Neue Geschäftsidee

Aargauer Start-up-Unternehmer sucht den Erfolg ausgerechnet in der Ukraine

Von Kiew aus bietet Philipp Stirnemann Finanzdienstleistungen für Schweizer Kunden an. Im Hintergrund der Dnjepr.

Von Kiew aus bietet Philipp Stirnemann Finanzdienstleistungen für Schweizer Kunden an. Im Hintergrund der Dnjepr.

Seit einem Jahr ist Philipp Stirnemann einer der wenigen Schweizer, die geschäftlich in der Ukraine tätig sind. Von dort aus bietet seine Firma Rasminka Treuhand-Dienstleistungen für hiesige KMUs an. Krieg und Korruption konnten ihn nicht abschrecken.

Ausgerechnet die Ukraine. Ein krisengeschütteltes Land, ausserhalb der EU, in dessen Osten ein Krieg tobt. "Das hat mit meinem Lebenslauf zu tun." Philipp Stirnemann kann nicht mit wenigen Worten erklären, wie er zum Investor im osteuropäischen Land geworden ist. Der 36-Jährige, in Endingen aufgewachsen, blickt aus seiner Wohnung in Zürich Altstetten. Lässt seinen Blick in die Ferne schweifen. 

Nicht nur mit seinen Gedanken ist er in den letzten Monaten viel in der Ukraine. Er verbringt auch rund die Hälfte des Jahres dort. In Kiew befindet sich das Büro des Start-up-Unternehmens, das er mit zwei Freunden und mit eigenem Kapital gegründet hat. Per Skype und E-Mail hält er Kontakt zum 10-köpfigen Team in Kiew, wo vom Konflikt im Osten des Landes nichts zu spüren ist.

Rasminka heisst das Treuhand-Unternehmen. "Warm-up" bedeutet das auf Russisch. Dahinter steckt die Idee, dass sich die Zukunft mit einer Finanzplanung gerade für neue Firmen optimal planen lässt. Stirnemann betreute als Consultant für eine internationale Wirtschaftsprüfungsgesellschaft jahrelang Grosskunden. 

Zaungast der Unruhen

Erstmals kam Stirnemann vor über drei Jahren nach Kiew. Eigentlich wollte er einzig sein Russisch verbessern, das er sich bei mehreren Aufenthalten in Moskau angeeignet hatte. Doch Ende 2013 wurde er zum staunenden Zaungast der Maidan-Unruhen, die zum Umsturz führten. "Meine Wohnung befand sich ganz in der Nähe", erzählt er. "Tagsüber war es ruhig. Nachts wagte ich mich nicht aus dem Haus."

Damit war sein Interesse geweckt. Er blieb am Puls des Landes. "Das Einkommensgefälle in der Ukraine ist riesig", sagt Stirnemann. "Wenige sind reich, viele mausarm, gerade auf dem Land." Eine eigentliche Mittelschicht wie in der Schweiz gibt es nicht. Der Ausbruch der Krise in der Ostukraine bedeutete einen herben Rückschlag, die Instabilität wirkte sich verheerend auf das Investitionsklima aus.

Ausländische Geldgeber kehrten dem 46-Millionen-Einwohner-Staat reihenweise den Rücken – zurückgekehrt sind nur die wenigsten. Der Riese im Osten Europas, fast 15 Mal so gross wie die Schweiz, geht seitdem am Stock. Das Bruttoinlandprodukt (BIP) stürzte ab. Für 2015 liegt es bei 90 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Das BIP des Kantons Zürich beträgt 138, jenes des Kanton Aargau 42 Milliarden Franken.

Dank seiner Russisch-Kenntnisse lernte der Schweizer in Kiew schnell viele Einheimische kennen. Und stellte fest: Hier leben viele top ausgebildete junge Menschen, die dank Studienaufenthalten gut Deutsch sprechen, aber in der Ukraine für einen Job 14 und mehr Stunden täglich arbeiten. Anders als etwa die Polen haben sie – wegen der fehlenden Personenfreizügigkeit – schlechte Karten, eine Stelle im EU-Raum zu finden.

Frankenschock als Initialzündung

So kam Stirnemann auf die Idee, Finanzdienstleistungen aus der Schweiz in die Ukraine auszulagern. Der Frankenschock Anfang 2015 wurde zur Initialzündung: "Ich war überzeugt, dass nun der richtige Zeitpunkt gekommen war." Leicht fand er top qualifizierte Mitarbeiter. "In Zürich wäre das für ein Start-Up unmöglich."

Anfang 2015 startete Rasminka. Heute bietet es Dienstleistungen aus den drei Bereichen Buchhaltung & Büroadministration, Business-Finanzplanung, Grafikdesign an. Die Kunden betreut und sucht Stirnemann vor allem in der deutschsprachigen Schweiz. 

Doch ist ein Start-up-Unternehmen in der Ukraine nicht ein Hochrisikoprojekt? Stirnemann lächelt. Er hat diese Frage erwartet. Er war sechs Jahre lang als Risikomanager tätig. "In der Ukraine sind die Lohnkosten viel günstiger – das ist ein Riesenvorteil", erklärt er. Das wiege die Kosten für das Risiko-Management auf. Die sensiblen Daten, mit denen die die Rasminka-Angestellten arbeiten, befinden sich auf Servern in der Schweiz. "Sie können in der Ukraine nicht gestohlen werden. Und nur einmal angenommen, uns würde auf einen Schlag das gesamte Mobiliar gestohlen – zwei Tage später könnten wir an einem anderen Ort die Arbeit wieder aufnehmen."

Bürokratie macht zu schaffen

Und die Korruption? "Damit bin ich noch nie konfrontiert worden", sagt er. Mit der überbordenden Bürokratie dagegen schon. Administrative und organisatorische Aufgaben wie Behördengänge können leicht so viel Zeit verschlingen wie eine Wanderung auf die Rigi. "Damit muss man klar kommen", sagt er.

2015 waren laut dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) nur 215 Schweizer bei der Botschaft in Kiew angemeldet. Stirnemann weiss von zwölf Schweizer Unternehmern in der Ukraine. Netzwerk und Beziehungspflege seien unerlässlich, gerade wegen der Rechtsunsicherheit, um sich auf geänderte Gesetze und Umstände schnell anpassen zu können.  

In Zürich liegen die Herausforderung woanders: Der Treuhandmarkt ist geprägt von einer hohen Kundenbindung. Stirnemann setzt mit Rasminka deshalb vornehmlich auf junge Unternehmen. Denn diese seien offen für seinen neuen Weg. Den Kundenstamm eines in Rente gehenden Treuhänders zu übernehmen, wäre nicht in Frage gekommen. "Rasminka schreibt schwarze Zahlen", sagt er. Allerdings investieren er und seine Partner den Gewinn gleich wieder ins Unternehmen. "Wir sind nach wie vor in der Wachstums- und Investitionsphase. Wir brauchen eine gewisse Grösse für den langfristigen Erfolg."

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