, bevor sie loslegen konnten – und was sie am meisten überrascht hat.

Haushohe Gerätschaften stehen in der Halle im eleganten Haller-Bau der Fachhochschule in Windisch. In den 60er-Jahren vom Solothurner Architekten Fritz Haller geschaffen, sind die Hochschulgebäude aus Stahlträgern und Glas bis heute zeitgemäss geblieben. Während Haller später mit seinem Möbelsystem USM weltberühmt wurde, blieben seine Schulbauten im Aargau pflichtbewusst im Hintergrund.

Denn die Hauptrolle spielt hier das Wissen, die Neugier. Schaltkästen, Steuerungen und Kabelrollen stehen herum. Ein Student hantiert konzentriert an einer Testanlage.

Doch etwas passt nicht ins Bild: In einer Ecke, fast ein wenig verschämt-versteckt, hat jemand einen blauen Oldtimer parkiert. Klassische Kutschenform, glänzende Lackierung. Stählernes Fahrwerk, hölzerner Aufbau. Als wäre dieser Wagen aus einer anderen Zeit in die Windischer Halle gefallen.

Die FHNW-Bachelorstudenten Yanick Frei und Marc Müller haben den «Detroit Electric» von 1918 wieder zum Laufen gebracht.

Die FHNW-Bachelorstudenten Yanick Frei und Marc Müller haben den «Detroit Electric» von 1918 wieder zum Laufen gebracht.

Forschen am «Ur-Tesla»

Doch das blaue Bijou hat seine Berechtigung hier. Denn unter der Holz-Stahlblech-Karosserie steckt moderne Elektrotechnik. «Mechanisch war er ja in einem guten Zustand», sagt Student Marc Müller, als er die Gittertür zum abgesperrten Arbeitsbereich aufschliesst und langsam auf das Auto zugeht. «Aber die Batterien waren für nichts mehr zu gebrauchen.»
Moment: Batterien? In einem Fabrikat, das aussieht wie aus der Zeit des Ersten Weltkriegs? Ja, wir haben richtig gehört.

Das Modell heisst «Detroit Electric», Baujahr tatsächlich 1918, hergestellt von der Anderson Electric Car Company, Detroit, Michigan, USA. Bleibatterien versorgten das Auto damals mit Strom, trieben es an. Maximale Reichweite mit voller Ladung: 380 Kilometer. Zum Vergleich: Ein aktuelles Tesla Model 3 kommt mit einer Ladung etwa 500 Kilometer weit.

Heute wird der «Detroit Electric» als «Ur-Tesla» bezeichnet. Zu seiner Zeit war er vor allem bei Frauen beliebt: Verbrennungsmotoren mussten mühsam angekurbelt werden – beim «Electric» war das nicht nötig. Dreckige Abgase blieben einem erspart. Und die Weltpolitik verhalf dem in Serie gebauten Elektromobil ebenfalls zu grosser Beliebtheit: Benzin war während des Ersten Weltkriegs knapp und teuer, Elektrizität wurde zur willkommenen Alternative.

Die Bleibatterien waren völlig aufgebläht, als Marc Müller aus Wohlen und Yanick Frei aus Frenkendorf BL das Auto zum ersten Mal sahen. Die beiden 25-jährigen Studenten der Elektro- und Informationstechnik erhielten den Wagen von einem Sammler aus dem Seetal. Der Auftrag: ihn wieder fahrtüchtig zu machen. Was bei einem 100-jährigen Modell gar nicht so einfach ist, wie sich bald herausstellte. Marc Müller: «Der grösste Teil der Arbeit war, herauszufinden, wie das Auto überhaupt funktioniert.»

Unterlagen waren kaum zu finden. So fingen Müller und Frei pragmatisch bei Null an. Sie nahmen Messungen vor, probierten aus, zeichneten auf. Verstanden irgendwann. Und dokumentierten alles auf 130 Seiten.

System aus Litauen

«Wir erkannten, dass die Schaltung und der Motor praktisch noch im Originalzustand sind. Deshalb war für uns und den Besitzer klar, dass wir die Mechanik nicht verändern wollen», sagt Yanick Frei. Von der Konstruktion der Schaltung waren die Studenten beeindruckt: «Da hatte sich einer viel überlegt!» Mehr noch: Ihre Erkenntnisse sorgten gar für leise Enttäuschung.

«Auch wenn bei einem Tesla ein neuer Motorentyp verbaut wird: Vom Prinzip her hat man es damals genau gleich angestellt wie heute. Das ist schon ernüchternd: Zu merken, dass in 100 Jahren fast nichts an Fortschritt in Sachen Elektromobilität passiert ist», sagt Frei.

Weil die angehenden Elektroingenieure keine Erfahrung mit Automobilen hatten, wurde die Arbeit, die als Bachelor-Vorprojekt geplant war, aufwendiger als erwartet. Hinzu kamen äussere Umstände: Lieferschwierigkeiten. Der Besitzer gab einen Satz gebrauchter, aber tadellos funktionstüchtiger Lithium-Ionen-Akkus aus einem E-Peugeot mit.

Diese sollten in den «Detroit Electric» verbaut werden, um die defekten Bleibatterien zu ersetzen. Doch weil Lithium-Ionen-Akkus eine hohe Energiedichte haben, benötigen sie ein Managementsystem. Dieses überwacht ihren Ladestand und sorgt dafür, dass jede Zelle gleichmässig genutzt wird.

Ein Standard-Managementsystem kam nicht infrage; die Elektrotechniker brauchten ein frei konfigurierbares, um es auf die Bedürfnisse des Oldtimers abstimmen zu können. Sie fanden das System in Litauen. Doch aus 14 Tagen Lieferfrist wurden ganze vier Monate.

Zugeständnisse an die Sicherheit

Jetzt läuft der schöne «Electric» mit etwas mehr Spannung, aber nicht mit mehr Leistung. Seine Geschiwindigkeit: gemütliche 25 bis 35 km/h. Zugeständnisse an die Moderne mussten Frei und Müller in Sachen Betriebssicherheit machen. Liefen Komponenten wie Hupe oder Licht bisher auf unterschiedlichen Spannungen, sind jetzt alle auf 12 Volt normiert.

LED-Scheinwerfer sorgen für gute Sichtbarkeit, wo vorher Erkennungslampen leuchteten, sind jetzt Blinker verbaut, hinten ein Bremslicht. «Bei einer Testfahrt vergangene Woche sind wir in einem zu hohen Gang den Hang hinaufgefahren», erzählt Marc Müller.

Da habe das Überwachungssystem der Akkus reagiert. Und ausgeschaltet. Was sonst für einen Schreckmoment sorgen könnte, war hier eine Erleichterung, dass der neue Schutzmechanismus bestens funktioniert.

Gestern Freitag gaben die beiden ihre Arbeit ab. Und nächste Woche kommt der Besitzer vorbei, um sein altes neues Elektromobil abzuholen. Bevor er es nach Hause nehmen kann, darf er bei den Restauratoren in eine kleine Fahrschule.

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